Ausweitung der Komfortzone

Über die hier (die es mit der Gleichberechtigung schon deshalb ernst meinen, weil sie auch Frauen kritisieren) kam ich auf das hier.

„Sollte ich als Frau die Initiative ergreifen?“ – „Auf gar keinen Fall!“ Jaaaa, neee, ist klar.

Ich habe mich schon seit der Grundschule gefragt, warum beim Kennenlernen eigentlich immer die Männer den ersten Schritt machen müssen; Jahre später bekam ich so etwas ähnliches wie eine Antwort:

Einer Legende der Khmer zufolge gab es einmal einen längeren Streit darüber, ob bei der Partnersuche Männer oder Frauen die Initiative ergreifen sollen. Dies sollte schließlich in einem Wettbewerb entschieden werden, wer über Nacht den größeren Hügel aufschüttet, sollte die Siegerin oder der Sieger sein. Der Männerhügel lag westlich, der Frauenhügel östlich. Gegen Ende der Nacht sahen die Männer im Osten ein Licht, das sie für den Morgenstern hielten, worauf die Idioten Feierabend* machten; in Wahrheit war es eine Lampe auf dem Frauenhügel. Die Frauen arbeiteten noch eine Stunde weiter und hatten hinterher den höheren Hügel. Und daher müssen Männer seitdem bei der Partnersuche die Initiative ergreifen.

Was lernen wir daraus? NIEMAND will beim Flirten anfangen. Dass Männer das dennoch machen, ist demnach ein weibliches Privileg. Jetzt sagt aber die gute Frau Peirano: „Männer … genießen es, wenn sie sich um eine Frau bemühen müssen und die Eroberung nicht zu leicht ist.“ Ja, Männer halt. Jetzt mag sie als Frau und als Verhaltenstherapeutin mehr Empathie haben als ein Mann, aber da ich ein Mann bin, brauche ich faktisch NULL Empathie, um mich in andere Männer hineinzuversetzen. Da alle Männer gleich sind, kann ich beliebig von mir auf andere Männer schließen, und wenn ich das „Bemühen“ und das „Erobern“ eher mit Stress bei der Arbeit und kriegsähnlichen Zuständen verbinde als mit „Genuss“, ist das bei allen Männern so. Wie, Männer sind nicht alle gleich? Ja, gut, vllt. genießen einige das ja doch, aber dann kann man keine so pauschalen Aussagen wie „Männer genießen das und das“ treffen.

Aber nein, Liebescoach Peirano lehnt das ab, obwohl sie sich darüber ärgert, dass „man als Frau nicht einfach mit einer Geige oder Mandoline bei Vollmond unter seinem Fenster erscheinen und ihm ein Ständchen bringen kann.“ Ja, machen Männer meistens auch nicht. Unmusikalische Bastarde. Jedenfalls lehrt ihre Erfahrung und Beobachtung – und das glaube ich ihr auch – „…dass es der Frau in der Regel viel Ärger und Mühen einbringt, wenn sie in der ersten Phase des Kennenlernens zu aktiv wird.“ Ja, wenn man zu viel Mühe in die nicht so leichte Eroberung einer Person steckt, macht das Ärger und keinen Spaß. Jeder Flirt birgt die Möglichkeit eines Scheiterns. Die Frau, die hier beraten wird, ist nebenbei kein Bravo-lesender Teenager mehr, sondern 33.

Jetzt führt sie verschiedene Probleme auf, die der Grund sein könnten, dass der Mann die Frau in vier Wochen nicht angeflirtet hat. Meinen deanna-troyesken Superempathiekräften sei Daa… ähh, ich meine, mittels meiner vulkanischen Logik werde ich diese Gründe analysieren und darlegen, warum es ihr nicht allzusehr schaden kann, wenn sie doch die Initiative ergreift:

  • weil er nicht an ihr interessiert ist. Ja, kann sein. Oder insbesondere, WENN er ein Mann ist, der gerne andere Frauen anflirtet und auf entsprechend wenig initiative Frauen steht, wäre das fast sicher so. Ok. Wenn sie den ersten Schritt macht, wird er ihr demnach einen Korb geben. Wäre es das Risiko nicht trotzdem wert?
  • weil er nicht frei ist. Nun, so etwas kann man aber herauskriegen. Und so etwas ist hoffentlich auch kein Dauerzustand. Zwischen „ich spreche einen Typen an“ und „nächste Woche wird geheiratet“ gibt’s ja sonst auch noch Zwischenschritte.
  • Bindungsstörung. Mal abgesehen davon, dass es auch Männer geben soll, bei denen sich Bindungsstörungen darin äußern, dass sie wahllos jede Frau anflirten, die ungefähr ihrem Typ entspricht (z.B. „weiblich zwischen 20 und 40“, Körbchengröße B bis „was ist der Buchstabe nach unendlich?“), so dass „aktives Flirten“ kein Ausschlusskriterium ist, wo genau wäre das Problem? Ein Mann, der Angst kriegt, kriegt halt keine zweite Chance. Das ist beim Kragenparadiesvogel auch nicht anders.
  • weil der Mann grundsätzlich passiv, zögerlich und bequem ist. Auch dies könnte die Frau relativ schnell herauskriegen, insofern wäre das auch nicht so das Problem. Bzw., wenn mögliche Charakterfehler das Problem wären – auch Männer, die die Initiative ergreifen, haben Charakterfehler**, die die Frau nicht sofort erkennen kann. (Alles aus den Problemfeldern „Machotum“ und „toxische Männlichkeit“ bspw., aber kein Mensch ist toxisch!). Nebenbei, wenn Frauen generell nicht die Initiative ergreifen, hieße das nicht im Umkehrschluss, dass Frauen grundsätzlich passiv, zögerlich und bequem wären? Oder zumindest, dass hier Frauen zu einem Verhalten geraten wird, was gerade noch als passiv, zögerlich und bequem gefrämt wurde?

