Hollywood und Feminismus

Und jetzt der Grund, warum ich den ganzen Kram über Mary Sues schrieb (Tusch): der Vorwurf, starke weibliche Charatere wären nicht einfach „stark“, sondern Mary Sues. Wie Rey aus der neuen Star-Wars-Trilogie

Prinzipiell ja, aber das war Luke Skywalker auch. Mary-Sue-Kräfte die Macht verleiht.

Die Beschwerde, dass Leute mit übermenschlichen Superkräften übermenschliche Superkräfte haben, ist generell nicht sinnvoll. Man kann sich vllt. beschweren, wenn in einem Krimi der Detektiv plötzlich Gedanken lesen oder hellsehen kann, oder wenn in einem Roman über Alternative Geschichte die Erfindung des Perpetuum Mobiles die Welt verändert, aber bei Serien und Reihen, von denen bekannt ist, dass übermenschliche Superkräfte, Super-High-Tec, Magie und einige nicht ganz genau analysierbare Mitteldinger daraus darin typischerweise vorkommen, ist das etwas dämlich.

Bei Rey bin ich mir relativ unsicher, ob da die Absicht ist, eine feministische Mary Sue zu erzeugen; insbesondere müsste die Absicht sein, weibliches Publikum zu gewinnen, weil ein Milliardengeschäft wenig Raum für Erziehungsarbeit lässt (Hallo Gillette!) und da weiß ich ehrlich gesagt nicht, ob Frauen Filme nur deshalb nicht sehen, weil keine Frauen als Hauptfiguren vorkommen (bzw. weil die Filme den Bechdel-Test nicht bestehen: 2 Frauen, 1 Konservation, 0 Mann darin), und eine Frau daher im Umkehrschluss als Hauptperson automatisch weibliches Publikum anlockt.

Jetzt ist es nicht unbedingt so, dass Männer Männer als Hauptpersonen brauchen, wenn es also so wäre, dass Frauen sich besser mit weiblichen Hauptpersonen identifizieren könnten und Männern das eher egal wäre, wären weibliche Hauptpersonen eine sicher Bank, finanziell gesehen. Insofern habe ich nichts gegen weibliche, starke Charaktere im Blockbuster-Kino.

Der Punkt, wo es mich nervt, und nicht nur mich, sind die Versuche, dass als „feministische Botschaft“ verkaufen: „Seht her, auch Frauen können Superhelden werden, wenn sie Superkräfte haben!“ Wer hätt’s gedacht.

Um das in Relation zu setzen: Wonder Woman wurde explizit mit dem Hintergedanken erfunden, einen weiblichen Superhelden zu erschaffen, der bzw. die ein positives und vorbildliches Frauenbild verkörpert. Von Leuten, die im VORletzten Jahrhundert geboren wurden, und mit Feminismus etwas andere Ziele verfolgten als 7% MWST für Monatshygiene. WWs anhaltende Beliebtheit in einem Genre, dass überwiegend von Männern produziert wird, scheint, mal vorsichtig formuliert, darauf hinzudeuten, dass auch Männer sich mit ihr identifizieren können oder sie sogar – möglicherweise – als Vorbild betrachten. Oder, falls nicht, zumindest der Ansicht sind, dass Superheldinnen nicht gegen irgendwelche Naturgesetze verstoßen. Also nicht mehr, als ihr männlichen Kollegen ja auch. Und es mag auch Frauen gegeben haben oder geben, die wegen WW Comics lasen oder lesen. Der Charakter ist also feministisch im Sinne der Gleichberechtigung. Und was WWs Film betrifft, da musste sie niemanden beweisen, dass sie Superkräfte hatte. Sie musste auch niemanden beweisen, dass sie feministisch ist. Sie hatte eine kleinere Meinungsverschiedenheit mit ihrer Mutter, aber der Konflikt war ein völlig anderer. Die Diskussion war also schon durch, bevor der Film überhaupt geplant wurde. Jedenfalls hat sich niemand beschwert, ihr Film wäre „zu feministisch“, sondern höchstens umgekehrt.

