Nichts – was im Leben wichtig ist: Konkretes

Das Buch scheint in einem Dänemark ohne allgemeine Schulpflicht zu spielen. Pierre Anthon hat schon lange erkannt, dass nichts im Leben wichtig ist. Jetzt fällt ihm auf, dass sich daher nichts lohnt, getan zu werden. Und er verlässt die Klasse. Direkt am ersten Tag nach den Sommerferien. Und kommt nicht mehr zurück. Ok, eine sonderbare Sache mag man einem Buch zugestehen; vllt. gab es zwischen Schule und Pierre Anthons Eltern eine Einigung, die Agnes – die Ich-Erzählerin – nicht erfahren hat. Es ist für die Handlung und die Frage nach dem Sinn auch nicht ganz so wichtig. Es führt aber zu einem Problem, was sich auf mehrfache Weise in die Geschichte einschleicht: sie kann so NUR mit Kindern und Jugendlichen passieren. Bei der Welle, Herr der Fliegen und Battle Royale ist der Hintergedanke, dass das mit Erwachsenen auch so ablaufen könnte oder würde. Im Detail würden sich Erwachsene möglicherweise anders verhalten, aber grundsätzlich seien Erwachsene nicht besser, klüger oder weniger manipulierbarer als die Kinder und Jugendlichen in den jeweiligen Büchern. Bei Nichts ist das nicht so. Die Szenen, wie Pierre Anthon lachend auf dem Baum sitzt, die anderen auslacht und mit Pflaumen und Sprüchen bewirft und bespuckt (sollte er wirklich der Sympathieträger sein?), sind rein literarisch toll, aber was spräche dagegen, wenn Pierre Anthon gezwungenermaßen in die Schule ginge und dieselben Sätze und Phrasen seinem Lehrer an den Kopf wirft? Ganz einfach, der Lehrer hätte darauf Antworten. Der Lehrer hätte möglicherweise keine guten oder überzeugenden oder richtigen Antworten, aber er wäre nicht annähernd so hilflos wie die Kinder. Es würde sich vllt. eine philosophische Debatte entwickeln. Aber nein, das passiert nicht; die Autorin lässt eine solche Debatte nicht zu.

Das ist ein genereller Kritikpunkt meinerseits, weil es mir insbesondere praktisch unmöglich macht, mich mit irgendwem in der Geschichte zu identifizieren. Denn, wenn ich als Kind in der Klasse gewesen wäre, ich hätte angefangen, mit Pierre Anthon zu diskutieren. Einige meiner Argumente werde ich noch separat aufführen. Und einige Argumente, die mir erst als Erwachsenen eingefallen wären, auch, aber wie gesagt, die Geschichte würde mit Erwachsenen als Personen SO nicht funktionieren. (Soweit ich mich erinnere, kommt keine einzige wörtliche Rede eines Erwachsenen vor. Ein wenig wie in einem Peanuts-Film.) Das heißt, jede Lehre oder jede Aussage, die das Buch macht, gilt streng genommen nur für Kinder und Jugendliche, nicht für Menschen allgemein, im Unterschied zu den anderen genannten Büchern. Wenn überhaupt.

Hinzufügen möchte ich, dass die Kinder jetzt auch nicht die komplexesten Persönlichkeiten haben. Was jetzt insofern ok ist, als dass sie mehr für bestimmte Charaktereigenschaften stehen als für echte Charaktere, und diese Eigenschaften korrespondieren mit bestimmten philosophischen Positionen, die in einem philosophischen Diskurs gegenübergestellt werden, was aber insofern doch nicht ok ist, weil dieser Diskurs nicht stattfindet. Bzw., ICH als Leser kann mir Gedanken machen, ob das Ding, was für Kind xy „Bähdoitunk“ hat, auch für mich wichtig wäre, und warum bzw. warum nicht, aber das müsste eigentlich von den Figuren kommen. Und JA, ich traue auch Zwölfjährigen zu, zu sagen, warum ihnen ihre Sandalen, ihr Hamster oder ihre Religion wichtig sind, bzw. Bedeutung haben, bzw. ihren Leben Sinn verleihen. Oder, wenn diese Zwölfjährigen zu diesen Themen nichts zu sagen haben, auch gut, aber dann sollte man sie nicht zu den Hauptpersonen eines philosophischen Romanes machen.

Achja, die Philosophie. Wenn Pierre Anthon – sei’s Absicht, Zufall oder Artefakt der dt. Übersetzung – nicht „Sinn“, sondern „Bedeutung“ sagt, assoziiert Agnes das mit „jemand (Bedeutendes) werden“, eine unausgesprochene Erwartungshaltung der Eltern an ihre Kinder. Wenn Agnes nicht so eine dumme Nudel etwas weiter mitdenken würde, käme sie schnell darauf, dass ihr Leben noch keine Bedeutunk hat, weil sie noch nichts Bedeutendes geleistet hat. Das hieße, auf Pierre Anthon bezogen, dass das Leben an sich keine Bedeutung hat, aber ihres einmal eine haben könnte. (Übernehmen wir einfach das „wording“, woll?) Wenn man den Ansatz dann noch weiterverfolgte, täten sich eine Menge Fragen auf; angenommen, Agnessens Eltern wären Ärzte(m/w), und sie lebte unter der Vorstellung, selbst mal Medizin zu studieren. Täte sie das, weil (Reihenfolge ohne Wertung):