Oder, was da nicht steht: Er ist leider etwas schüchtern. Schüchternheit muss ausgemerzt werden, deshalb dürfen Frauen nicht mit schüchternen Männern ausgehen. Sie könnten schwanger werden und die Gene für Schüchternheit weitergeben.

Oder, der Mann ist leider nicht besonders feinfühlig oder aufmerksam und erkennt das diskrete die-Haare-hinters-Ohr klemmen bei der Frau, die er gerade im Augenwinkel wahrnimmt, nicht als Aufforderung zum Flirten, sondern überhaupt nicht. Dann doch lieber den 08/15-Macho, woll?

Ärgerlich ist hier dreierlei: die Möglichkeit, dass Männer nicht die Initiative ergreifen, weil es ihnen Spaß macht, sondern weil sie müssen, da sie sonst nie einer Frau nahe kommen (oder jedenfalls keiner, die von Peinaro gecoacht wurde), kommt Peirano gar nicht in den Sinn. Weiterhin ignoriert sie die Tatsache, dass jemand, die oder der die Initiative ergreift, diese auch dazu verwenden kann, die Sache abzubrechen. Wenn die Frau den Typen anbaggert und dann merkt: „Ooh, nee, doch nicht!“, dann kann sie sich doch immer noch umentscheiden. Oder meinetwegen, wenn sie merkt, dass das „Erobern“ doch zu viel Mühe und Ärger ist. Das dritte Problem hier ist, dass eine Frau (und jede andere, die diese Rubrik liest) aktiv entmutigt wird, ihre eigene Komfortzone auch nur ein kleines Stückchen zu verlassen. Flirten erfordert Mut, weil man sich dem Risiko aussetzt, einen Korb zu kriegen. Man könnte sogar argumentieren, wenn es einem Mann sehr leicht fällt, eine Frau anzusprechen, dann hat er wenig Angst vor einem Korb, was seinerseits daran liegen könnte, dass er entweder sehr zuversichtlich ist, keinen Korb zu kriegen (weil er bei seinen 365 Flirtversuchen im vergangenen Jahr eine 95,1%ige Erfolgsquote erzielte, der olle Romantiker, der), oder aber daran, dass die jeweilige Frau ihm nicht so wichtig ist, dass ein Korb ihn allzusehr deprimieren würde. Liebe Frauen, wen von beiden hättet Ihr am liebsten? Oder evt. doch den Dritten, dem ihr so wichtig seid, dass er die Klappe nicht aufkriegt?

„Eigentlich sollte Dating ganz einfach und natürlich verlaufen. Der Mann zeigt Interesse, bleibt am Ball und plant immer mit dem richtigen Abstand den nächsten Schritt. Die Frau ermutigt ihn dazu, genießt die Treffen und lässt ihn ganz entspannt machen.“

Ok, diese Strategie unterstützt Machos, Pick-Up-Artisten, Alphamännchen und Rollenklischees. Dafür kann sich die Frau aber entspannen, in ihrer behaglichen Komfortzone, wo sie von den Machos, Pick-Up-Akrobaten, Alphamännchen und Rollenklischees umschmeichelt und gebauchpinselt wird. Und irgendwer tapeziert ihr auch noch die Komfortzone neu, kein Zweifel.

Die Alternative wäre, einmal was anderes zu versuchen, die Komfortzone einen Schritt weit, nämlich nur den ersten, zu verlassen, abwarten, was passiert, und dann das Ergebnis schlimmstenfalls als „Erfahrung“ und bestenfalls als „beste Entscheidung meines Lebens“ zu verbuchen.

Hachja. Ob bei Kragenparadiesvögeln wohl beide Geschlechter gleiches Geld für gleiche Arbeit verdienen? Um die Brut jedenfalls kümmern sich nur die Weibchen.

*eigentlich Feiermorgen. Aber das war’s ja auch nicht.

**ich würde jetzt ja gerne behaupten, dass es Männer ganz ohne Charakterfehler gibt, aber, ehrlich gesagt, nein.

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