Langstrumpf und Moral

Liebe Gemeinde, liebe Nicht-Nazis

Es ist SEHR wichtig, den vorigen Beitrag gelesen zu haben, bevor man hier weiterliest.

Kurz gesagt, die Änderung von PL finde ich ok, die Argumente dafür aber nicht unbedingt.

Bevor ich damit weitermache, möchte ich noch die Parallele zur Killerspieldiskussion ziehen. Killerspiele machen zwar, soweit die Forschung das feststellen kann, niemanden gewaltbereiter, aber die Spiele sollten auch nicht von Kindern und Jugendlichen unter einem bestimmten Alter gespielt werden. Analog dazu habe ich kein Problem damit, bestimmte Themen oder Wörter nicht mit Kindern in Berührung kommen zu lassen. Die Umkehrung, dass man auch Erwachsene damit nicht in Berührung kommen lassen darf, sehe ich aber nicht. Falls ein Erwachsener ein bestimmtes Buch nicht lesen oder kaufen will, soll er das halt lassen. Es gibt in D. zumindest keine sozialen, beruflichen oder sonstigen Nachteile, wenn man PL nicht gelesen hat oder gar hasst. Weiterhin steht in D. einem auch der Rechtsweg offen; jawohl, man darf ein Buch aus den Verkehr ziehen lassen, wenn man überzeugend darlegen kann, dass damit die eigenen Rechte verletzt werden. An dieser Stelle gibt es noch eine Parallele zu Killerspielspielern: wenn man in Game mit seinem Maschinenlasergewehr plus aufgesetztem Kettensägenbayonett Computerspielmonster zu Bytes und Bits zerschnetzelt, zählt das nicht als Mord oder illegalen Waffenbesitz. Analog dazu: jemanden mit einem rassistisschen Schimpfwort zu bezeichnen, ist eine Beleidigung, die geahndet werden kann. In einem Buch eine rassistische Beleidigung zu lesen, stellt kein Verbrechen dar. Sonst beginge man auch jedesmal ein Verbrechen, wenn man einen Krimi liest.

[In PL] wurde das Wort „Negerkönig“ durch „Südseekönig“ ersetzt. Die Gegner dieser Änderung betonen, Astrid Lindgren sei keine Rassistin gewesen.

Das spricht erst recht dafür, dass der Rassismus aus ihren Büchern entfernt wird. Wäre sie eine Rassistin gewesen, wäre ich auch dagegen, etwas zu ändern. Dann sollten die Bücher nicht weiter verlegt werden. Das passiert ja. Kinderbücher aus der Nazizeit sind nicht gesäubert, sondern aus dem Verkehr gezogen worden, weil man sich einig war, dass an ihnen nichts zu retten ist.

Erstmal wäre es egal, ob eine Schriftstellerin rassistisch ist oder nicht, wenn es um die Frage geht, ob ihre Bücher rassistisch sind, es sei denn, man wollte sie für ihren Rassismus bestrafen. Zwotens, ja, Nazi-Kinder-Propaganda-Bücher waren nicht mehr zu „retten“ wegen der vielen verfassungsfeindlichen Symbole darin. Drittens, was für ein pragmatischer und sachlicher Nazivergleich, mit dem Herr Stefanowitsch die Diskussion anreichert. Bereichert natürlich. Viertens, weil sie ja schon geändert wurden, ist es eigentlich egal, ob er jetzt dagegen ist oder nicht, aber dazu:

Und wenn man zu der Einsicht gelangt ist, dass nur eine Umdichtung noch helfen kann, sollte man auch noch über eine vierte Möglichkeit nachdenken, mit diskriminierenden Kinderbüchern umzugehen: Verlage könnten aufhören, sie nachzudrucken und sie könnten stattdessen neuen Autor/innen und neuen Geschichten eine Chance geben, bessere Geschichten zu schreiben. Und Konsument/innen könnten aufhören, sie ihren Kindern vorzulesen. Es ist ja nicht so, als ob eine Welt ohne Pippi Langstrumpf unvorstellbar oder eine literarische Dystopie wäre. Pippis fünfzehn Minuten Ruhm dauern jetzt schon sechzig Jahre. Schicken wir sie doch einfach in den wohlverdienten Ruhestand.

