Feminismus und Mittelalter

Es kommen Andeutungen vor, mit deren Hilfe man Plotpunkte bei GoT extrapolieren könnte…

Jetzt wird sich jemand vllt. die Frage stellen, warum ich eigentlich Leute kritisiere, die Feminismus in Fantasy wollen und sich beschweren, wenn er nicht da ist, oder es kritisieren, wenn feministische Ansätze nicht zu Ende geführt werden, oder wenn Sansa ihr hartes Leben nachträglich als Grund für ihre eigene Härte/Stärke* deutet, oder die Anzahl nackter Frauen pro Staffel, oder was auch immer.

Dazu folgendes: natürlich darf man sich alles wünschen; jetzt spielt GoT aber in einem Mittelalter-Setting (was jetzt NICHT für Fantasy irgendwie vorgeschrieben ist, aber es ist halt die Epoche), und sowohl GRRM, was die Bücher betrifft, als auch die Macher der Serie haben/hatten den Anspruch, realistische Charaktere darzustellen. Ok soweit, das heißt, dass man zwar Drachen, Magie und Untote haben will, aber die Menschen sollen normale Menschen sein, deren Charakterbögen sich organisch aus der Welt und Gesellschaft entwickeln, in der sie leben. Und dazu muss man die Welt und die Gesellschaft im Mittelalter verstehen. Und dann ist die Beschwerde über zu wenig Feminismus sinnlos. Genausogut kann man sich beschweren, dass bei GoT keine klare Aussage gegen das Rauchen vorkommt. Ich meine, niemand raucht, aber es sterben trotzdem ganz viele… Ich hole mal etwas weiter aus.

Bei den Azteken gab es eine Religion, die kein gutes oder wenigstens frommes Leben belohnte, sondern nur einen göttergefälligen Tod: wer einer Gottheit geopfert wurde, kam daraufhin ins Paradies der jeweiligen Gottheit, außerdem Männer, die im Kampf starben und Frauen, die im Kindbett starben. Ist klar, was von Euch erwartet wird? Jetzt lebten die alten Azteken mehr in der Jungsteinzeit als im Mittelalter, aber die klassische Arbeitsteilung – Frauen sterben infolge von Schwangerschaften, Männer infolge von Kriegen (oder sonstwie gefährlichen Tätigkeiten) – galt weiterhin. Und Schwangerschaften waren deutlich gefährlicher als heute, so dass es für eine Frau einfach unfair wäre, wenn sie gleich zwei gefährliche Arbeiten, z.B. Kinderkriegen und kämpfen, oder Kinderkriegen und Seefahrt, oder Kinderkriegen und Bergbau oder Bauwesen oder Fernhandel, hätte übernehmen müssen. Auch Tätigkeiten, die zwar nicht besonders gefährlich, aber körperlich anstrengend sind, wären für Schwangere und solche, die es werden können, eher ungeeignet, weshalb sich Frauen in den meisten historischen Kulturen auf Dinge wie spinnen, weben, nähren und dergleichen spezialisierten. Was vor der Einführung der Textilindustrie auch ziemlich umfangreich war.

Jetzt hätte man für GoT natürlich das Setting so gestalten können, dass das kein Problem ist. Zum Vergleich, Battletech spielt in 1.000 Jahren, aber ein neues Mittelalter ist ausgebrochen, nur dass die Ritter jetzt in Battlemechs sitzen, und ein paar hundert Leute einen ganzen Planeten erobern oder verteidigen. Okeee. Punkt ist aber, dass es bei Battletech eine Menge Frauen gibt, sei es als Kriegerinnen, sei es als Politikerinnen (und sonstige Berufe sind einfach nicht wichtig, wie bei GoT), weil das Mittelalter der Zukunft immerhin den höheren medizinischen Standard hat, so dass Kinderkriegen nicht annähernd so gefährlich ist wie Kriegführen. Und wenn generell nur ein Promille aller Menschen mit letzteren befasst sind, und somit ein Promille aller Frauen, macht das populationsdynamisch nichts aus.

