Sexstreik und Denkfehler

Die neuen Antiabtreibungsgesetze, die in einigen US-Bundesstaaten verabschiedet werden, werden massiv kritisiert; ein Kritikpunkt ist, dass die „Herzschlagregel“ eine Abtreibung schon zu einem SO frühen Zeitpunkt verbietet, dass man keine Bedenkzeit mehr zwischen Feststellung der Schwangerschaft und Ende der legalen Frist hat, und der andere, dass es für Härtefälle wie Vergewaltigungen keine Ausnahmen gibt, außer bei Gefahr für die Mutter.

Die Lösung, politisch Druck zu machen und andere Volksvertreter zu wählen, ist aber irgendwie nicht „sexy“ genug, also kommen manche Frauen auf die Idee, einen Sexstreik zu veranlassen.

Klar, kann man machen.

Ist außerdem eine gute Methode, die Abtreibungsgesetzgebung zu umgehen – kein Sex, keine Schwangerschaft, keine Abtreibung, kein Gefängnis – „Da könnt Ihr mal sehen, was Ihr davon habt, Ihr blöden Wham!“

Hat jetzt aber folgendes Problem: Warum genau leben Frauen, die ein derartig hartes Gesetz ablehnen, überhaupt mit Männern zusammen, die es befürworten? Oder, weiter gefasst, warum haben Frauen, die das Gesetz ablehnen, beiläufigen Sex mit Männern, die das befürworten? Oder, aus der anderen Perspektive, warum würden Männer, die einen harten pro-Life-Kurs fahren, Sex und/oder Beziehungen mit Frauen haben wollen, die das anders sehen? Die Pro-Choice-Männer suchen sich ja auch eher nicht die Pro-Life-Frauen aus. (Oder, ganz fies gesagt, die Männer, die am meisten pro-Choice sind, sind die, die lieber eine Abtreibung bezahlen als Unterhalt.) Das ergibt keinen Sinn.

Oder nehmen die Frauen, die das vorschlagen, einfach an, dass Männer allgemein Pro-Live sind, und man als Hetera praktisch automatisch mit einem Gesetzesbefürworter zusammenlebt? Wenn ja, warum??? Achja:

Das ist Gruppenhaftung.

Liebe Frau, wenn Dein Mann Opfer einer Massenentlassung wird, und Du kündigst aus Protest einen Sexstreik an, wird sich der Mann, der Deinen Mann entlassen will, das Ganze trotzdem nicht nochmal überlegen, weil ihm das Liebesleben Deines Mannes so sehr am Herzen liegt. Warum sollte das hier anders ablaufen? Und wieso bestrafst Du Deinen Mann mit Sexentzug, wenn der gerade seinen Job verloren hat? Bisschen asi von Dir!

12 Gedanken zu “Sexstreik und Denkfehler

  1. Sie schreiben es ja im vierten Absatz selbst, die Frauen möchten Vorkehrungen treffen, nicht schwanger zu werden, weil sie dann bald nur noch die Wahl haben, zwischen ein ungewolltes Kind bekommen oder ins Gefängnis zu gehen. Daraus dann zu schlussfolgern, sie wöllten damit irgendjemanden bestrafen (von wegen blöde Wham und so), das war Ihr Denkfehler.

    Liken

    1. Mal von der rein theoretischen Möglichkeit, dass manche Frauen vllt. tatsächlich ein Kind wollen, mal abgesehen – es gibt eine ganze Reihe von Verhütungsmöglichkeiten, weshalb Frauen, die keine Kinder planen, nicht durch Enthaltsamkeit verhüten müssten. Die Frauen in Georgia haben in Wahrheit eine ganze Menge Wahlmöglichkeiten, wenn sie nicht ins Gefängnis wollen: die Pille nehmen, die Spirale einsetzen lassen, Kondome, Hormonimplantate, Knaus-Onigo, im Falle einer ungeplanten Schwangerschaft Georgia zu verlassen, um in einem anderen Bundesstaat eine Abtreibung vornehmen zu lassen, Georgia komplett verlassen und, natürlich, keinen Sex mehr haben. Falls Sie das nicht gemerkt haben: der vierte Absatz war Sarkasmus.