Über die Möglichkeit kann man viel nachdenken, aber es ist müßig; solange ein Verlag mit dem Buch Geld verdient, welchen Grund hätte er, damit aufzuhören? Welches Recht hätte „man“, es ihm zu verbieten? Inwiefern hält PL jemanden davon ab, bessere (erfolgreichere) Bücher zu schreiben? Natürlich kann man darüber nachdenken, dass Konsumentinnen und Konsumenten das nicht mehr vorlesen, aber bei Büchern zumindest ist es nicht so, dass die „verbraucht“ werden, so dass ich mich zumindest nicht angesprochen fühle. Außerdem finde ich Jim Knopf besser. Das eigentlich Ärgerliche an dem Absatz ist jedoch, dass nach langen Diskussionen, dass man das Buch doch bitte/gefälligst ändern möge, und dem dann auch mal nachgegeben wurde, Stefanowitsch 2011 schreibt, dass er auch die geänderte Version für rassistisch hält und deshalb sie nicht nur nicht mehr „konsumieren“ wird, sondern zum Boykott aufruft.

Die eigentliche Anschlussfrage müsste sein: „Aber das Buch halten Sie ja trotzdem noch für „unrettbar rassistisch“, oder?“ (zweite Fußnote)

Es heißt auch oft, Eltern könnten ihren Kindern beim Vorlesen ja erklären, worin das Problem liegt.

Man tut so, als ob alle Eltern rassismushistorische Vorträge für 6-Jährige halten können. Diese Idee ist absurd.

Ja, aber bei Achtjährigen? Wie gesagt, auf eine Altersgrenze muss man sich schon einigen. Oder man stellt sich auf dem Standpunkt, dass Eltern grundsätzlich nicht in der Lage sind, Kinder antirassistisch zu erziehen. Aber dann kann das keiner.

Es zeigt, was die Leute glauben: „Der Text ist, wie er ist, und muss so bleiben.“ Dass es sich bei den Pippi-Langstrumpf-Büchern um Übersetzungen aus dem Schwedischen handelt, ist vielen gar nicht bewusst. Shakespeare etwa wird ständig neu übersetzt, auch Dostojewski. Immer nach dem Motto: Lasst uns überlegen, wie er das heute geschrieben hätte – ohne in den Inhalt einzugreifen, allein auf der sprachlichen Ebene.

Mal gaaaaanz ganz abgesehen davon, ob man einen Text ändern sollte, ob man ihn aus pädagogischen Gründen ändern sollte oder aus Rücksicht auf andere Menschen zur besseren Inklusion oder was auch immer; DIESE Einstellung ist anmaßend, albern, arrogant und dumm. Ehrlicherweise ist eine Übersetzung die Interpretation der Übersetzers, der sicher mit dem Anspruch daran geht, dass seine Version dem Leser genauso viel Freude macht wie das Original von anno dazumal, aber so zu tun, als wüsste man, was Shakespeare oder Dostojewski heute denken bzw. schreiben würden? Die beiden zählen zu den wichtigsten, einflussreichsten und erfolgreichsten Autoren ihrer jeweiligen Muttersprachen. Sprachen mit zig Mio. Muttersprachlern und Vatersprachlerinnen. Die Konkurrenz war also enorm. Aber „Lasst und überlegen – wir sind bestimmt auch so genial wie Shakespeare oder Dostojewski.“ #merktihr’ehnicht

Außerdem ist Lindgren noch nicht lang genug tot, dass die Rechte verfallen sind.

Aber kommen wir zu der brennensten Frage:

Die Angst vor einer Meinungszensur durch eine „korrekte Sprache“ halten Sie für unbegründet?

Individuen Inhalte vorzuschreiben, halte auch ich für falsch. Allein deshalb, weil ich gerne wüsste, welche Meinungen die Person hat, die mir gegenübersteht.

Nicht, weil das im GG verboten ist, und einer freien (Diskussions)Kultur abträglich? Hey, die ganzen Shakespeare- und Dostojewski-Versteher lesen doch auch Gedanken. Von Toten! Aber er weicht der Frage aus; dass ER nicht dafür ist, Inhalte vorzuschreiben, heißt ja nicht, dass das niemand ist.

