Ach Volksverpetzer

Bzw. Joshua Ben.

Ok, niemand muss Dieter Nuhr lustig finden. Niemand muss irgendwen oder was lustig finden. Man kann die Lustigkeit einer Person oder Sache auch gerne daran festmachen, ob aktuelle technische oder naturwissenschaftliche Erkenntnisse korrekt verarbeitet wurden. Aber wenn man die Fehler anderer Leute aufdeckt – was ja Sinn und Zweck von Volksverpetzer ist – ist Sarkasmus kein Ersatz für Sorgfalt.

Dein Streitpunkt mit Nuhr besteht darin, dass der darüber einen Witz macht, dass CO2-Einsparung bedeutet, weniger zu heizen. Bei seiner Tochter. Ok, mal davon abgesehen, dass es relativ schwer ist, genau ein Zimmer im Haus gar nicht zu heizen, die anderen aber schon, auf einem ganz allgemeinen Level bedeutet CO2-Einsparung Verzicht. So zu tun, als wäre das nicht so, ist einfach falsch. Dass das eine Überspitzung zu Satirezwecken gewesen war, hätte man tatsächlich auch so erkennen können, ohne das Nuhr den Oberlehrer gibt; eine Überspitzung damit zu kritisieren, dass das eine Überspitzung ist, ist etwas sinnlos.

Im Konkreten kritisierst Du aber ja nicht die Überspitzung als solche, sondern dass Nuhr in seiner Apologetik sagt:

Ein Drittel unserer Emissionen entstehen durch Wohnen, sprich Warmwasser und Heizung.

Wo Du feststellst:

1. Die Zahlen stammen aus dem Jahre 2007 und sind damit hoffnungslos veraltet.

Offengesagt, Du beziehst Dich auf ein Interview. In dem Interview stehen keine Links. Du nimmst an, er bezöge sich auf das hier. Das kann sein, muss aber nicht. Vllt. hat Nuhr mal vor zwölf Jahren mal genau diese Seite gelesen, sich die Zahlen gemerkt, und nie wieder danach gegoogelt. Vllt. hat er es auch in einem Buch gelesen. Vllt. hat er aber sogar – auch das wäre tatsächlich möglich – aktuellere Werte zugrunde gelegt und großzügig gerundet. Du weißt es nicht. Du behauptest einfach nur, dass Nuhr auf „Jahrzehnte“ alten Daten aufbaut (eins komma zwei Jahrzehnt, wenn man es mit der Mathematik genau nimmt). Das ist unredlich, selbst wenn es wahr wäre. Aber weißt Du, was Nuhr sonst noch falsch macht? Er bezieht sich explizit auf Heizung und Warmwasser, in Deinem Link sind das aber nur 75% und 12% von den 30% in dem Tortendiagramm, die restlichen 13% sind Elektrogeräte und Beleuchtung; ergo sind 2007 nur 26% der Energieverbräuche für Trinken und Warmwasser verwendet worden, weshalb man mit runden eher auf ein Viertel als ein Drittel kommt. Behalt das mal im Hinterkopf. (Und es gibt tatsächlich NOCH einen, oder genauer gesagt, zwei Gründe, warum es für Nuhr legitim wäre, Zahlen aus 2007 zu verwenden, was er vllt. gar nicht gemacht hat, und sogar von „einem Drittel“ zu sprechen, auch wenn er sich auf Heizung und Warmwasser bezieht.)

2. Wenn man eine Aussage zu Emmissionen treffen möchte, sollte man schon in der Lage sein, die Transferleistung zu erbringen, dass Energieverbrauch und Energieemissionen zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

Ok, hier bringt Nuhr zwei Dinge durcheinander. Möglicherweise mit Absicht, um seinen Witz zu retten, möglicherweise aus Dummheit. Aber nur, weil Nuhr Unrecht hat, hast Du nicht Recht.

Die Haushalte sind zwar für 26% der Energieverbäuche aber nur für etwa 9% der Emissionen verantwortlich. Heizen und Warmwasser sogar nur für 7%.