  • sie ihren Eltern eine Freude machen will?
  • Ärzte allgemein recht angesehene Menschen sind?
  • das ihren Talenten und Interessen am besten entspricht?
  • sie gerne Menschen hilft?
  • sie will, dass ihre Eltern stolz auf sie sind?
  • sie hofft, sich damit einen Lebensstandard zu sichern, der eine ausreichende Versorgung mit schicken Ledersandalen ermöglicht?
  • irgendwas man ja machen muss?
  • sie naive Vorstellungen vom Medizinerdasein hat?
  • Keks?

Das sind Fragen, die man sich ganz unabhängig von „Sinn“ und „Bedeutung“ stellen sollte, bevor man eine Ausbildung anfängt (oder jedenfalls, bevor man sie beendet), aber mit Zwölf muss man darauf noch keine Antwort haben.

Pierre Anthon würde sagen: „Wenn nichts eine Bedäutung hat, hat es auch keine Behdeutung, ob man ein Menschenleben rettet.“ Jedenfalls Geldverdienen hat für ihn keine Beedeutung. Ob Berufe für ihn generell keine Bedeutung haben, oder nur bestimmte nicht, wird nicht explizit ausgesagt, aber wenn NICHTS Bedeutung hat, hat auch kein Beruf Bedeutung. Also lohnt kein Beruf, ausgeübt zu werden. Also insbesondere nicht der Beruf des Arztes. Ziemlich am Anfang, als er mit Steinen beworfen wird, hätte er möglicherweise Grund gehabt, diese Annahme zu überdenken, aber das hat er anscheinend nicht. Unser Sympathieträger, hachja.

Jedenfalls, anstatt die offensichtlichen und weniger offensichtlichen Schwächen von Pierre Anthons Philosophie kontrovers zu diskutieren, beschließen die Kinder, einen „Berg der Bedeutung“ anzuhäufen. Dieser Berg soll bedeuten, dass das Leben Bedeutung hat. Bedeutung! Zuerst sammeln die Kinder einfach irgendwelches Zeug aus der Nachbarschaft ein, aber dann kommen sie zu dem Schluss, Dinge zu nehmen, die ihnen selbst etwas bädoyten. Findet den Fehler, liebe Kinder, findet den Fehler. Das ganze eskaliert entlang folgender Stufen:

  1. Versuchen, Pierre Anthon zu beweisen, dass das Leben beDeutung hat
  2. Einander beweisen zu versuchen, dass ihr Leben Bedöytung hat
  3. Sich selbst versuchen zu beweisen, dass das eigene Leben Bedeutung hat
  4. Etwas finden, was die #Bedeutung im Leben einer anderen Person ist
  5. Etwas weggeben, was bei 4. bestimmt wurde und dem eigenen Leben Bä-Doi-Tunck verleiht,
  6. Merken, dass man etwas aufgegeben hat, das dem eigenen Leben Sinn verlieh
  7. Merken, dass das eigene Leben somit sinnlos ist
  8. sich an wen anderes dafür rächen wollen, und dann weiter ab 4.

Es ist einfach unmöglich, dass DIE die Sympathieträger sein sollen. Die beiden Leute in Battle Royale, die die meisten Mitschüler töteten, hatten mehr Charaktertiefe als das. Vor allem, die zwei hatten genaugenommen wenig Auswahl – entweder, dass Spiel so effektiv wie möglich spielen oder sterben. Die Kinder in #Nichts haben die Wahl, zueinander grausam sein oder nicht.

DAS ist der Grund, warum ich die grausam, herdentriebgetrieben und leicht zu verunsichern nenne; der Grund, dass sie dumm sind, ist der BERG der Bedeutung. Die Unterhosengnome haben angerufen: „Euer Plan taugt nix!“ Warum muss das ein Berg sein? Wieso können die nicht einfach jeweils eine Sache zu Pierre Anthon bringen, darauf deuten und sagen: „Bae-Doit-Thung!“? Der eine Grund ist, dass die Schriftstellerin dann jedesmal schreiben müsste, wie Pierre Anthon jeweils darauf reagiert, so dass die Kinder die Möglichkeit hätten, ihre Taktik dahingehend zu optimieren und möglicherweise WIRKLICH etwas finden, was ihn überzeugt. Der andere Grund könnte sein, dass da „Synergieeffekte“ und „das Ganze ist größer als die Summe seiner Teile“ eine Rolle spielen sollen – wobei das nicht explizit im Text steht. Auch nicht implizit. Also eigentlich: gar nicht. Außerdem traue ich den Kindern so etwas nicht zu. Da wird die Geschichte also eher vom Ende her gedacht.

