Eine Frage der Höflichkeit II

Hier ist ein Fall, wo Höflichkeit, bzw. gerechte Sprache eingeklagt werden sollte.

Allgemein sehe ich das Problem ein, als Kunde, also auch als Kundin, hat man Anspruch auf höfliche Ansprache. Und wenn man die nicht kriegt, sucht man sich halt eine neue Bank, damit sie’s lernen. Hier ist für mich aber ein Punkt erreicht, wo ich denke, äääähja?

Erstens, in „Der Report der Magd“ werden beim Putsch die Bankkonten von Frauen gesperrt. Die erkannte man an der Kontonummer. Insofern ist es vllt. besser, wenn die Bank nicht weiß, welches Geschlecht man hat.

Zweitens, ein Formular ist generell nicht „höflich“.

Drittens, weil geschlechtergerechte Sprache Frauen ja sichtbar machen soll – wem würden die Frauen sichtbar gemacht werden in einem Formular, welches sich niemand durchliest außer der Person, der das jeweilige Konto gehört? Und die wird schon wissen, welches Geschlecht sie hat.

Jetzt ist die Entscheidung des BGH auch nicht ganz schlüssig. Das Argument, dass die Sparkasse gegenüber Frau Krämer, oder Frauen allgemein, nur dann verstoße, wenn sie generell schlechter als Männer behandelt wurden, ok. Ist aber vllt. nur schwer nachzuweisen. Das Argument, dass schwierige Texte noch schwieriger werden, indem man immer Frauen und Männer miterwähnt, überzeugt mich schon eher. Dass das Maskulinum schon vor zweitausend Jahren generisch war, ist eine etwas weltfremde Behauptung. Vor zweitausend Jahren, liebe Leute! Als nur fünf Leute schreiben konnten, jedenfalls im heutigen Deutschland. Als der Dual noch existierte (die älteren unter uns werden sich seiner erinnern und den allgemeinen Sprachverfall beweinen), und als man noch Frevler an Odins Eichen aufhängte, seinen Raben zum Fraß. Jau, ey. Vor zweitausend Jahren.

Immerhin scheint es noch keinen Fall gegeben zu haben, in dem ein Schriftstück, Vertrag oder Urkunde erfolgreich angefochten wurde, weil jemand ein anderes Geschlecht hatte als die Person in der Formulierung. (Falls doch, verlinkt es bitte in den Kommentaren!) Das Argument auf Seiten der Sparkasse war wohl mehr: „Wir verzichten lieber auf eine Kundin, und wir geben lieber Geld für Anwälte aus, als 800 Formulare neuzuschreiben.“ Woraus ich ableite, dass das so richtig ins Kontor gegangen wäre.

Und, wenn man das Gendern konsequent macht, ist das mal so richtig kompliziert, weil ein Konto ja mehr als einer Person gehören kann, mit mehr als einem Geschlecht. Demnach müsste es Formulare in acht Formulierungen geben, jede mit einer anderen Einleitung:

  1. sehr geehrte Kundin
  2. sehr geehrter Kunde
  3. sehr geehrte Kunden
  4. sehr geehrte Kundinnen
  5. sehr geehrte Kundin, sehr geehrter Kunde
  6. sehr geehrte Kundin und Kunden
  7. sehr geehrte Kundinnen, sehr geehrter Kunde
  8. sehr geehrte Kundinnen und Kunden

