STD-Apologetik-Kritik

Neues Wort! Bezieht sich auf diese Review, und, obwohl ich den Optimismus darin bewundere, hält es mich paradoxerweise um so mehr davon ab, Disco zu sehen.

Der erste Kritikpunkt wird ab 2:30 behandelt. Obwohl Disco nur rund zehn Jahre vor TOS spielt, sieht alles anders aus. Jetzt muss man natürlich einsehen, dass die in den 60ern nicht viel Geld für Kostüme, Kulissen, Maske und Spezialeffekte haben, und das sieht man den Folgen auch an. Roddenberry hätte natürlich – da habe ich keinen Zweifel – detailliertere Kulissen, „echt“ aussehende Aliens und viel schickere Spezialeffekte gehabt. Nur, sieht STD nicht nur schicker aus, sondern komplett anders. Keine warmen, hellen Farben. Und wenn man schon das Setdesign ändert, zumindest die klassischen Uniformen, mit ihrem schlichten Schnitt und dem einprägsamen Farbschema hätte man lassen sollen. Erstens passt das besser zur aufgeklärten, vernünftigen Utopie der Föderation, und zweitens, show, don’t tell: Zeigen, nicht erzählen. Wenn man einen Film in den Siebzigern spielen lässt, erkennt das Publikum das an der 70er Technik, der 70er Mode und der 70er Zigarettenwerbung. Woran erkennt das Publikum, dass das ein Jahrzehnt vor Kirks Fünf-Jahres-Mission liegt? An den komischen Uniformen mit den protzigen Schulterstücken jedenfalls nicht, und an den Holos erst recht nicht.

Ab 3:30 geht’s darum, dass Micheal Burnham, „die Hauptperson“, Spocks Adoptivschwester ist. Ok, Sternenflottenpersonal im allgemeinen und Spock im Speziellen reden kaum über Eltern, (Ex)-Partner, Geschwister oder Kinder. Stendig tauchen irgendwelche (Ex)Angehörige auf, von denen nie zuvor die Rede war. Das liegt nicht daran, dass etwas die Drehbuchautoren sich besagte Personen erst extra für diese Folge ausgedacht haben, sondern ist die logische Konsequenz, dass Leute mit einem glücklichen Familienleben nicht zur Sternenflotte gehen. („Ich liebe meinen Partner. Unsere Kinder gehen zur Schule. Ich verstehe mich super mit meinen Eltern und Geschwistern. Und Schwiegereltern. Und Nachbars Hund. Wo muss ich unterschreiben, damit ich das alles für FÜNF Jahre verlassen kann????“) Merkterselber. Angehörige bekannter und beliebter Kanon-Charakter sind aber gutes Mary-Sue-Material. Außerdem, warum braucht ST eine Hauptfigur? Kann das kein Ensemble sein?

ab 4:15 geht es um „Look und Design“: Yäy, klingonisch mit Untertiteln. Also natürlich „yay“, Sieg! Dass Klingonen hingegen immer anders aussehen, stört mich weniger. Klingonen sind nunmal diverser als andere Völker (wir). Andrerseits, man hätte auch ganz einfach verschiedene Klingonendesigns gleichzeitig zeigen können. Die 24 unterschiedlichen Klingonengruppen, die vereinigt werden sollen, stellen einfach unterschiedliche klingonische „Rassen“ dar, mit unterschiedlichen Stirnwülsten, und wenn mal solche und mal solche sieht, liegt das daran, dass mal die einen und mal die anderen im Reich das Sagen haben. Das kommt von „Wollen“ und nicht von „Können“, sonst hießen „Stirnwülste“ „Stirnkünste“. Und ja, Trekkies sind verwöhnt, was Erklärungen von Änderungen betrifft. Erklärungen zeigen, dass sich die Macher Gedanken machen.

ab 9:45 geht es um Modernisierungen für den Mainstreamgeschmack. Ja, ok, das mag eine Erklärung sein, warum es anders aussieht, aber keine dafür, dass es komplett anders aussieht. Bzw., wenn man keine Nostalgiegefühle wecken wollte, sondern mit komplett neuen Designs ein komplett oder größtenteils neues Publikum erreichen will – warum spielt die Serie in der TOS-Ära? Offenbar wollte man beides, neues Publikum und Nostalgiefaktor. Offenbar ist dies ein Widerspruch, den die nicht gescheit aufgelöst haben. Wäre es kein Prequel, gäbe es diesen Widerspruch nicht.

ab 11:15 geht es um den Kanon. Ja. Soweit ich weiß, gibt es eine Erklärung, die Disco mit anderen Franchise-Beiträgen kompatibel macht. Wäre jetzt wiederum kein Problem, wenn es keine VOR-Geschichte wäre. Aber ja, eventuelle Fragen, warum Phänomen x und y bei Picard und Sisko keine Rolle spielen, werden so beantwortet.

