Victim Blaming auf Pappkameraden

Wer meckern kann, kann auch loben: wenn ich bei den Leuten von Pinkstinks positive Dinge bemerke, darf ich auch über die negativen Dinge bemerken. Bzw., ich darf das sowieso, weil: Freies Land!, aber ich ordne das ein.

Über den Spruch hier habe ich eine Menge zu sagen, ich muss aber etwas ausführen: in der verschiedenen Feminismen gibt es zwei Aussagen, die einander widersprechen, was erstmal kein Widerspruch in sich ist, weil es ja nicht ohne Grund verschiedene Feminismen sind. Die eine lautet: „Männer können nicht diskriminiert werden.“ und die andere: „Manchmal schadet das Patriarchat auch Männern.“

Zur ersteren möchte ich sagen: doch, das geht. Und zwar nicht nur im allgemeinen Sinne, dass man als Mann nicht nur nicht gegen Diskriminierungen immun ist, die an seiner Hautfarbe, Religion, Behinderung oder wasauchimmer festgemacht werden, sondern im konkreten Sinn, dass Männer als Männer gegenüber Frauen benachteiligt werden. Nicht notwendigerweise in jeder Situation, aber auch nicht in wenigen. Beispiel? Nun, man stelle sich vor, auf der sinkenden Titanic schreit jemand: „Alles in die Boote! Weiße und Kinder zuerst!“ Würde irgendwer der Ansicht sein, das sei nicht rassistisch? Oder es wäre zwar rassistisch, aber rassistisch gegen Weiße? Wenn jemand eines von beiden für wahr hält, bin ich sehr auf die Begründung gespannt, die mir bitte jemand in die Kommentare schreibt. Für alle anderen: wenn man „Weiße“ im obigen Beispiel mit „Frauen“ ersetzt, ersetzt man virtuell auch die unsichtbaren „Schwarze“ mit ebensolchen „Männer“. Wäre das jetzt plötzlich frauenfeindlich? Oder neutral? Warum? Es ist aber das, was tatsächlich gerufen wurde. Es ist auch kein Einzelfall, sondern allgemeine Praxis, Frauen und Kinder, wenn möglich, zu beschützen, einschließlich solcher Situationen, wo die einzige Möglichkeit der Tod der Männer ist. Wenn jemand jetzt einwendet, dass, wenn ein Mann „Frauen und Kinder zuerst!“ ruft, dies ja keine Diskriminierung von Männern sein kann, weil er ja selbst ein Mann ist – jaaa, neee, das ist kein Argument. Internalisierter Sexismus und so: ein Mann, den man jahrzehntelang zu genau diesem Verhalten erzogen hat, hat diese Selbstzerstörung internalisiert. Manchmal nützt toxische Männlichkeit eben Frauen. Aber schade, dass kein Mensch toxisch ist, was? Reversen Sexismus kann es nicht nur hypothetisch geben, es gibt auch hinreichende Belege dafür, dass es ihn auch im richtigen Leben gibt, insbesondere in Form von männerfeindlicher Diskriminierung. (Diese Argumentation nehme ich SO ausdrücklich nur für Sexismus und nicht für andere Formen organisierter Menschenverachtung in Anspruch. Aber das würde hier zu weit führen.)

Wenn man Situationen, in denen Männer nicht nur im Einzelfall, sondern auch strukturell benachteiligt sind, anführt, um dafür zu argumentieren, dass Männer nicht immer Täter und Frauen nicht immer die Opfer sind, kommt von den anderen Feminismen, die tatsächlich anerkennen, dass es Männern auch schlechter als Frauen gehen kann, der Spruch:

„Manchmal schadet das Patriarchat auch Männern.“

Der Spruch ist blöde. Erstens, wenn man andere strukturelle Diskriminierungen betrachtet, gibt es irgendwo eine Apartheit, die manchmal auch den Weißen schadete? Eine Homophobie, die ab und zu auch Heteroas benachteiligt? Eine Judenfeindlichkeit, die…? Okay, es gibt eine Muslimfeindlichkeit, die Islamphobiker insofern benachteiligt, indem sie kein halales Essen mehr essen. Wie Toblerone. Aber das liegt jetzt an der generellen Dämlichkeit der Islamophobiker selbst. Doch selbst die dämlichsten Islamophobiker kämen (leider) nie auf die Idee, erstmal die Muslime zu retten und dann zu schauen, wie lange sie selbst Wasser treten können. Islamophobiker bringen so Sprüche wie: „Das Boot ist voll!“ oder sind generell gegen Seenotrettung (von Muslimen).