Jetzt will ich nicht bestreiten, dass das psychologisch schon einen Sinn hat (schönes Wort, nebenbei): wenn man etwas weggibt, was für einen Bedeutung hat(te), spürt man ein Gefühl des Verlustes, das man bei anderen Dingen nicht hat, wodurch man, wenn auch nur im Nachhinein, sich der Bedeutung dieses Dinges versichert. Nicht gerade die schlauste Methode, aber psychologisch nachvollziehbar. Leider ist sie im Kontext dieses Buches, mit dieser Geschichte, in der Pierre Anthon vom Sinn des Lebens überzeugt werden soll, in quasi jeder anderen Hinsicht dumm, dümmer, total beschoyert. Warum?

Zunächst einmal sind Gefühle, so echt sie auch sein mögen, schlechte Beweismittel, da man sie leicht vortäuschen und schwierig beweisen kann. Und auch, wenn behauptet wird, dass Pierre Anthon den Unterschied bemerken würde; er würde die Gefühle von Agnes für ihre Schuhe kaum teilen und könnte sagen: „Ich glaube Dir Deine Gefühle zwar, aber vllt. stimmt etwas mit Deinen Gefühlen nicht.“ Drittens kann Pierre Anthon auch einfach fordern, dass Gefühle keine Beweise sind/sein sollen.

Viertens spielt hier wieder rein, dass das Buch nur mit Kindern funktionieren würde. Jedenfalls in dem Umfang. Warum? Weil #schullektüre #nichtswasimlebenwichtigist #buchanalyse Erwachsene im Unterschied zu Kindern das Gefühl, etwas „bedeutendes“, „bedeutsames“ oder „bedeutungsvolles“ verloren zu haben, meistens schon kennen. Im Unterschied zu Kindern. Und daher, liebe Kinder, haben Erwachsene normalerweise weder das Bedürfnis noch sonst einen Grund, dieses Gefühl künstlich zu erzeugen. Ich bin erwachsen, ich wüsste Dinge, die mir wichtig sind, ich gehe aus Analogiegründen und Empathie davon aus, dass das bei anderen Erwachsenen genauso ist, und ich käme nicht im Traum auf die Idee, jemanden dergleichen opfern zu lassen. Erstens, weil ich nicht sadistisch bin, und zweitens, weil die oder der andere es nicht opfern würde. Es gibt Erwachsene, die würden eher _sterben_ als so etwas zu opfern. Es gibt, wenig überraschend, auch Erwachsene, die lieber töten, als so etwas zu opfern. Nicht, weil Erwachsene „bessere/schlechtere/andere“ Menschen sind, sondern weil sie diese Erfahrung, zu der die Kinder in Nichts sich „freiwillig“ zwingen, unfreiwilligerweise schon machen mussten und nicht wiederholen wollen. Dies mag nebenbei auch der Grund sein, warum viele Erwachsene das Buch so gar nicht mögen: sie empfinden das Verhalten nicht nur als sinnlos (sic: nicht „bedeutungslos“) und grausam, sondern als extrem soziopathisch.

Und, zu guter Letzt: was ist eigentlich Pierre Anthons Motivation hierbei? Ist er ein philosophisch besonders interessierter Junge, oder mehr ein so ein Mistkerl, der gerne andere Kinder auf dem Schulweg schikaniert? Wenn letzteres, wird er einfach immer weitermachen. Warum sollte er damit aufhören? Wieso sollte er jemals irgendwelche Beweise oder Argumente akzeptieren? Die ganze Klasse lässt sich von ihm fertig machen! Also, weiter im Text!

Wenn er aber an einer Diskussion interessiert wäre UND grundsätzlich bereit ist, sich von irgendwelchen Argumenten, Beweisen oder ähnlichem überzeugen zu lassen, UND irgendetwas, was die Kinder auf den Berg der Bedeutung legen könnten, würde ihn überzeugen – wieso müsste es das Ding selbst sein? Wenn bspw. ein Paar Wildledermädchensandalen der absolut hinreichende Beweis für ihn wäre, dass das Leben Sinn und Bedeutung hat – würde ein Foto dieser Wildledermädchensandalen ihn nicht genausogut überzeugen? Mal unterstellt, er bestreitet nicht die Existenz von Wildledermädchensandalen an sich, wie er mutmaßlich die Existenz von Ufos bestreitet. Eine Collage mit Bildern von Dingen mit Bedeutung hätte es also auch getan – entweder, er ist bereit, alle oder einige dieser Dinge als Beweis zu akzeptieren, dann wird er auch die Fotos dieser Dinge akzeptieren, oder, er akzeptiert sie nicht, mangels Überzeugungskraft oder weil er die anderen nur verarschen will. Dann haben die anderen aber nichts verloren, wenn es nicht klappt. Außer ein paar Polaroids. (Das Buch spielt in den Neunzigern.)

Also, liebe Kinder, wenn Euer Lehrer das Buch besprechen lässt, macht doch einfach den Vorschlag, eine Collage der Bedeutung anzulegen. Jedes Kind oder Jugendliche(r) in der Klasse steuert ein Bild von einer Sache bei, der soe Bedeutung zumisst. Die Collage wird dann aufgehangen. So dokumentiert Ihr einerseits Interesse und führt gleichzeitig die ganze Idee des Buches ad absurdum. Win-win!

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