Im Vergleich dazu Captain Marvel, die weibliche Film-Captain-Marvel, wohlgemerkt. Der Chara wurde zu einer Zeit entworfen, wo Superheldinnen nichts Besonderes mehr waren, und insbesondere kein finanzielles Risiko mehr darstellten. (Ja, Carol Denver als Ms. Marvel kam viel früher, aber von ihrer Urgeschichte ist im Film wenig übrig geblieben. Sie war die SICHERHEITSCHEFIN.) Ihre Einführung ins Marvel-Film-Universum kam relativ spät, obwohl man da sonst SEHR viel Zeit und Mühe gemacht hat, Figuren aufzubauen, und ihr ganzer Konflikt hat nur am Rande mit Feminismus bzw. Diskriminierung von Frauen zu tun. Trotzdem wurde den ganzen Film über subtile Hinweise mit dem Holzhammer eingeprügelt, wie wichtig Feminismus ist, wie feministisch der Film und, in der Konsequenz, wie wichtig der Film ist. Manche Frauen schauen sich den Film vllt. wirklich nur deshalb an, weil er so frauenfreundlich ist, oder so empowernd, oder weil sie sich nur mit weiblichen Figuren identifizieren können; manche Männer schauen sich den Film nur deshalb nicht an, weil sie was gegen Frauen haben, oder Captain Marvel schon in den Comics nicht mögen, oder weil sie was gegen Holzhammer-Moralin-Erziehung haben. Man weiset necht. Dass „einen guten Film mit spannender Geschichte, sympathischen Charas, interessantem Hintergrund und tollen Effekten drehen“ in künstlerischer ODER finanzieller Hinsicht schlechter sein sollte als „einen Film drehen und pädagogische Hinweise einbringen, ohne dass sie sich organisch aus der Story ergeben“, habe ich auch noch nie gehört. Kann sein, dass Hollywood durch geheime Experimente und Computerprognosen das SO herausgefunden hat, aber irgendwie bezweifle ich das. Marvel* muss „beweisen“, dass Frauen Superkräfte haben können, obwohl das im Film niemand bezweifelt hat, Marvel* „muss“ beweisen, dass Frauen auch militärisch einsetzbar sind, tut das aber nicht ihren früheren irdischen Vorgesetzten gegenüber, sondern ihrem Kree-Vorgesetzten. Dem Vorgesetzten ihrer militärischen Einheit, deren Angehörige sie war. Weibliche Angehörige. Im Kampfeinsatz. Noch nicht einmal die ERSTE weibliche Angehörige dieser Einheit. Sehr wahrscheinlich auch nicht die erste weibliche Kree-Soldatin in einem Kampfeinsatz überhaupt. Kurz gesagt, der Konflikt in DIESEM Film geht nicht darum, dass Frauen beweisen müssen, sie wären genauso kompetent wie männliche Wesen. Was Marvel tatsächlich beweist, ist, dass sie sich nicht mehr von im mit Psycho-Tricks manipulieren lässt – Frauen sind in Psycho-Spielchen also mindestens genauso gut wie Männer. Wer hätt’s gedacht.

Dafür wird „I’m just a girl“ gespielt, wenn Marvel ihre Exkameraden besiegt, um das ganze feministisch zu främen. Und das ist entweder zu viel oder zu wenig. Zu viel für Leute, die der Ansicht sind, dass das Thema (jedenfalls im Superheldengenre) durch sei, zu wenig für Leute, die gerne einen Superheldenfilm sähen, in dem Sexismus genauso thematisiert wird wie Rassismus in „Black Panther“. Diese halbgare Wischi-Waschi-Einstellung könnte einen oder mehrer der folgenden Gründe haben:

  1. man denkt, dass eine Frau, die Männer besiegt, an sich schon der Höhepunkt feministischer Kunst sei
  2. man will Feminismus kommerzialisieren (s. Punkt 4), aber nur so weit treiben, wie er keine Zuschauer vergrätzt, bzw. nicht mehr, als durch den Feminismus angezogen werden
  3. man will eigentlich subtil eine Superheldin ala WW einführen, weil man tatsächlich für Gleichberechtigung ist (jaa, nee, 20 Filme ohne weiblichen Hauptchara), aber weil man das Publikum für zu doof hält, subtile Hinweise zu verstehen, gibt’s nochmal welche mit dem Vorschlaghammer
  4. man hat halt keine Ahnung, wie man gute Geschichten erzählt
  5. das soll eigentlich gar nicht feministisch sein, sondern man hält eine Frau im Superheldengenre einfach für witzig
  6. man will zwar einen feministischen Film drehen, aber nicht zu viel Sexismus einbauen, warum auch immer

In einer anderen Marvel-Verfilmung wird eigentlich die gleiche Geschichte erzählt: junge Frau wird mit einer Energieform aus dem All konfrontiert, erhält Superkräfte jenseits von allem, was bis dato an Superkräften bekannt ist, erfährt außerdem, dass ihr dumbledoresker Mentor (eigentlich ist Dumbledore nicht die Vorlage, aber egal) ihre Kräfte durch mentale Kontrolle begrenzt hat, und gestaltwandlerische Aliens versuchen, an die Energieform zu gelangen. Am Ende wendet sich die junge Frau gegen ihr altes Team, welches einfach keine Chance hat, weil sie ihre Kräfte komplett ausreizt. Sie wurden gespoilert für X-Men: Dark Phönix. Ernsthaft, die Story kam verkürzt auch schon in der ersten Kino-Trilogie vor. Und in den Comics ist sie noch viel älter.