Zweitens, immer, wenn das Patriarchat Männern schadet, nützt es im Umkehrschluss Frauen. Welche Apartheit hätte den Schwarzen genutzt, welche Homophobie den Homosexuellen, welcher Antisemitismus den Juden? Die Moslems können sich immerhin über mehr Toblerone für sich selbst freuen.

Worauf ich hinaus will: es gibt eine Reihe von Situationen, in den Frauen gegenüber Männern im Vorteil sind, diese sind gesellschaftlich akzeptiert und staatlich anerkannt; aufgrund dieser Situation steht die Behauptung, wir lebten in einem Patriarchat, wo Männer Frauen unterdrücken, auf sehr wackeligen Füßen, und „manchmal schadet es eben auch Männern“ ist kein valides Argument.

Der dritte Grund, der von den anderen beiden etwas losgelöst ist, ist der, dass der Spruch faktisch victim blaming ist. Männer sind häufiger obdachlos? Männer sind häufiger Alkoholiker? Ja, sagt mal einer dem alkoholkranken Obdachlosen: „Manchmal schadet das Patriachat eben auch Dir.“ Heißt dann nichts weiter als: „Selber schuld, das hast Du davon, dass wir in einem Patriarchat leben. Weil Du das Patriarchat mitunterstützt hast, musst Du jetzt leiden und ich brauche Dir nicht zu helfen, weil das nicht meine Schuld ist, sondern die vom Patriarchat, welches ich bekämpfe. Schließe Dich meinem gerechten Kampf an, dann werden Deine Probleme einst von alleine verschwinden. Aber Hilfe für Männer sendet das falsche Signal aus.“ Wo war ich? Achja: Pink stinkt. Und schießt auf Strohmänner. Oder Pappkameraden. Halt so harmlose Dinger, an denen man unbesorgt Schießübungen veranstaltet, weil die nicht zurückschießen, da sie nicht der wahre Gegner, bzw. als Metapher das echte Gegenargument sind.

Feminismus hat weder Männer zum Wehrdienst verpflichtet noch zu irgendeinem Zeitpunkt die Geschlechtertrennung bei Kriegshandlungen verfügt. Die gab es schon lange bevor existierte Feminismus als politische Idee gab.

Das ist so ein Pappkamerad. Die allerwenigsten Menschen behaupten, dass „der“ Feminismus die „allgemeine“ Wehrpflicht eingeführt hat. Etwas zu widerlegen, was kaum jemand behauptet, ist eine ziemlich billige Methode, Recht zu behalten. Aber, liebe Kinder, wisst Ihr, wer vermutlich auch nicht die Wehrpflicht eingeführt hat? Das Patriarchat. Woher ich das weiß, wollt ihr wissen? Weil ich die damaligen Besprechungsprotokolle unserer ruhmreichen Konspiration  ääh Weil eine Organisation, die bestimmte Menschen bevorzugt, keine Wehrpflicht nur für diese Menschen einführt; entweder, es wird verboten, dass andere Menschen zur Armee dürfen und auch sonst Waffen führen, damit die bevorzugten Menschen im Vorteil sind, wenn die anderen einen Aufstand planen, die bevorzugten dürfen sich aber aussuchen, ob und wann sie hinwollen, ODER, alle Menschen müssen Wehrdienst leisten (aber die bevorzugten werden schneller befördert).

