Brie Larsons Argumentationsfehler

Brie Larson hatte letztes Jahr eine Rede gehalten, die viel Kritik – redliche und unredliche – erhalten hat. Zumindest ein Teil davon scheint sich auf „Captain Marvel“ übertragen zu haben. Bevor ich das aufschlüssle; egal, welche Meinung ein Schauspieler zu einer bestimmten Sache hat, die Meinung hat keinen Einfluss auf die schauspielerische Leistung. Aber was hat sie denn genau gesagt? Hier ist z.B. eine Wiedergabe auf englisch. Oder hier. Bei letzterem wird sie mit 40-jährigen statt mit 70-jährigen Männern zitiert, was ich für das plausiblere halte.

Jedenfalls ist das hier ein Beispiel, wie eine berechtigte Aussage durch ein sehr schlechtes Argument bzw. Beispiel untergraben wird.

Die Aussage, wie ich sie verstehe, ist, dass die professionellen Filmkritiker, die für Zeitungen in den USA schreiben (und in Deutschland ist es ähnlich), deutliche mehr Wham sind als im Bevölkerungsmittel, und dass es besser wäre, wenn Filmkritiker einen deutlich repräsentativeren Querschnitt der Bevölkerung darstellen würden. (Und ich möchte hinzufügen: oder Journalisten allgemein.) Dem kann ich zustimmen, dem können auch viele weitere Menschen zustimmen, vermute ich, auch solche, die tatsächlich selber Wham sind, und daher tut es mir leid, dass ich ihr Beispiel und die daran anknüpfende Argumentation für sehr schlecht halte. Ich kann es aber nicht ändern.

Der Film „Wrinkle in Time“, dt. „Das Zeiträtsel“ habe darunter gelitten, dass es so viele schlechte Kritiken darüber gab, und dass wiederum läge daran, dass es so wenige Afroamerikanerinnen als Filmkritikerinnen in Zeitungen gäbe.

Zitat (meine Übersetzung): „Ich brauche keinen 40-jährigen weißen Typen, der mir erzählt, was an dem Film nicht funktioniert habe! Er ist nicht für [den Typen] gemacht. Ich will wissen, was er für Afroamerikanerinnen, nicht-weiße Amerikanerinnen, weibliche afroamerikanische Jugendliche bedeutet.“

„Wenn man einen Film schreibt, der eine Liebeserklärung an Afroamerikanerinnen ist, ist die Chance irre klein, dass irgendwelche Afroamerikanerinnen diesen Film sehen oder eine Kritik schreiben können.“

und weiter:

„Es ist zwar scheiße, dass Kritiken wichtig sind, aber Kritiken sind halt wichtig. Gute Kritiken … geben kleinen Indie-Filme eine gescheite Chance, gekauft und gesehen zu werden.“

Mein Argument für mehr Diversität bei Filmkritiken wäre folgendes: es kommt vor, dass ein Film sehr gute Kritiken erhält, aber sehr wenig Besucher hat. Umgekehrt kommt es auch vor, dass ein sehr beliebter Film von der Kritik im wesentlichen zerrissen wird. Filmkritiker und „das“ Publikum haben offenbar nicht den genau gleichen Geschmack, was durch den proportionalen Überhang von Wham-Kritikern erklärbar wäre. Leider ist das bei „Das Zeiträtsel“ nicht so gewesen. Diese Argumentation hängt also an folgenden Haken:

  1. allgemein: ein Film, der ein neunstelliges Budget hatte, sollte sich nicht als nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen gemacht verstehen.
  2. dieser Film ist kein Indie-Film ohne nennenswertes PR-Budget auf einem Festival; er sollte deutlich weniger auf gute/wohlwollende Kritiken angewiesen sein.
  3. natürlich sind Wham physikalisch und psychologisch fähig, sich in Menschen hineinzuversetzen, die keine Wham sind. Manche tun es bloß nicht. Dennoch wäre das ein Film gewesen, der mich z.B. schon von der Thematik her interessiert hätte, leider war er schon ausgelaufen, als ich gehen wollte. (Zu meiner Rechtfertigung, ich war erkältet.)
  4. Es gibt Blogs und Foren, wo man sich über Filme austauschen kann; prinzipiell hat auch Brie Larson die Möglichkeit, sich mit schwarzen Frauen über „The Wrinkle in Time“ auszutauschen, um zu erfahren, was die davon halten.
  5. Meines Wissens dürfen Afroamerikanerinnen inzwischen auch in Kinos  gehen. Die Chance, dass die eine Liebeserklärung an Afroamerikanerinnen sehen können, ist daher nicht so klein, wie sie hier vorgibt, und wenn sie wollen, können sie hinterher eine Review bloggen, oder bei Facebook und Twitter was dazu sagen.
  6. Wenn man davon ausgeht, dass Wham einen Film ohne Wham-Hauptrolle sowieso nicht mögen werden, kann man als nicht-Wham auch einfach in Filme gehen, die Wham-Kritiker loben, und umgekehrt.
  7. kann man argumentieren, dass ein Film eigentlich keine Liebeserklärung sein soll, sondern erstmal ein Kunstwerk. Ein Shakespeare-Sonett, dass als Liebesgedicht formuliert ist, gefällt auch Leuten, in die er nicht verliebt war. Das alberne Gekritzel, was ein verliebter Teenager seinem Schwarm zusteckt, gefällt höchstens dem Schwarm. Mit ganz viel Glück.

Weiterhin, wenn Larson an dem Film selbst beteiligt wäre, würde das alles sehr nach Ausrede klingen, weil sie die Möglichkeit, dass der Film einfach nicht so gut war, offenbar ausklammert. (Ich werde hier nichts über den Film selbst sagen, weil ich ihn ja nicht kenne.)

Jetzt ist die Implikation, ob beabsichtigt oder nicht, dass die männlichen, weißen Kritiker einen Film mit schlechten Kritiken „bestrafen“, wenn der Film keine weiße, männliche Hauptrolle (möglichst über 40?) hat. Das wäre, wenn’s so wäre, Rassismus. Oder aber, dass diese Kritiker die Qualitäten eines Filmes nicht erkennen können (selbst, wenn sie’s wollten), weil die Hauptperson nicht alt, männlich und hellhäutig genug ist. Was ebenfalls Rassismus wäre, nur mehr unterbewusst als zielgerichtet. Und das würde auch auf größere Teile des Kinopublikums gelten, der den Film ignorierte, weil der Einfluss von Kritiken umso kleiner ist, je größer die Produktion und damit die Werbetrommel.

Weder Rassisten noch Nicht-Rassisten lassen sich gerne als Rassisten bezeichnen. Ich glaube ihr ja gerne, dass das nicht die Absicht war, aber strukturell ist das ein Rassismusvorwurf. Und der ist für ihre eigentliche Aussage unnötig und schwächt ihre Argumentationskette und macht sie angreifbar.

Dass das mit der Filmkritik an „Captain Marvel“ vermischt wird, ist so ähnlich wie bei Özil und Erdogan. Klar kann man das Foto kritisieren, aber deshalb spielt er nicht plötzlich schlechter Fußball.

Außerdem lächelt Larson auf irgendwelchen Postern nicht genug. Irgendwas ist doch immer…

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