Wenn jemand meint, Migranten seien weniger wert, dann bin ich absolut dafür, dass diese Person das explizit äußern darf. Allerdings müssen Meinungen in einer sachlichen, nicht herabwürdigenden Sprache geäußert werden – weil man sie dann begründen muss.

Ich muss Meinungen nicht begründen, wenn ich unsachlich und herabwürdigend argumentiere? Verfickte Hacke, hätt‘ der Kärl mir den scheiß doch eher gesachT!!

Inwiefern?

Wenn ich bestimmte Wörter benutze, etwa das N-Wort oder „Kanake“, steckt die Herabwürdigung schon drin. Ich kann dann sagen: „Nein, ich habe überhaupt nichts gegen die. Ich kenne selber welche, da sind ganz nette Menschen dabei“, aber durch das Wort schaffe ich eine Abwertung, ohne dass ich mich auf eine inhaltlich Ebene begeben muss. Ich kann mich aus der Verantwortung ziehen und sagen: „Das ist doch nur die Sprache, so haben wir die schon immer genannt.“

Das ist Blödsinn. Ob ich mich rechtfertigen muss oder nicht, bzw., ob jemand verlangt, dass ich mich rechtfertige, oder nicht, hängt nicht nur von meiner Formulierung ab, sondern auch von meinem Publikum. Beispiele wie folgt:

  1. „Zigeuner werden zu Unrecht diskriminiert und ausgegrenzt!“ – „Wieso ‚zu Unrecht‘, Du scheiß Gutmensch!“
  2. „Zigeuner werden zu Unrecht diskriminiert und ausgegrenzt!“ – „Das heißt Sinti und Roma, Du scheiß Rassistenschwein!“
  3. „Sinti und Roma sollten erschossen werden!“ – „Das ist Aufruf zum Völkermord, Du scheiß Rassistenschwein!“
  4. „Zigeuner sollten erschossen werden!“ – „Das heißt Sinti und Roma, Du Arschloch!“

Insbesondere Stefanowitsch selbst würde schon dafür sorgen, dass ich mich nicht aus der Verantwortung ziehe.

Kants kategorischer Imperativ baut auf der Annahme auf, es gebe in uns allen ein „moralisches Gesetz“. Sie hingegen bevorzugen die sogenannte ‚Goldene Regel‘. Worin liegt der Unterschied?

Hier liegt mMn ein Missverständnis bzgl. Kant vor. Der kategorische Imperativ setzt nur voraus, dass es in jeder Situation mindestens eine Prämisse geben kann, von der man sich wünschen kann, dass die ein allg. moralisches Gesetz sei. Ob’s die „schon immer“ gab, ob die genetisch oder kulturell verankert ist, oder ob man die sich spontan einfallen lässt, ist egal.

[Die Goldene Regel]… setzt lediglich voraus, dass ich darüber nachdenken kann, was ich mir wünschen würde, wenn die Situation umgekehrt wäre. Wenn ich in der weniger mächtigen Position meines Gegenübers wäre.

Ich will nicht beleidigt werden. So weit waren wir schon.

Viele sagen: Mich dürft ihr sprachlich diskriminieren, deshalb kann ich das auch mit anderen tun.

Es geht aber nicht darum, ob man dich sprachlich diskriminieren darf, sondern darum, ob man das auch dürfte, wenn du an der Stelle des anderen stündest. Es geht um diese Asymmetrien: Wieso sind manche geschützt vor Diskriminierung und andere nicht? Da wird es komplexer, als es die Goldene Regel vermuten lässt.

Das eigentliche Argument hier ist, dass der weniger mächtige Mensch den mächtigeren sprachlich diskriminieren darf in dem Sinne, dass er vom mächtigeren oder sonstwem nicht bestraft wird, und sprachlich diskriminieren kann in dem Sinne, dass er ja ebenfalls herabwürdigende Begriffe verwenden kann. Oder ein Buch schreiben, in dem diese Begriffe vorkommen. Die Asymmetrie besteht darin, dass der weniger mächtige Mensch den mächtigeren nicht anderweitig diskriminieren kann, also beruflich, sozial, am Wohnungsmarkt, etc., der mächtigere, weil er eben mächtiger ist, umgekehrt aber den weniger mächtigeren; jetzt könnte man natürlich sagen, dass der mächtigere Mensch den weniger mächtigen nicht auch noch sprachlich diskriminieren darf und dafür der weniger mächtigere den mächtigeren schon, aber dann wird’s mal richtig kompliziert.

