Wie man sich gegen Worte immunisieren kann

„Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“

Dies schreibt Viktor Klemperer in LTI, lingua tertii imperii (Sprache des dritten Reiches). Der Spruch klingt gut, hat aber zwei Probleme: der Vergleich stimmt nicht, und er wird oft falsch oder zumindest ungenau angewendet. Ja, mein innerer Mendel*.

Arsen, von allen möglichen Giften, ist eines, an das man sich tatsächlich gewöhnt, wenn man es in kleineren Dosen einnimmt. Die Wirkungen sind dann: ein Wärmegefühl im Magen, Appetitsteigerung (und Gewichtsszunahme), Leistungssteigerung und glatteres, glänzenderes Haar (letzteres zumindest bei Pferden). Achja, und man kann später selbst solche Dosen schlucken, an denen man sonst sofort sterben würde.

Wie man sich denken kann, ist Arsen also nicht nur ein Gift, sondern auch eine Droge, deren Absetzen zu Entzug führt. Können Worte als leistungssteigernde Droge wirken? Eher nein.

Der andere Punkt ist, dass das heute sehr häufig auf Worte bezogen wird, die auf die damit bezeichneten Menschen eine giftige Wirkung hätten. Das ist nicht ganz falsch, aber offenbar nicht die Hauptsache. Was Klemperer wohl in erster Linie meint, ist die Wirkung auf die anderen Menschen, die das hören. Ein Künstler, der hört, dass seine Kunst „entartet“** sei, ist sicher verletzt, wütend, traurig und was auch immer. Aber – und da passt der Arsenvergleich vllt. sogar wieder – es besteht die Möglichkeit, dass er sich dagegen immunisiert und trotzdem weiter seine Bilder malt, Statuen schnitzt oder Pappmaché-Mobilés baut: „Ja, die Scheiß-Nazis ärgert das, ich fühle mich herausgefordert, jetzt erst recht weiterzumachen. Hoffentlich kriege ich später keine Entzugserscheinungen.“

Was die Wirkung auf den Rest der Welt betrifft, die dauernd „Das ist entartete Kunst.“ „Jenes ist auch entartete Kunst.“ „Diese Kunst ist entartet.“ hört, so kann sie das, weil nicht unmittelbar betroffen, verinnerlichen, ohne dagegen irgendeine Abwehrreaktion zu zeigen. Irgendwann nimmt sie das achselzuckend als „gegeben“ hin.

Nun, wie kann man sich dagegen schützen, achselzuckend daneben zu stehen? Die Konsequenz ist ja hoffentlich nicht, dass man den Bildern, Metaphern und Vergleichen der Sprache – und damit deren nicht weiblichen Benutzern und Benutzerinnen – hilflos ausgeliefert sei. Was leider recht wenig hilft, ist, mit Leuten zu diskutieren, die bestimmte Begriffe verwenden. Man kann es versuchen, und in einigen Fällen erreicht man tatsächlich etwas, weil jemand „entartet“ tatsächlich nicht mit Krebs in Zusammenhang brachte, aber naja. Selbst, wenn jemand ein Wort nicht SO gemeint hat, fühlt soe oft sich in die Ecke gedränt, weil man leider zu undiplomatisch ist, und wenn jemand das doch SO gemeint hat, wird soe so tun, als wäre man undiplomatisch.

Eine Möglichkeit ist es aber, dass man sich nicht in einer Filterblase verbarrikadiert – wenn man zu einem bestimmten Kunstwerk unterschiedliche Meinungen hört, ist man erstmal nicht dem Gruppenzwang unterworfen, und man hört (theoretisch) auch unterschiedliche Begründungen zu unterschiedlichen Meinungen. Und, wenn man seine Filterblase sowieso verlässt, vllt. versucht man sich in die Lage anderer Leute zu versetzen. Ich halte die Wirkmacht von Worten in Aussagen oder Wörtern isoliert für nicht so groß, wie manche Leute behaupten, andererseits ist die Wirkmacht nicht gleich Null, und eine Wortwahl wie „entartet“ ist normalerweise auch kein Zufall.

Zweitens: selber denken. „Ist es eigentlich sinnvoll, zu behaupten, dass ein Kunstwerk – und sei es auch noch so hässlich – so schlimm sei wie eine tödliche Krankheit? Oder wissen die einfach nicht, was ‚entartet‘ bedeutet?“ Ohne Nazi-Sprech relativieren zu wollen, Klemperer kannte sich mit Sprachen offenbar besser aus als mit Toxikologie und baut das Arsen-Bild. Ein schlechter Vergleich oder eine ungeschickte Metapher beweist natürlich nicht, dass die Aussage falsch ist; es geht mir hier darum, Aussagen zu analysieren und zu hinterfragen. Bei Kemperer steht hinter der irreführenden Arsen-Analogie ein plausible Aussage, bei der „entarteten Kunst“ nicht. Selber denken ist auch gut, wenn jemand jemanden zitiert, und das Zitierte bedeutete im ursprünglichen Kontext etwas anderes als die zitierende Person denkt, oder stimmt nur in einem recht eng definierten Zusammenhang, oder die zitierende Person weiß das, ist aber ironisch, oder – ach Quatsch – die zitierende Person hat das Zitat richtig verstanden, und man selbst war auf dem Holzweg, oder-oder-oder…

Drittens: weiter Denken. Was könnte jemand wollen, dass die Konsequenz z.B. aus der Aussage sei, bestimmte Bilder wären „wie“ Krebszellen? Krebszellen versucht man normalerweise zu entfernen oder abzutöten. Hmmm…

Viertens: sich selber immunisieren. Wenn man häufiger bestimmte Aussagen hört, die man als Blödsinn erkannt hat: weiterhin als Blödsinn betrachten. Eine Aussage wird nicht dadurch wahr, dass sie andauernd wiederholt wird. Außer im Bereich der Rechtschreibung, wenn genug Leute „genug“ „genuk“ schreiben, kommt das irgendwann ins Wörterbuch.

Und zu guter Letzt, Gegenrede. Wenn man (Du) das Gegenüber nicht überzeug(s)t, weil man (DU) wie immer nicht diplomatisch genug (b)ist, irgendwer anderes hört oder liest das und nimmt Deine Argumente auf. Also:

Kein Mensch ist toxisch! Selbst, wenn er Arsen isst!

 

*wurde berühmt durch Experimente, bei denen Erbsen gezählt wurden.

**der Begriff wird sonst im Zusammenhang mit Körperzellen verwendet, die zu Krebszellen werden; das Bild ist bildlich gesprochen eine potentiell tödliche Krankheit (die den ansonsten gesunden „Volkskörper“ befällt)

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