Der andere Klassiker – Killerspielspieler sind böse

Nehmen wir mal den Artikel. Oder den. Der hier ist auch sehr tiefschürfend – Terroristen sind selten wham, yäy*! Und, natürlich, er hier darf nicht fehlen.

Was zum Frell. „Natürlich“ wolle man Computerspieler nicht in einen Generalverdacht stellen. Ja, toll. Wenn man verdächtige Menschen überwacht, verdächtigt man diese Menschen. Generell. Was anderes als ein Generalverdacht soll das sein?

Das der Täter tatsächlich Gamer-Slang verwendet, ist kein Beweis für einen Kausalzusammenhang. Der Täter ist übrigens auch in Ostdeutschland groß geworden. Werden jetzt alle Ostdeutsche „stärker in den Blick“ genommen? (Ok, manche sagen jetzt: „Na, endlich!“, aber das ist nicht der Punkt.)

Übrigens haben Seehofer und Balliet auch was gemeinsam – Seehofer sieht einen Zusammenhang zwischen Gamerszene und nationalsoz pardon, antisemitischen Anschlägen, und Balliet einen zwischen Feminismus und niedriger Geburtenrate. Das letzteres auch Unsinn ist, ist eigentlich offensichtlich: nicht der Feminismus hat die Antibaby-Pille erfunden, sondern die internationale Weltverschwörung des ruhmreichen Patriarchats, um die Menge von Alimentezahlungen auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren. Hmm, ob es da einen Zusammenhang gibt?

Wieauchimmer, Samira El Ouassil sieht noch einen Grund für die Tat. Der Täter ist weiß, männlich, jung und in der Gamingszene unterwegs. Achso, das sagt Seehofer auch. A-Ber, das Problem sei nicht die Gaming-Szene, sondern, dass die Gaming-Branche

… in Erzählungen und Spielmechaniken ein männlich codierter Heroismus in interaktiv vermittelten Sexismus und Rassismus pervertiert.

Weil es ja genau EINE Gaming-Branche gibt. So, wie es nur EINEN Journalismus gibt. Ich hoffe, Frau El Ouassil merkt sich dieses Argument für den Fall, dass ihr jemand das BILD-Niveau zum Vorwurf macht.

Richtig ist, dass es leider Gottes Spiele gibt, die interaktiv Sexismus und Rassismus vermitteln oder ermöglichen, solchen auszuleben. Es gibt aber ebenfalls Spiele, die beides völlig unterlaufen. Wenn jemand also gerne sein sexistisch-rassistisches Menschenbild per Game ausleben will, wird ioi das sicher gelingen, wenn jemand dieses Menschenbild aber nicht hat, findet soe aber ebenfalls was. Soll heißen, der eigene Sexismus oder Rassismus ist weniger die Folge davon, solche Spiele zu spielen, sondern mehr die Ursache, dass man solche Spiele aktiv sucht. Nebenbei ist es ein eher mieses Menschenbild, sowohl bei Seehofer als auch bei El Ouassil, anzunehmen, dass Menschen generell so leicht beeinflussbar sind.

Achja:

Dass die Kommunikationsräume einiger Gaming-Subkulturen ein Sexismus- und Rassismus-Problem haben, liegt … daran, dass … Gamer in diesen Subkulturen mehrheitlich Männer sind. Es ist das strukturelle Problem homogener Milieus, die ein aggressiv-kompetitives Moment in sich haben können. Fußball. Hip-Hop.

Ja, zwei von drei bekannten NSU-Mitglieder waren männlich, also praktisch alle. Frauen interessieren sich nicht für Fußball und Hip-Hop. Offenbar sind die Cousinen von mir, die mich früher zu Fußballspielen geschleppt haben, irgendwie nicht normal gewesen. Oder ich nicht, weil ich mich nicht für Fußball interessiere.