UND die Formulierung müsste im weiteren Verlauf konsequent weiterverwendet werden, denn sonst ist das ja eine Diskriminierung. Das umfasst noch nicht Personen, die weder männlich noch weiblich sind. Ja, nicht-binäre Personen gibt’s, aber die meine ich nicht; ich meine juristische. Juristische Personen haben kein natürliches Geschlecht, oder sollte man Vereine mit Herr Verein und GmbHs mit Frau GmbH ansprechen? Oder, wenn man sowieso nicht an natürliche Geschlechter glaubt, haben Vereine und GmbHs Gender? Man könnte hilfsweise „Kundschaft“ für alle und jedes schreiben, aber das klingt noch nicht einmal personalisiert, sondern nach einer amorphen, kollektiven Masse. So will man als Individuum vllt. auch nicht wahrgenommen werden, und irgendeines klagt dann auch. Aber nehmen wir diverse Menschen mit, dann haben wir vier Kategorien (m/w/d/j) und drei Anzahlen (0/1/>1), das macht theoretisch drei hoch vier Kombinationen von kein(e), ein(e) oder mehrere Kunde(n), Kundin(nen), Kund*in(nen) und Kundschaft(en), das sind 81. Die Kombination, bei der jede Kategorie nullmal vorkommt, gibt’s nicht, also bleiben 80. Nein, die schreibe ich jetzt nicht alle auf. Die Liste ist zehnmal so lang wie die da oben. Fühlt Euch bitte erschlagen.

Um den Einwand vorwegzunehmen, die Person, die das Formular liest und die Überweisungen unterschreiben darf, ist eine natürliche Person, die man natürlich (oder meinethalben gesellschaftlich konstruiert) eine Geschlechtsbezeichnung zuschreiben kann, aber diese Person ist nicht im juristischen Sinne Eigentümerin des jeweiligen Kontos und daher auch nicht Kundin. Und bei Formularen, in denen es um juristische Feinheiten geht, sollte man das schön sauber trennen.

Ok, jetzt versetzen wir uns in die Position der Sparkasse und überlegen, wie die Sparkasse wohl genannt werden will, wenn sie einen entpersonalisierten Brief bekäme? „Sehr geehrte Kundin“, weil „die“ Bank bzw. „die“ Sparkasse? Oder besser „sehr geehrte Kundschaft“? Oder wäre es ihr einfach egal?

Versetzen wir uns jetzt in die Situation von Frau Krämer. Wie würde Frau Krämer sich fühlen, wenn sie, um weiterhin ihr Geschäft nicht-anfechtbar führen zu dürfen, 800 Schriftstücke neu schreiben müsste? Vermutlich nicht so gut.

Zumindest die Goldene Regel liegt hier mehr auf Seiten der Bank; aber man könnte „pingelige Genauigkeit“ zum Prinzip erheben, dann wäre Frau Krämer noch im Einklang mit dem Kategorischen Imperativ.

Wenn man Verhältnismäßigkeit zum Prinzip nimmt, hat die Bank aber auch recht.

Anatol Stefanowitsch sagt dazu (also zum Thema Verhältnismäßigkeit):

 Zunächst einmal würde ich sagen, übersensibel kann man eigentlich so lange nicht sein, wie es darum geht, Rücksicht auf Menschen zu nehmen. Vielleicht nimmt man mal zu viel Rücksicht auf jemanden, das kann sicher mal vorkommen, dass man an irgendeiner Stelle Rücksicht nimmt, wo es eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre, aber das ist ja nicht schlimm. Es ist ja besser so rum als andersrum. … ich [sehe] eigentlich nicht so recht, wo die Übersensibilität schädlich werden sollte in dem Sinne, dass sie vielleicht unsere Kommunikation behindern würde.

Ja, 800 vorgefertigte Formulare, die die Kommunikation der Sparkasse vereinfachen sollen, komplett neuzuschreiben, ist schon eine Härte. Man könnte einwenden, dass das eine zumutbare Härte sei, wenn man sich auf EINE geschlechtergerechte, juristisch saubere Formulierung einigen kann, aber dass es gar keine Behinderung ist, sehe wiederum ich nicht.

3 Gedanken zu “Eine Frage der Höflichkeit II

  1. Dass das Maskulinum schon vor zweitausend Jahren generisch war, ist eine etwas weltfremde Behauptung. Vor zweitausend Jahren, liebe Leute! Als nur fünf Leute schreiben konnten, jedenfalls im heutigen Deutschland.

    Das generische Maskulinum gibt es also im gesprochenen Wort nicht?

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