ab 12:00 die Gretchenfrage. Ist das noch Star Trek? Jetzt kann sich jeder selbst eine Star-Trek-Definition basteln, aber meine zumindest ist jetzt eben NICHT das Dilemma mit dem Kategorischen Imperativ, sondern die, dass Feinde irgendwann aufhören, Feinde zu sein, ohne, dass man sie vorher umgebracht hat. Die Dilemmata sind halt der Bonus. (Das Dilemma der ENT-Folge mit dem Doktor und dem Völkermord löst sich vllt. noch ganz anders. Vllt. entwickeln die ein Heilmittel, vllt, rotten die das andere Volk aus, vllt. auch beides. Davon könnte man noch hören.)

ab 15:00 ACHTUNG, Spoilerbereich, kommt ein „Dilemma“, das nicht annähernd so interessant ist. Erstens, das Dilemma ist weder, „Wie gehen wir mit Schuldigen um, die ihre Schuld gesühnt haben?“ noch „…, die für ihre Untaten nicht zur Verantwortung gezogen werden können?“, weil Tyler nicht schuldig ist. Weil er nicht schuldfähig ist. Boing. Das gibt der Rezensent einfach falsch wieder. Zweitens, wenn jemand nachweislich nicht dauerhaft schuldunfähig ist, kann soe tatsächlich in die Gesellschaft wiedereingegliedert werden. Dieses Dilemma ist theoretisch tatsächlich gelöst. Praktisch würde man als wieder schuldfähige Person vllt. lieber nicht mit Leuten zusammensein wollen, die einen aus der schuldunfähigen Phase her kennen, vermute ich mal, aber wer weiß. Die Sache mit dem Bärtierchen ist schon interessanter. Können Bärtierchen leiden?

ab 17:00 der Geist Roddenberrys. Spontan würde ich sagen, Roddenberry hat Klingonen nicht eingeführt als Leute, die einen respektvoll, und nur dann respektvoll behandeln, wenn man ihnen direkt aufs Maul gibt. Oder sie direkt beschießt. In der Folge mit dem Tribblen ging es tatsächlich darum, sich nicht von ihnen provozieren zu lassen. Leider waren die Klingonen psychologisch geschickt genug, Scotty emotionalen Schwachpunkt zu finden. Auch hier gibt Hary uns eine andere Definition vom „Geist Roddenberrys“: die Leute dürfen sich nicht untereinander zanken. Ob DAS tatsächlich Roddenberrys Idee einer perfekten Gesellschaft war, sei mal dahingestellt. Ich muss aber, um mit Burnham zu sympathisieren, ignorieren, dass Klingonen durchaus intelligenter und komplexer sind, als dass man sie durch ein „vulkanisches Hallo“ vom Angriffen abhalten kann. Manchmal sicher, manchmal sicher nicht, und manchmal werden sie erst angreifen, weil man sie beschossen hat. Wie hätte man dies Story behalten können, UND Burnham (und evt. auch Sarek) nicht so dumm erscheinen lassen? Achja, wenn das kein Klingonen wären, und/oder das nicht in einer bekannten Epoche spielte!

ab 18:15 gibt es dafür den guten Einwand, dass nur die Enterprise die handverlesenen, moralisch/ethisch kompetenten Leute abgekriegt hat, und der Rest mehr so „Normalos“. Eben auch die Discovery. War das dann Absicht, oder legten die Drehbuchautoren(m/w/d) einfach keinen Wert darauf?

ab 19:30 die eigentliche Apologetik. Endlich! Ähh, doch nicht. WER genau hat sich über folgenübergreifende Handlungs- und Charakterbögen wie bei Lost, bei GoT und – nicht zu vergessen – DS9 beschwert? So gut wie niemand? Also ist dafür jetzt eine Rechtfertigung eher überflüssig? Ja? Die Legende von „Fuck the Fans“ ist ja witzig. Dasselbe sagen die Kellnerinnen beim Konditor bestimmt auch über ihre Stammkunden. Als Kellner ist man natürlich voll auf deren Seite. Das mit den Kosten, die man über ein größtmögliches Publikum wieder reinkriegen muss, ist sicher richtig, und dass Stammkunden bzw. Fans schwerer zu befriedigen sind als die „Laufkundschaft“ ist bestimmt auch richtig (Ich bin definitiv ein Slan.). Aber wie hätte man ein NOCH größeres Publikum abgegriffen? Indem man einfach die Story nach Nemesis und dem Dominion-Krieg hätte spielen lassen. Kein „Fan“ – die genaue Grenze zwischen Fan und „normalen Publikum“ kann keiner definieren – hat ernsthaft gefordert, dass die nächste ST-Serie zehn Jahre vor TOS spielen sollte. Bzw., vllt. waren das Klaus und Tina. Aber Klaus und Tina wollten dann bestimmt auch, dass die Pullis Gelb, Rot und Blau zu schwarzen Hosen sind, und keiner Poser-Schultern hätten. Jetzt sind Klaus und Tina auch enttäuscht.

Der Rest ist jetzt Vorschau für die zweite Staffel. Dazu gibt’s ein eigenes Video und eine eigene Kritik.

Ein Gedanke zu “STD-Apologetik-Kritik

  1. STD’s (_sexually transmitted diseases_) sind vermeidbar. Benutzt Kondome. Und mal ehrlich: Ne Fernsehserie so zu benennen ist genauso dumm, wie den weiblichen Hauptcharakter zu einer Mary Sue namens Michael zu machen.

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