      Weil das „Sex-Streik“ genannt wird, soll die Veranstaltung analog zu einem Arbeiterstreik verstanden werden (oder der Name ist blöd); bei einem Arbeiterstreik soll der Arbeitgeber für seine geringen Löhne oder schlechte Arbeitsbedingungen bestraft werden, mit dem Ziel, diese zu ändern. Oder, wenn Ihnen „bestraft“ zu hart klingt, man will ihn jedenfalls dazu bringen, die Dinge zu ändern.

      Jetzt meine Frage an Sie: die Mehrheit der Georgianerinnen und Georgianer scheint ja für das neue Gesetz gewesen zu sei; inwieweit würde diese Mehrheit ihre Meinung überdenken oder gar ändern, wenn sie erfährt, dass Frauen aus der Minderheit nicht mehr mit ihren Männern, Freunden, Partnern etc. schlafen wollen? Das interessiert die wahrscheinlich auch nicht mehr als den Arbeitgeber, wenn er erfährt, dass seine männlichen Arbeitnehmer keinen Sex mehr mit ihren Frauen haben. Oder sehen Sie das anders? Ich gehe wie gesagt davon aus, dass bei den meisten Paaren beide Hälften einer Meinung bzgl. der Abtreibungsfrage ist, d.h., wenn sie dagegen ist, ist er es wahrscheinlich auch, und Sexentzug bringt ihn nicht dazu, sein Wahlverhalten zu ändern. Wenn Sie das nicht so sehen, warum?

      Liken

      1. Oder, andere Möglichkeit, sie teilen öffentlich mit, dass ihnen unter diesen Umständen die Lust auf Sex vergangen ist. Der Begriff “Sexstreik“ ist möglichst plakativ gewählt, schließlich hat ihn Alyssa Milano über Twitter in Umlauf gebracht. Sie twitterte außerdem noch, es gäbe viele andere Möglichkeiten für cis Männer. Vaginaler Geschlechtsverkehr ist auch nicht die einzige “Wahlmöglichkeit“. Es steht also nicht zu befürchten, das sie und ihr Mann sich jetzt nicht mehr lieb haben können (Sarkasmus).
        Die von Ihnen gestellten Fragen als Parallele zum Arbeiterstreik zu diskutieren, würde bedeuten, dass ich der Prämisse zustimme, das hier absichtlich etwas vorenthalten werden soll, was die Frauen “gewähren“ könnten (da sie selbst auch Lust auf Sex haben).

        Liken

  2. Der Begriff wurde von der Organisatorin so gewählt, wenn die nicht wollte, dass ich (oder sonstwer) Parallelen zu einem Arbeiterstreik ziehe, hätte sie ein anderes Wort nehmen sollen.

    Was die „anderen Möglichkeiten“ für Cis-Männer betrifft (wieso nicht für Transmänner, sollen die nicht „bestreikt“ werden?); heißt das jetzt, Frauen sollen Sex mit ihren Männern oder Frauen haben, nur keinen vaginalen? Okeeeee, dann habe ich nichts gesagt.

    Liken

    1. Das „cis“ stand so im Tweet, deswegen habe ich es übernommen. Ich weiß nicht, warum sie es in diesem Kontext verwendet hatte. Sie hatte nachher noch getwittert, dass sie ihren Mann liebt. Es ging nur um das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft.

      Liken

      1. Okeee, wenn Frau Milano meint, dass das die beste Reaktion ist; aber wohnt sie überhaupt in Georgia?
        Also, wenn sie nicht mehr mit Ihrem Mann schlafen will, es zwingt sie ja hoffentlich keiner, aber für Frauen außerhalb von Georgia ist diese Reaktion in mehrfacher Hinsicht sinnlos.

        Der Papst würde Ihr natürlich zustimmen: nur Sex mit jemanden, mit dem man ein Kind will.

        Liken

  3. Ähnliche Gesetze sind auch außerhalb von Georgia geplant. Sie will ja mit ihrem Mann schlafen, nur noch mehr will sie sicher sein können, dass sie niemals gezwungen wird, ein Kind gegen ihren Willen austragen zu müssen. Nach #MeToo meinte sie vielleicht, dass es auch in dieser Angelegenheit viele Frauen gibt, die ähnlich denken.