Genauso gut könnte man sagen: „Gleiches (Un)Recht für alle!“

Sollte man sprachlichen Verfehlungen im Extremfall mit Gesetzen beikommen?

Ich bin absolut dagegen, hier Gesetze im juristischen Sinne zu formulieren. Im Grundgesetz und im Strafgesetzbuch ist ja eine Einschränkung der Meinungsfreiheit formuliert: das Verbot, Opfer des nationalsozialistischen Regimes zu verhöhnen, wozu auch die Holocaust-Leugnung gehört. Das auszuklammern war klug und zugleich hochproblematisch, weil ich überall da, wo ich mit Gesetzen drohe, auch klare Kriterien definieren muss. Diejenigen, die sich diesen Gesetzen unterwerfen, müssen ja wissen, was sie dürfen und was nicht. Und das ist überall dort, wo die Meinungsfreiheit betroffen ist, sehr schwierig.

Äh, ohne mich jetzt FÜR mehr Gesetze auszusprechen, die Notwendigkeit, klare Kriterien definieren zu müssen, ist kein Argument, außer Faulheit. Es gibt bereits eine Menge Gesetze, die im Zweifel mit der Meinungsfreiheit in Konflikt geraten können (Beleidigung, üble Nachrede, Volksverhetzung), d.h., man könnte „Zigeunerschnitzel“ bspw. unter Volksverhetzung fassen, wenn man meint, dass das Wort Sinti und Roma böswillig verächtlich macht. Es wäre auch denkbar, bestimmte Wörter für „Schwarzer“ mit Hakenkreuzen gleichzusetzen, dann dürfte man sie nur noch in Zusammenhängen verwenden wie Hakenkreuze. Die sind nämlich auch ziemlich klar geregelt.

Was könnte stattdessen helfen?

Sprachliche Diskriminierung ist ein gesellschaftliches Problem und es muss durch eine Diskussion, die zu einer Art Konsens führt, gelöst werden. Für diese Konsensbildung ist es wichtig, dass die Stimmen, die bisher nicht gehört werden, nicht mehr so stark marginalisiert sind. Sonst wird diese Diskussion immer im Sinne der gedachten Mehrheit ausgehen.

In einer Demokratie wird eine Diskussion immer im Sinne der realen Mehrheit ausgehen, nicht der gedachten. Ok, Diskussionen mit den Sinti und Roma, dass man sie Sinti und Roma nennen soll. Erledigt. Das Problem mit „einer Art Konsens“ ist, dass es so niemanden gibt, der entscheidet: „Jetzt haben wir einen Konsens!“ Die Diskussion wird also nie enden.

Weiter unter kommt noch das Thema „Satire oder nicht“, aus dem Blickwinkel von Satire-Zielen und Satire-„Kollateralschäden“. Ist relativ trivial: wenn wer beleidigt ist und klagt und ein Gericht entscheidet, dass eine bestimmte Satire strafbar ist (als Beleidigung, Volksverhetzung etc.), wird der Satiriker oder die Satirikerin bestraft, sonst nicht. Wenn jemand das Satireformat – auch bei oder vor Freispruch – nicht mehr unterstützen will, ist das erlaubt, sofern die jeweiligen Verträge das hergeben.

Und in einer idealen Welt entscheiden Richter nach geltendem Recht, dem nachweislichen direkten oder indirekten Schaden, der Intention und der Güterabwägung – hier z.B. öffentlicher Friede und Meinungsfreiheit – also so, wie ich das mag. Die Hoffnung auf eine Art Konsens teile ich nicht; bzw., wie wäre zu verfahren, wenn sich jemand nicht an den Konsens hält? Moralischer Zeigefinger? Und diejenigen, die sich dem moralischen Konsens unterwerfen wollen, müssen ja auch wissen, was Konsens ist und was nicht. Wo könnten sie im Zweifel nachschlagen? Wen könnten sie fragen, um eine verbindliche Antwort zukriegen? Klare Kriterien, was Konsens sei, kriegt man nicht, wenn niemand überhaupt jemals sagen kann, ob es einen Konsens überhaupt gibt.

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