Captain Marvel feministisch?

Es ist ja schon viel über diesen Film gesagt und geschrieben worden, aber eben noch nicht von mir.

Der Hauptskandal ist, dass der Film kritisiert wurde, bevor man ihn überhaupt sehen konnte, weil Captain Marvel schockierenderweise eine Frau ist. Ist soe in den Comics schon länger, nicht nur, weil Carol Denvers, die bisherige Ms. Marvel, 2012 zu Captain Marvel „befördert“ worden ist, sondern auch, weil schon vorher Frauen den Titel trugen. (Dass man Änderungen von Verfilmungen gegenüber den Vorlagen nicht gut finden muss, ist eine andere Sache, aber dies ist erstmal keine Änderung.)

Jetzt kann man I-Net-Trolle gerne ignorieren/sperren, was aber nicht ganz funktioniert, ist, den Umkehrschluss zu führen – nur, weil eine Menge Kritiker einen Film wegen einer bestimmten Sache kritisieren, und diese Kritik nicht besonders stichhaltig ist, und aggressiv und beleidigend formuliert ist, und sich gegen eine Frau richtet, heißt das nicht, dass das jetzt ein feministischer Film ist.

Ist er nämlich nicht. Außer auf dem Basis-Niveau, dass jeder Film mit weiblicher Hauptperson feministisch ist. Wie 50 Shades of Grey. Oder im etwas spezielleren Fall, dass ein Superheldenfilm eine Frau als Hauptperson hat. Wenn das feministisch sein soll, ist der Anspruch hier ziemlich weit runter gedreht worden. Insbesondere, weil die Marvel-Kino-Filme ja vieles besser machen als die aktuelle Staffel der DC-Verfilmungen, aber nach 20 Avengerfilmen den 21. als ersten mit einer Superheldin als Hauptperson zu drehen, und sich den dann als feministisch zu framen, ja, bravo. Bravi. Bravissimi. DC hat nach zwei (2!) Filmen als dritten Wonder Womans Origin gezeigt. Merkter selbar. Nebenbei hat sich mWn keiner beschwert, dass Wonder Woman eine Frau ist. (Ok, schon rein statistisch wird es min. einen geben, aber irgendwas ist ja immer.)

Was man marvelseits beim Feministischsein auch hätte machen können, wäre gewesen, entweder von vornherein mehr weibliche Superhelden aus dem Comic-Fundus auftreten zu lassen, oder aber, einen Originfilm über meinetwegen Black Widow zu drehen. Was die so gemacht hat, bevor sie zu S.H.I.E.L.D. kam, und wie sie Furys Vertrauen erlangte, oder umgekehrt er ihres, wäre sicher auch eine spannende Geschichte, und man hätte da auch viele feministische Probleme ansprechen können, wie Objektifizierung von Frauen, Gewalt gegen Frauen und alle andere Arten von Frauenfeindlichkeit. Man hat sie sterilisieren lassen, weil Kinder ja „bekanntlich“ die Loyalität beeinflussen, wie scheiß frauenfeindlich bitte ist das denn? (Und warum schreibt man das Scarlett Johansson ins Drehbuch, wenn die gerade schwanger ist? Wink mit dem Bohrpfahl? Voll feministisch, die beim Film.)  Aber jetzt, Captain Marvel in Frauengestalt. Ja, deren Comic-Geschichte hat eine Menge Potential, feministische Probleme zu thematisieren. Und ja, ich mache mich gelegentlich darüber lustig, aber erstens behaupte ich nicht, dass es gar keine feministischen Probleme gibt, zweitens spielt der Film in den 90ern, wo es mehr feministische Probleme gab und drittens fand Denvers Pilotenausbildung in den 80ern statt, wo es noch mehr Probleme für Frauen gab, speziell für Frauen in Männerberufen*. Aber egal, Sexismus hat mit dem Hauptkonflikt des Filmes rein gar nichts zu tun.