    Liken

  4. Weil sie also meint, andere Frauen wollten das Risiko einer ungeplanten Schwangerschaft nicht eingehen, fordert sie sie zu einer ganz bestimmten Verhütungsmethode auf. Weil andere Frauen da nicht von alleine kommen?
    Außerdem, bis ein solches Gesetz in ihrem Bundesstaat eingeführt wird, muss sie sich ja keine Sorgen machen. Weiterhin – vor allem, wenn sie generell keine weiteren Kinder mehr plant – gibt es diverse Verhütungsmethoden außer Verzicht. Drittens, soweit ich weiß, sind die USA eine Demokratie, und sie hat das Wahlrecht, und kann aktiv auf die Gesetzgebung Einfluss nehmen. Viertens, die Frauen, die sie zu einem Sexstreik aufruft, haben i.d.R. auch das Wahlrecht. (Fünftens habe ich nach wie vor den Eindruck, sie wolle per Sexstreik politischen Druck ausüben, aber gut.)
    Ich an ihrer Stelle würde trotzdem eher dazu aufrufen, gegen Politiker zu stimmen, die dergleichen Gesetze einführen wollen. Aber gut, niemand muss Sex haben, wenn soe nicht will.

    Liken

    1. Verhütungsmethoden sind im Gegensatz dazu nicht 100 % ig sicher. Und so viele Verhütungsmethoden gibt’s nun auch wieder nicht für diejenigen, die ihre Körper nicht mit Hormonen belasten wollen.
      Wenn es nur der politischen Einflussnahme dienen würde, würde ich es ablehnen, denn damit würden sich die Frauen bereit erklären, falls ihren Wünschen entsprochen wird, sich im Gegenzug sexuell zur Verfügung zu stellen (also Prostitution).

      Liken

      1. Hormone hat man immer.

        Und nur, weil eine Frau nicht mehr mit ihrem Mann oder Freund schläft, ist sie ja trotzdem nicht vor Vergewaltigungen sicher, also müsste sie zusätzlich meinetwegen die Spirale nehmen, wenn es etwas ohne Hormonpräparate sein soll.

        Aber gut, Sie sind die einzige Person, die mir bisher erzählt hat, dass das keine politische Einflussnahme sein soll, aber vllt. haben Sie ja trotzdem recht.

        Liken

  5. Außer der Möglichkeit, dass es keine politische Einflussnahme sein soll und dass es doch politische Einflussnahme in der von Ihnen beschriebenen Weise ist, gibt es noch andere Möglichkeiten. Ich meine, dass Milano als Vorbild dafür dienen könnte, damit noch mehr Frauen darüber nachdenken, was sie sich eigentlich alles antun, um ihre Partner zufrieden zu stellen und zu prüfen, ob das mit ihren eigenen Wünschen übereinstimmt oder es nicht bessere Kompromisse geben könnte. Das würde helfen, ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in dem z.B. ein komplettes Verbot von Abtreibungen wesentlich schwerer durchzusetzen wäre.
    Ihre Anmerkungen zur Vergewaltigung empfinde ich als zynisch, eine Vergewaltigung ist kein Sex. Wenn ich sage, dass die Sorge vor einer ungewollten Schwangerschaft die Freude am Sex überwiegen könnte und Hormonpräparate vielleicht auch abgelehnt werden (https://www.vice.com/de/article/bj35vm/warum-viele-frauen-die-pille-absetzen-und-andere-sie-weiter-nehmen), also im alltäglichen Leben und langfristige keine Option darstellen, ist das nicht mit einer absoluten Ausnahmesituation vergleichbar.

    Liken

  6. Ok, ein bisschen zynisch.
    Wenn man die Pille nicht verträgt und deshalb die Spirale nimmt, ist das Risiko einer Schwangerschaft infolge Vergewaltigung ebenfalls reduziert.
    Wenn man nur mit Sexverzicht verhütet, nicht.

    Und ja, natürlich sollten Frauen darüber nachdenken, was sie in eine Beziehung investieren wollen und was nicht. Wenn sie z.B. Sex mit dem Partner als Kompromiss empfinden statt etwas, was ihnen Spaß macht, sollten sie mMn besser Schluss machen.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s