Punkt ist, soweit ich das diversen Kritiken und Zusammenfassungen entnehmen kann, dass hier nicht die Tragik und emotionale Achterbahn der Vorlage ausgeschöpft wurde, wie sie das verdient hätten, sondern dass hier noch mehr die Feminismusdrüse gedrückt wird, ohne einigermaßen eine Geschichte zu erzählen, in der Sexismus vorkommt. Wenn WW es nicht nötig hat, Feminismus zu propagieren, und Captain Marvel es nicht nötig gehabt hätte, hier ist der Feminismus tatsächlich nur noch aufgesetzt.

Es gibt relativ am Anfang eine Stelle – kann man bei yt finden – wo Mystique und Pr. X sich über das allgemeine Vorgehen streiten. Mystique findet es falsch, Jugendliche auf Risiko-Missionen zu schicken, wie sie meint, nur, damit der Prof sein Ego balsamieren kann. Jetzt wäre die Antwort darauf: „Mit großer Macht kommt große Verantwortung!“, aber das wäre Spidermans Spruch, und Spidy ist bloß so ein transgener Typ, den mal eine Spinne gebissen hat, und kein richtiger Mutant, was weiß der also? Freak. X‘ Begründung ist aber die, dass Normaloas Mutanten früher hassten und nur deshalb damit aufhörten, weil sich Mutanten als nützliche und hilfsbereite Mitglieder der menschlichen Gesellschaft erweisen. Was jetzt nicht direkt selbstlos ist, aber besser als „Ego bürsten“, und bei Spiderman zumindest klappt das ja auch ganz gut, beliebt, wie er ist. Mystique ist aber nicht ganz überzeugt, was aber nicht ganz abwegig ist, da ihr Charakter in den Comics und anderswo jetzt nicht gerade der normaloafreundlichste ist. Ok, warum sollte man nochmal Leuten helfen, die einen eigentlich verachten, und es vllt. uneigentlich auch immer noch tun und sich möglicherweise nur verstellen, weil sie sich gerne von anderen helfen lassen (Punkt 2)? Man kann ja nicht Gedanken lesen und so herausfinden, ob man wirklich noch verachtet wird**. Also bisher etwas, was zum ihrem Charakter UND dem Filmuniversum passen würde, und andeuten könnte, dass sie demnächst wieder im Team Magneto ist. Aber dann kommt der Spruch, dass sie sich nicht mehr an das letzte Mal erinnern könne, als Pr. X mal selbst was riskiert hätte. Ja, Pr. X. Im Rollstuhl. Geht auf keine Risikoeinsätze mehr. Fun Fact: er ist querschnittsgelähmt, weil er sich eine Kugel eingefangen hat im Zuge seiner Bemühungen, die Kubakrise abzuwenden. Mystique müsste sich erinnern können, denn sie war dabei (Alzheimer? Mentale Blockade? Fragen Sie jemanden, der sich damit auskennt. Am einfachsten den, der vor Ihnen sitzt. Weil er nicht mehr stehen kann.). Aber hey. Er könnte ja auf Risikoeinsätze rollen. Bzw., in Schwerelosigkeit ist es eh‘ egal. Man braucht auch ganz dringend einen Telepathen für eine Rettungsmission im Weltall. Ach, hatte man ja! Sogar mit Telekinese extra! Also etwas asi der Spruch, und behindertenfeindlich. Aber dann wird Mystique noch „feministisch“, und meint, man solle die X-Men in X-Women umbenennen, weil ja ständig die Frauen die Männer retten würden. Ähm, ja. Kubakrise ist lange her, aber Quicksilver und Nightcrawler sind jetzt nicht direkt weiblich. What the Frell, Mystique? Oder sollten wir besser sagen: „Miststyque“? Wenn die derzeitige Zusammensetzung der X-Men aus heldenhaften Frauen und nutzlosen Männern bestehen soll, dann sollte man das bitte auch zeigen statt behaupten. Oder wenigstens nicht das Gegenteil von dem zeigen, was man behauptet.

Soll das überhaupt Feminismus sein? Oder ist das eine versteckte Satire? „Feministinnen sind behindertenfeindliche Kameradenschweine, die am liebsten nur ihresgleichen retten würden.“

Der Film ist übrigens hart gefloppt.

 

* Gilt sinngemäß auch für den gleichnamigen Comic-Verlag

** Bzw., Pr. X kann das schon. Warum geht Mystique nicht einfach davon aus, dass er es besser weiß?

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