Sinn und Nutzen des Intersektionalismus

Der Sinn der Sache ist eigentlich total einfach: wenn man z.B. als schwarzer Mensch, als Frau und als Jude diskriminiert wird, können sich diese Diskriminierungsformen aufaddieren, und schwarze Jüdinnen sind ganz besonders stark diskriminiert. Das ist sogar SO plausibel, dass man das gar nicht groß diskutieren muss, wenn man dabei keine Prämissen axiomatisch voraussetzt, die weder Axiome sind noch zwangsläufig mit Diskriminierung zusammenhängen. Wenn doch, wird’s wirr.

Eine Sache, die ganz allgemein nicht gilt, ist die: „Eigenschaften, die bei einer Gruppe von Menschen statistisch häufiger auftreten als bei einer anderen, müssen nicht zwangsläufig bei jedem Individuum dieser Gruppe auftreten.“ Umgekehrt würde man ja auch nicht behaupten, wenn ein Individuum dieser Gruppe eine bestimmte Eigenschaft nicht hat, dass diese Eigenschaft in der Gruppe selten oder nie vorkommt. Dies ungeachtet der Tatsache, ob Eigenschaften, die klischeemäßig bestimmten Gruppen zugeschrieben werden, in diesen Gruppen überhaupt statistisch häufiger vorkommen. Diesen ganzen Komplex nenne ich „kein Gruppendenken“. Gruppendenken ist deshalb ein Problem, weil Rassismus, Sexismus und dergleichen IMMER Gruppendenken sind und ohne Gruppendenken gar nicht denkbar wären.

Jetzt aber kommen im Kontext vom Intersektionalismus aber häufig folgende Prämissen zum Einsatz:

  • eine Person kann immer nur Opfer oder Täter sein, aber nie Täter UND Opfer
  • wenn eine Gruppe in irgendeiner Hinsicht benachteiligt ist, ist sie das in jeder
  • statistisch nachweisbare Benachteiligungen haben nie legitime Gründe
  • die Benachteiligung einer Gruppe ist immer die Absicht und daher Schuld der jeweils nicht benachteiligten Gruppe

Zum ersten möchte ich das Beispiel von den Aalen und Enten in Australien anführen:

Die Aale in Australien sind deutlich größer als die in Europa und können Entenküken fressen, was sie auch tun. Enten essen aber umgekehrt auch Glasaale. Sind demnach die Aale die Räuber und die Enten die Beute oder umgekehrt? Und wenn es schon in der primitiven Welt von Fressen und Gefressen werden offenbar Machtgefälle mit wechselnder Richtung gibt, wäre es demnach denkbar, dass in der deutlich komplizierteren Welt des menschlichen Sozialverhaltens (ein völlig wertneutraler Begriff aus der Verhaltensforschung) die Machtgefälle tatsächlich noch komplizierter verlaufen? Und wenn tatsächlich ein individueller Mensch allgemein Täter und Opfer sein kann, dann vllt. auch in Hinblick auf Diskriminierung, zumal es verschiedene Formen von Diskriminierung gibt? Also könnte eine ostdeutsche Jüdin Ziel von Diskriminierung gegen Juden UND Ostdeutsche sein, aber trotzdem keine Wohnungen an Sinti und Roma vermieten? Offensichtlich. (Ob das empirisch vorkommt, ist die zweite Frage, es ist aber nicht technisch unmöglich.)

Zum zweiten: Nö. Wenn bspw. Belgier in D. seltener einen Job in der Justiz bekommen, sind sie vllt. in der Medizin überproportional vertreten. Soll nicht heißen, dass es automatisch einen „Ausgleich“ gibt, aber es wird oft implizit angenommen, dass es nie einen gibt.

Zum dritten: auch nicht. Juristen, die in Belgien studiert haben, suchen sich vermutlich bevorzugt Stellen in der belgischen Justiz, weil sie die dortigen Gesetze besser kennen. Medizinern kann so etwas egal sein, weil die Leute in D. keiner anderen Spezies angehören wie die in Belgien, und die Studieninhalte daher übertragbar sind.

Zum vierten: wenn Sinti oder Roma Probleme bei der Wohnungssuche haben, hängt das wohl mit Vorurteilen zusammen. Es hat nicht jeder Vermieter Vorurteile, aber die Anzahl der Vermieter mit Vorurteilen schränkt die Wohnungssuche von Sinti und Roma ein. Das ist natürlich Diskriminierung, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass Roma und Sinti von allen diskriminiert werden. Hier kommt „kein Gruppendenken“ zum Tragen. Der andere Punkt ist die Frage, ob die Vermieter sich bewusst oder unbewusst gegen Sinti oder Roma als Mieter entscheiden; wenn das bewusst geschieht, ist das Absicht und schuldhaft, wenn nicht, dann nicht und vllt. nicht direkt „unschuldig“, aber mit verminderter Schuldfähigkeit. Weil nicht alle, die keine Sinti oder Roma sind, Sinti und Roma diskriminieren und nicht alle, die das tun, bewusst tun, diskriminiert die Gruppe der weder-Sinti-noch-Roma Sinti und Roma nicht gezielt. Man kann natürlich argumentieren, dass Gleichgültigkeit auch nicht gut ist, aber das ist trotzdem nicht ganz dasselbe.