Dass ein homogenes Milieu rassistisch, sexistisch, antisemitisch oder dergleichen mehr sein kann, liegt vor allem daran, dass es homogen ist. Alle Menschen, die nicht Teil dieses Milieu sind, sind automatisch Außenseiter. Wenn ein Milieu nicht nur aus Männern besteht, sondern zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern, ist es aber möglicherweise immer noch homogen, d.h., es kann immer noch rassistisch, antisemitisch oder homophob sein. Und wenn man bspw. Transsexuellenfeindlichkeit als Sexismus betrachtet – und das ist jetzt nicht allzu abwegig – kann auch ein Milieu mit Männern und Frauen sexistisch sein. Außerdem – mal angenommen, Menschen hätten einen freien Willen – wenn eine Gruppe, die sich quasi im Internet bildet, bestimmte Vorurteile hat, schließen sich ihr nur solche Personen an, die diese teilen, so dass die Gruppe homogen bleibt.

Insbesondere „das Gefühl, dass eine Person (oder die eigene Gruppe) ungerecht behandelt, diskriminiert oder von anderen ins Visier genommen wurde, kann sie dazu veranlassen, Gerechtigkeit zu fordern oder Rache an denen zu nehmen, die sie für diese Situation verantwortlich machen“, heißt es weiter. Also: Frauen, die uns nicht wollen, Ausländer, die uns Frauen und Jobs wegnehmen, Juden, die alles planen und finanzieren.

Achja, ein Gamer, der „zuletzt bei seiner Mutter in Benndorf gelebt haben soll“ (steht so bei Wiki, aber kann sein, dass sich das noch ändert) hat natürlich keine Frau. Oder Freundin. Aber „soll zuletzt als Rundfunktechniker gearbeitet haben“, war also nicht oder nicht lange arbeitslos. Ich will nicht sagen, dass das obige Gefühl nicht auf den Täter zutreffen kann, aber hier wird vom Allgemeinen aufs Spezielle geschlussfolgert, und zum jetzigen Zeitpunkt ist das, auf Balliet bezogen, mehr Speku als nötig. (Nebenbei bemerkt – wenn ungewolltes Singledasein ein häufiges Mitmotiv bei solchen Gewalttaten ist, dann erhöht das natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass solche Gewalttäter männlich sind, weil Männer im Durchschnitt mehr Mühe bei der Partnersuche** haben als Frauen.)

Dafür finde ich folgenden Absatz sehr treffend:

Heinz Bude hat … einen interessanten Begriff für diese sich in Hass verwandelnde Angst gefunden: „postkompetitive Verbitterungsstörung“: Wenn alles, was einem aufgrund der eigenen – und als durchaus fair empfundenen – Privilegiertheit angeblich zustand, von der liberalen Gesellschaft neu verhandelt wird, entsteht Hass auf die, die die eigene Legitimität in Frage stellen.

Erstens, als Wessi kann ich natürlich arrogant sagen: „Hey, Ostdeutsche, was mault Ihr? Ihr habt von der Wiedervereinigung doch ideell und materiell mehr profitiert als ich!“ Das stimmt für Balliet aber nicht. Der ist nach der Wende geboren. Er kennt keine Zeit, in der er – gefühlt oder tatsächlich – privilegiert war. Er kennt auch keine Zeit, in der er zwar eine Jobgarantie hatte, aber sich für das Geld kaum was kaufen konnte. Er kennt auch keine Zeit, in der keine angebliche Weltverschwörung sein Leben kontrollierte, sondern der Staat. Er kennt allerdings eine liberale Gesellschaft, die aber nicht neu verhandelt, dass seine Arbeitskraft weniger gut bezahlt wird, weil sie im Osten erbracht wird. Jou, man könnte seinerseits auf die Idee kommen, dass seine Legitimität nicht nur in Frage gestellt wird.

In dieser verzerrten Sicht kann ein bei Neurechten beliebtes Konstrukt wie das des „Bevölkerungsaustausches“ fantastisch wachsen. Und es keimt die Angst, dass das Erreichte nichts mehr gilt und man selbst exkludiert wird.