Aber, wenn weder DAS Patriarchat noch DER Feminismus die Wehrpflicht nur für Männer eingeführt hat, wer war es dann? DIE Gesellschaft. Wer sonst. Ich möchte in dem Zusammenhang noch hinzufügen, dass zwar die „Geschlechtertrennung“ bei Kriegshandlungen (klingt so, als würden Männer in Männerkompanien kämpfen und Frauen in Frauenkompanien, und es gelte als schwerer Faux-Pas in den ungeschriebenen Gesetzen der Kriegsführung, Männer gegen Frauen kämpfen zu lassen. Hallo Bhishma. (Achtung Mahabharathaspoiler)) älter ist als „der“ Feminismus, aber dass es zumindest einige der heutigen Feminismusformen gab, als das Grundgesetz verabschiedet wurde. Und die allg. Wehrpflicht. Und das keine einigermaßen relevante Feministin(u/s/w) (außer JETZT erst Pinkstinks, als Ablenkung) die allgemeine Wehrpflicht als strukturelle Benachteiligung von Männern bezeichnet hat. Wohingegen eine Menge feministisch relevanter Personen die Möglichkeit der Benachteiligung von Männern als „unmöglich“ und/oder „derailing“ abgetan hat. Ich möchte weiterhin hinzufügen, dass die Mehrheit aller damaligen Wahlberechtigten, die einer Wehrpflicht nur für Männer zustimmte, Frauen war. Ja, sowas – kann es sein, dass etwa auch Frauen ihren Vorteil auf Kosten anderer Menschen suchen? Natürlich nicht. Das heißt allerdings, weder das Patriarchat noch der (oder ein) Feminismus hat Männern in der Hinsicht geholfen, wobei ich als Entschuldigung für das Patriarchat anführen möchte, dass es das Patriarchat als frauenunterdrückende, männerbevorzugende Organisation gar nicht gibt. Und sonst vermutlich auch nicht… Jedenfalls, die stark überwiegende Mehrheit feministischer Gruppierungen erzählt mir ständig entweder, dass ich als Mann nicht benachteiligt werden könnte, oder aber, dass ich es als Mann nicht besser verdient hätte, wenn doch, weil das Patriarchat automatisch schuld an meiner Benachteiligung sei, und ich automatisch schuld am Patriarchat. Warum sollte ich da Hilfe erwarten?

Und selbst, wenn irgendein Feminismus die richtige Veranstaltung wäre, um entweder die allgemeine Wehrpflicht auf Frauen auszuweiten, oder aber – weil es ja mehr als einen Feminismus gibt – den Wehrdienst auf Freiwilligkeit umzustellen, hat das jetzt trotzdem nichts mit der Edeka-Werbung zu tun. Zum Victim-blaming und Strohmannargument kommt also auch noch Derailing. (Wörtlich „Entgleisen (lassen)“, d.h., von einem validen Argument auf ein weniger valides überzuleiten.)

Wenn Hate Speech ein akzeptabler Diskussionsbeitrag ist, der auch von besonneneren Diskussionsteilnehmern – pinkstinks halt – noch verharmlost wird, und Gillette explizit gelobt wird:

Wenn man dem Hashtag #MenAreTrash des letzten Sommers noch vorwerfen konnte, diese Argumentationslinie (auf werberisch „Storytelling“) auf 12 Zeichen nicht ausreichend transportiert haben zu können, hat Gillette hier einen guten Job gemacht.

ist Edeka dann dadurch vllt. ermutigt worden, noch weiter zu gehen? Bzw., wieso hält pinkstinks Edeka für so viel schlechter als Gillette? Und ist die Aussage „Männer sind Müll“ tatsächlich faktisch richtiger oder moralisch besser oder vom Storytelling her überlegener als „Männer sind als Elternteile scheiße“? Männerfeindlichkeit gut, Väterfeindlichkeit schlecht? Nils Pickert ist selbst Vater, vllt. ist das seine persönliche Grenze. Keine Ahnung. Ist aber auch egal; die einen kritisierten harmlosere Werbung als die von Edeka (*hüstel), die anderen lobten diese (*ähem). Sollen sich jetzt erstere vor letzteren rechtfertigen, oder umgekehrt?

Pink stinks however schießt mit victim-bläming auf strawmen, um von der eigenen Verantwortung zu derailen. Hauptsache ist korrekter Deutsch.

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