Wenn man „kein Gruppendenken“ beherzigt und die drei obigen Annahmen entweder gar nicht macht oder sich bewusst macht, dass sie nur bedingt gelten, vermeidet man insbesondere folgende Kette von Fehlschlüssen:

  1. wenn Menschen mit bestimmten Eigenschaften benachteiligt werden (was leider so ist), und diese Benachteiligungen stapelbar sind (was Intersektionalismus bedeutet), sind Menschen, die die wenigsten dieser Eigenschaften haben, am wenigsten benachteiligt (wäre jetzt zu überprüfen)
  2. daraus folgt, dass Menschen, die gar keine dieser Eigenschaften hätten, nur Vorteile gegenüber anderen Menschen hätten, und nicht diskriminiert werden können (oder wenn doch, hätte man eine neue Diskriminierungseigenschaft entdeckt; ich komme später darauf zurück)
  3. wenn Nachteile niemals legitim sind, sind Vorteile, auch Privilegien genannt, auch niemals legitim
  4. eine Gruppe, die diskriminiert wird, diskriminiert keine andere, denn sonst wären ihre Mitglieder Täter und Opfer zugleich
  5. die Gruppe, und nur die Gruppe, die nicht diskriminiert wird, diskriminiert daher alle anderen
  6. sie tut es mit Absicht
  7. jedes Mitglied der Gruppe tut es, weil: „doch, Gruppendenken“
  8. jeder Mensch, der keine Eigenschaft hat, die mit irgendeiner Form der Diskriminierung zu tun hat, ist an jeder Diskriminierung Schuld

Ich möchte nicht behaupten, dass alle oder auch nur die meisten Menschen, die behaupten, dass verschiedene Formen von Diskriminierung und/oder Benachteiligung sich verstärken können, die obige Liste von Fehlern macht, aber wenn eine relativ einleuchtende Sache so betont wird, wie Intersektionalismus oft betont wird, und wenn man häufig Argumente aus obiger Liste tatsächlich liest, scheint es mir zumindest, dass man das als Ausgangspunkt für diese Herleitungen braucht.

Nun, worin liegt der Fehler? Wenn Schwarze, Schwule, Jugendliche und Frauen diskriminiert werden, muss das dann die Schuld von Wham sein. Das führt dann dazu, dass Wham komplett als Feindbild gesehen werden. Selbst, wenn ein Wham-geführter Konzern massenhaft Wham vor die Tür setzt, gelten die dann nicht als Opfer des Systems, die vllt. Solidarität und so verdient haben, sondern als Privilegierte, denen es recht geschieht, dass sie von ihresgleichen ihre Privilegien entzogen bekommen. Kommt das irgendwem richtig vor? „Jaahaa, tut es!“

Ok. Der erste Fehler, der noch innerhalb der Intersektionalitäts-Theorie liegt, ist der, dass es auch Altersdiskriminierung gibt. Der zweite Fehler ist, dass es auch Klassismus gibt, was fast dasselbe ist wie Rassismus, nur bezogen auf die soziale Klasse. Arbeiter in einer Fabrik gehören zur Arbeiterklasse, die Eigentümer selbiger NICHT. Ergo wäre das eine neue Diskriminierungs-Achse, und man müsste Wham auf Whamo reduzieren: Weiße, heterosexuelle, alte, männliche Oberschichtler.

Jetzt könnte man argumentieren, dass die heutige Arbeiterklasse nicht annähernd so viele Nachteile hat wie zu Marxens Zeiten. Insbesondere haben Arbeiter in D. heute als Individuen und als Gruppe(n) viel mehr Möglichkeiten, sich gegen unfaire Behandlung zu wehren.

Daraus könnte man als junge schwarze Lesbe den Schluss ziehen, sich nicht mit weißen Arbeitern zu solidarisieren; denen geht es trotz allem besser als ihr, wenn sie sich mit denen solidarisiert und eine Gruppe bildet, ist sie immer noch in der Minderheit, und weiße Arbeiter sind prinzipiell auch ihre Gegner, weil „Wham“, also ihr Gegenteil.

Das führt dann aber auch dazu, dass weiße (entlassungsbedrohte) Arbeiter sich eher auch nicht mit ihr solidarisieren.

Erstens, weil zumindest die Wham-Hasserinnen und -Hasser ganz offenbar die Solidarität von Wham-Arbeitern nicht wollen, zwotens, weil die Wham-Arbeiter nicht ganz so dringend auf die Solidarität von Schwarzen, Frauen, LBGTetc und anderen angewiesen sind wie umgekehrt, und drittens, weil die Intersektionalitäts-Theorie ja nicht nur auf einer Ungleichverteilung von Ressourcen, Produktionsmitteln und sozialem Status aufbaut, sondern darauf, dass diese zusätzlich gestaffelt und getrennt verteilt werden, d.h., die verschiedenen benachteiligten Gruppen konkurrieren um Ressourcen. Was dazu führen kann, dass sich benachteiligte Gruppen nicht als Verbündete, sondern als Konkurrenten sehen. Wie hier z.B:

14.: Setze Rassismus nicht mit anderen Diskriminierungsformen wie Sexismus gleich.

Tja, schade. Ein weiterer Sieg der internationalen Whamigkeit.

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