Du widerlegst „seine“ Zahlen mit zwei Graphiken, einmal die Aufschlüsselung nach CO2-Äquivalent-Emissionen über die letzten Jahrzehnte, und einmal als Tortendiagramme nach Energieverbrauch für 2017. Ok. Wie Dir aber hätte auffallen müssen, kommen in beiden Graphiken „Haushalte“ vor, aber beim Tortendiagramm mit den Verbräuchen ist das nur eine von vier Kategorien, bei den Emmissionen eine von acht. Und nein, die anderen drei Kategorien – Industrie, Verkehr und Gewerbe -sind bei den acht auch enthalten, es scheint also nicht so zu sein, dass bspw. „Industrie“ noch weiter aufgeteilt ist. Aber vllt. doch, man weiß es nicht. Jedenfalls fallen mir drei Sachen auf:

  1. 2017 haben „Haushalte“ 26% aller Energieverbräuche. Könnte es sein, dass das nur die für Heizen und Warmwasser sind, und somit dieselben 26% wie 2007?
  2. Warum hat „Verkehr“ in seinem Tortendiagramm oben links fast nur Mineralöl als Energiequelle? Werden elektrische Züge und Straßenbahnen nicht mit Strom betrieben, der hier nur mit 1,5 % zu Buche schlägt? Ist das nicht sehr wenig?
  3. In der Emmissionengraphik kommt auch – und zwar mit über 33% – die „Energiewirtschaft“ vor.

Mal überlegen, warum die nicht bei den Energieverbräuchen vorkommt. Grübelgrübel. Achja, die Energiewirtschaft ERZEUGT ja Energie. Also Strom. Und gelegentlich auch Fernwärme, je nach System. Das wäre ja ein „negatives“ Stück im Kuchen.

Das heißt jetzt aber, dass man die beiden Graphiken jetzt aber nicht gescheit vergleichen kann. Man müsste die CO2-Emissionen der Energiewirtschaft auf Strom und den Teil der Fernwärme umlegen, der von der Energiewirtschaft erzeugt wird (und nicht von der Land- oder Forstwirtschaft, was aber kein großes Stück vom „Kuchen“ sein wird), und diese Emissionen über die jeweiligen Anteile den Haushalten zuordnen. Ach, und um die Sache komplizierter zu machen, Heizungsanlagen verbrauchen auch Strom. Nicht nur Elektroheizungen, auch Pumpen, Zusatzheizungen, Wärmepumpen aller Art, Lüftungsanlagen, die Schnecke für eine Pelletsanlage…

Um das etwas zu vereinfachen, Haushalte verbrauchen 129 TWh Strom, die anderen drei Tortenstücke 147+12+232=391 TWh, macht zusammen 520 TWh.

Demnach 129/520=0,248, also 25% oder knapp ein Viertel.

Zu den (2018) 82 Mio. to CO2-Äquivalent kämen demnach noch 25% von den 299 Mio. to aus der Energiewirtschaft, also rund 75 Mio. Tonnen. Schwupps, hat sich der CO2-Anteil der Haushalte knapp verdoppelt. Ja, da hilft Heizung abdrehen jetzt auch nicht unbedingt so viel, aber dass Haushalte nur 9% aller Emmissionen verursachten, halte ich mal für Schönfärberei.

wenn Du bei Dir zu Hause nicht mit nem Kohleofen heizt, dann würde Deine Tochter nicht im entferntesten verstehen, worauf Du hinaus willst.

Ja, er sollte ihr zusätzlich den Computer ausschalten. Außerdem, vielleicht heizen die tatsächlich mit Kohle, bzw., die „1/3 unserer Emissionen“ beziehen sich auf den Haushalt Nuhr? Oder – ok, ich spekuliere, aber DU hast damit angefangen – vllt. benutzt Nuhr Zahlen aus noch VOR 2007, weil seine Heizung so alt ist? Davon mal abgesehen, rein statistisch heizen Nuhrs mit irgendeinem fossilen Energieträger – Kohle, Öl, Gas – weil die die häufigsten sind. Wenn die Subventionen darauf gekürzt werden, wie FFF das ja tatsächlich fordert, werden sie automatisch teurer. D.h., da diese Kosten an den Endverbraucher, z.B. Herrn Nuhr, weitergereicht werden, könnte dieser sich veranlasst sehen, diese Mehrkosten durch Konsumverzicht, also weniger Heizung, zu drosseln. Ja, ist ein bisschen asi.