Ohne Mordanschläge, Rassismus und antisemitische Verschwörungstheorien rechtfertigen zu wollen – diese Angst ist jetzt nicht direkt völlig unbegründet. Nebenbei verlassen mehr Frauen als Männer den Osten, d.h., nicht die Ausländer nehmen den Ostdeutschen die Frauen weg, sondern die Westdeutschen. Bzw., Frauen haben einen freien Willen, aber Westdeutschland wirkt insgesamt für viele ostdeutsche Frauen attraktiver aus Gründen, die westdeutsche Männer nicht gerade eifrig bemüht sind, zu ändern. Hat also nichts mit den Juden zu tun. Und es ist kein AUSTausch, weil die Ostdeutschen keinen Ersatz kriegen. Und NEIN, ich plädiere nicht dafür, dass Ostdeutsche vermehrt Westdeutsche umbringen sollen, ich stelle nur die Möglichkeit in den Raum, dass sich Balliet als Verlierer betrachten könnte, weil er objektiv verloren hat. Was er erreicht hat, gilt weniger als dasselbe, was ein Wessi mit derselben Intelligenz, Mühe und Ausdauer erreicht hätte, er wird von den Tarifen im Westen exkludiert, und dann landet er noch in einer Echokammer im I-Net. Ja, aber genausogut hätte das in der einen Kneipe in seinem Heimatort passieren können.

Mein Punkt ist, dass „in die Kneipe gehen“ und „im I-Net online zocken“ zwei gleichermaßen etablierte Methoden sind, wenn das berufliche und private Leben nicht so ist, wie man es sich vorstellt. Manche rauchen auch oder essen zuviel oder mehrere Dinge davon auf einmal. Die Probleme von Ostdeutschen, die ich oben genannt habe, sind jetzt struktureller Natur, d.h., sie treffen nicht nur auf vereinzelte zu. Daher ist es plausibel, dass man in der Kneipe oder im Game-Forum viele Leute trifft, die dieselben Probleme haben, und manche von denen haben unterschiedliche Ansichten zum Thema „Ursachenforschung“***. Und diese werden nicht „diskutiert“ im Sinn von „pro und kontra“ oder „plausibel oder völlig gaga“, da es hat keine repräsentative Querschnitte der Bevölkerung sind.

So, also kann sowohl „Gaming“ als auch „Trinking“ bei Menschen mit strukturellen Problemen auftreten, bei beidem können diese Menschen einander erzählen, wer oder was an ihnen Schuld ist (den Problemen natürlich, nicht an den Menschen), Schuld suchen Menschen eher selten bei sich selbst, und manche versuchen, ihre Probleme mit Gewalt zu suchen. Demnach sind Probleme ein mögliche Ursache von „Gaming“, “ Trinking“ und „Ermording“, so dass das man eine Sache davon ohne die anderen haben kann, es aber häufig vorkommt, dass bei einem Menschen zwei oder drei zusammenkommen. Vor allem, wenn da auch noch die falschen Menschen zusammenkommen.

Und da hat Frau El Ouassil nun wieder recht, was der eine sagt, setzt ein anderer in die Tat um, so ist es theoretisch kein Terrorismus, aber so zu tun, als wäre das völlig unerwartet und unverstellbar, ist Kappes.

Ich lese sie ziemlich gerne, ich finde es bloß immer nervig, wenn sie Vorurteile nicht bekämpfen will, weil es Vorurteile sind, sondern nur, weil sie ihre eigenen Vorurteile für was besseres hält. (Komisch, es+sind klingt hier richtiger als sie+sind…)

 

*sondern whym – weiß, hetero, young, männlich.

**doch, das heißt nicht Partnerinnensuche

***theoretisch, wegen INTERnet, ist sowas in der letzten Kneipe von Ostleben bei Ostenwerda eher zu erwarten als in einem Gaming-Forum, wo auch Westdeutsche, Österreicher und Deutsche mitmachen könnten, die nach Neuseeland ausgewandert sind, aber praktisch gibt’s auch Wessis, die sich abgehängt fühlen, und außerdem gilt „gleich und gleich gesellt sich gern“ – nicht homo. Sortieralgorythmen tun ihr übriges.

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