Im deutlichen Unterschied zu Game of Thrones. Schwangerschaften dort sind ein deutlich größeres Risiko; Cerseis Mutter und Daeneryssens Mutter sind beide im Kindbett gestorben, und wir können mal annehmen, dass Lennisters und Targaryens sich die beste Geburtshilfe leisteten, die man für Geld und böse Worte in ganz Westeros kriegen konnte. Und selbst, wenn die Mutter die Schwangerschaft überlebt, so gilt das ja nicht unbedingt für das Kind. Cersei und Dany hätten auch zu dem Thema etwas zu sagen. Daher ist es im Mittelalter logisch und konsequent, Frauen von allen Gefahren und körperlicher Anstrengung, die NICHT mit dem Kinderkriegen zu tun haben, möglichst fernzuhalten. Denn Kinderkriegen ist für die Gesellschaft einerseits unverzichtbar, andererseits nicht deliegierbar.

Also ist Westeros nicht nur in Hinblick auf Kleidung, Baukunst, Feudalsystem und dergleichen mittelalterlich, sondern auch in Hinblick auf die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Es wird nicht nur kein Grund angeführt, warum das in diesem Fantasy-Mittelalter anders sein sollte als im richtigen Mittelalter, sondern der Grund, warum es genau so ist, wird explizit genannt.

Hat ja auch niemanden davon abgehalten, Arya und Brienne einzuführen, die diese Arbeitsteilung für sich ablehnen. Oder Dany und Cersei, die so weit oben in der Hierarchie gelandet sind, dass sie die Regeln einfach komplett ignorieren. Und wenn man will, darf man das gerne feministisch främen. Der Feminismus von 1900 unserer Zeitrechnung jedoch, der Frauenwahlrecht forderte, wäre völlig anachronistisch. Modernere Formen wären komplett aus der Spur. Wenn man also bei GoT eine pro-feministische Botschaft haben wollte, die weiter geht als „Guck mal, eine Frau, die kein Fräulein in Nöten ist, sondern ihre Probleme alleine löst! Frauenpower!“ oder „Guck mal, eine Frau, die nicht lieb und nett, sondern böse und grausam ist! Gleichberechtigung!“, hätte man die ganze Welt anders stricken müssen. Oder sich vom Anspruch lösen, realistische Charaktere zu haben. (Ja, ich weiß, manche bestreiten das.)

Und in beiden Fällen ist es schwierig, nur ambivalente Figuren zu haben, genau dafür gefeiert zu werden, und dann, wenn man als Leser oder Zuschauer gelernt hat, dass es kein „richtig oder falsch“ gibt und keine „gute und böse“ Seite, käme die Botschaft: „Feminismus ist gut und richtig.“

Das ist einfach nicht die Show für irgendeine Botschaft außer: „Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf!“ oder „Im Mittelalter war alles scheiße.“ Nebenbei, die Story konzentriert sich auf das Tun und Lassen von Adeligen wie das Goldene Blatt: wer mit wem, wer ist schwanger, Hochzeiten, Todesfälle. Ok, hauptsächlich Todesfälle. Es eignet sich also noch nicht einmal für eine gescheite antiaristokratische Botschaft, wenn praktisch alle potentiellen „Sympathieträger“ oder meinetwegen Identifikationsfiguren adelig sind.

Achja, immerhin ist GoT nicht so raucherfreundlich wie HdR. Das eine Laster, dem Hobbits frönen, Westerosis aber nicht. Wuu-hu!

 

* mit etwas Wohlwollen könnte man das auch so deuten, dass die sexualisierte Gewalt zwar dazu dienen sollte, sie zu brechen, dass dieser Schuss aber nach hinten losging, oder aber, dass Sansa einfach ein Argument braucht, um all das für sich und ihren Seelenfrieden zu verarbeiten, aber ich verstehe die Kritik dessenungeachtet.

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