In diesem Zusammenhang, Dir ist schon klar, dass Durchschnittswerte jetzt wirklich Durchschnittswerte sind? Heutige Dämmung, also die von Neubauten, ist ganz was anderes als die von vor zehn, vor zwanzig oder vor dreißig Jahren. Bei gleicher Dämmung und Heiztemperatur erzeugt eine Kohleheizung mehr CO2 als eine mit Erdöl, und die wiederum mehr als eine mit Erdgas. Und das Heizverhalten ermöglicht auch noch Schwankungen von +-50%, wo wir wiederum feststellen müssen, dass das das mehr ist, als das, was Nuhr „vorgeschlagen“ hat. Es gibt Leute, deren individuellen Emissionen für Heizung bestimmt niedrig im einstelligen Prozentbereich liegen, und manche, da sind es bestimmt 50%.

Dann erläutert Nuhr verschiedene andere drohende Katastrophen, die mehr oder weniger elegant abgewehrt wurden. Und da hat Nuhr natürlich unrecht, weil sie genau deshalb abgewehrt wurden, weil etwas unternommen wurde. Anstatt Satire darüber zu schreiben. Aber was machst Du? Du versuchst witzig zu sein. (Ehrlich, nur, weil Du denkst, dass Du witziger bist als Nuhr…)

Die Diskussion um Stickoxide hatte und hat wenig mit dem Klimawandel zu tun.

Rinderwahnsinn erst recht nicht. Ozonloch ganz am Rande, weil FCKW auch Treibhausgase sind (aber das sind Stickoxide auch), und Waldsterben zwar schon, die Diskussion seinerzeit hatte den Klimawandel aber nicht im Fokus. Mal abgesehen davon, dass es bei der Stickoxid-Diskussion auch um Dieselfahrzeuge geht, und die wiederum hängen tatsächlich mit dem Klimawandel zusammen, weil Diesel weniger CO2 je gefahrenen Kilometer im Durchschnitt verbrauchen. Ist aber egal, wie viel oder wenig das miteinander „zu tun“ hat, denn offenbar hat Nuhr nicht einmal angedeutet, dass (die Diskussion um) Stickoxide etwas mit dem Klimawandel zu tun hätte, oder jedenfalls nicht mehr als der Rinderwahn.

Wie viele Volksverpetzer-Artikel lauten: „Das hat xy gar nicht gesagt?“ Verpetzt Ihr Euch auch mal gegenseitig?

 

Und ja, Klimawandel gibt es. Menschen gemachten, durch u.a. Heizung verursachten Klimawandel. Und Nuhr nimmt das Problem nicht ernst, tja. Aber wen willst Du so überzeugen? (Die sonderbare Humorlosigkeit, die er manchmal an den Tag legt, ist mir übrigens auch schon aufgefallen.)

Ergänzung hierzu:

In unserem ersten Artikel Anfang Oktober kritisierten wir, dass Nuhrs Greta-Witz keine Satire ist, weil er auf Kosten von Schwächeren geht.

Das habt Ihr in der Tat getan, aber ein Witz auf Kosten von Schwächeren kann trotzdem Satire sein. Satire muss nicht lustig sein (falls ja, wer würde das entscheiden?). Satire ist quasi nie fair (daher sind Sprüche wie „nicht nach unten treten“ sinnlos). Und, und das ist möglicherweise Euer Missverständnis, Satire, bzw. der Satiriker (m/w/d) muss nicht Recht haben.

Ich gestehe Euch gerne zu, dass Ihr den Ärger mit Nuhrs Fans auch dann noch hättet, wenn Ihr einfach geschrieben hättet, der Greta-Witz sei unwitzige, unfaire, auf falschen Annahmen beruhende und daher schlechte Satire.

Aber Eure Privat-Definition von Satire zufolge ist diese Satire gar keine Satire.

Laut Tante Wiki kann Satire folgende Eigenschaften haben, muss aber nicht immer alle haben:

  1. Kritik – soll das wohl sein
  2. Polemik – auf jeden Fall
  3. Didaktik – Nuhrs berufliche Vorbildung ist hier gut erkennbar
  4. Unterhaltung – ok, Ihr seid nicht unterhalten

Aber drei von vier Eigenschaften von Satire sind unbestritten vorhanden, von daher zählt das als Satire.

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