Im Unterschied dazu betrachten wir mal Black Panther. Die Hauptperson ist nicht nur schwarz, sondern auch Prinz und später König in Wakanda, einem Land, das von Schwarzen bewohnt wird, das nie Opfer von Sklavenjägern oder Kolonialisten wurde. Rassismus betrifft ihn nicht mehr als die Depressionen, die manche Menschen bekommen, wenn sie in der Antarktis im Südwinter ein halbes Jahr ohne Tageslicht auskommen müssen. Dazu sagt der Hauptgegner im Film: „Wie schön für Dich, dass es DIR so scheißtoll geht, was?“ oder jedenfalls sinngemäß. Im Unterschied zu einem 08/15-Schurken, der die Welt erobern will, hat dieser Gegner tatsächlich Gründe, die berechtigt sind, auch, wenn die Verwirklichung gelinde gesagt diskutabel ist: 1., er fühlt sich von Wakanda im Stich gelassen, 2., der Stich ist das Leben in einem Land mit Rassismus, und 3., er ist der Ansicht, dass ALLE Schwarzen von Wakanda im Stich gelassen werden. Was er zu ändern gedenkt. Zu 3. mag man einwenden, dass Luxemburg arbeitslosen Weißen in den USA ja auch keine Solidarität schuldet, nur weil Luxemburger überwiegend dieselbe Hautfarbe haben, aber andrerseits kümmert sich Wakanda nie um die Probleme anderer Leute.

Jedenfalls ist diese Motivation in Rassismus und Diskriminierung begründet, dadurch kann man die Motivation des „Schurkens“ nachvollziehen, so dass man sich in beide Parteien hineinversetzen kann, dadurch wird der Konflikt „interessanter“ (blödes Wort eigentlich), und dadurch wird der Film sehenswerter. Also wird der Film sehenswerter, weil Rassismus und Diskriminierung von Schwarzen thematisiert wird, und ist dadurch auf einer höheren Stufe antirassistisch als der, dass die Hauptperson schwarz ist. Filme mit schwarzen Superhelden in der Hauptrolle gab es nämlich schon vorher, s. Blade I-III und Catwoman („So’n Quatsch!“ – „Catwoman ist aber eine Superschurkin!“ – „Catwoman ist doch nicht schwarz!“ – „Dieser Film gilt nicht!!111!“).

Wieviel Sexismus kommt in „Captain Marvel“ vor? Sie hat mal einen Chauvi-Spruch reingedrückt bekommen, in Kampfeinsätze „durften“ in ihrer aktiven Pilotenzeit nur Männer, und sie und ihre beste Freundin Maria „Photon“ Rambeau (der Nic wird bestimmt noch mal wichtig) waren die einzigen Frauen in ihrer Einheit. Achja, und die Chefin der Forschungsabteilung, wo sie eingeteilt waren. Aber sonst alles Männer. Also ungefähr wie Dr. Carter bei „Stargate“, eine Serie, die etwas später begann als die Zeit, in der der Film spielt. Dr. Carter hat einen Doktor in Astrophysik, Vertiefung auf Plasma- und Partikelforschung, einen Pilotenschein für Kampfjets und eine Nahkampfausbildung. Dr. Carter ist gem. Stargate-Wiki Ende 1968 geboren (s. hier), und ist mit Mitte zwanzig Captain, und wird im Verlauf des Stargate-Franchise mehrfach befördert, bis sie mit 38 Colonel wird. Sie ist anscheinend etwas jünger als Carol Denvers, aber ihr fiktiver Lebenslauf zeigt, dass Frauen sich in sogenannten Männerberufen durchsetzen können (Militär UND MINT-Fach). Ja, man hat sich diese Dr. Carter bloß ausgedacht. Ausgedachte Personen haben keine Beweiskraft. Aber Dr. Carter hat in den meisten Folgen keine übermenschlichen Superkräfte, dazu später mehr. Jedenfalls ist die Stargate-Serie, was das betrifft, eeetwas besser als Vorbild für Mädchen und junge Frauen geeignet, die keine sexistischen Klischees sehen wollen, als Captain Marvel. (Was jetzt mehr über den pädagogischen als den Unterhaltungswert aussagt, aber davon mal auch ab.) Wo war ich? Achja, drei Bemerkungen über die Vorgeschichte, die in den 80ern spielt, und den damaligen Sexismus darstellen.

Jetzt wird in verschiedenen Kritiken nach Sexismus gesucht hier z.B.:

… ihr Mentor Yon-Rogg, gespielt von Jude Law, trichtert ihr immer wieder (mindestens gefühlte zehn Mal) ein, dass sie endlich ihre Gefühle in den Griff kriegen müsse. Typisch Mann vermutlich.

Ja, nee.

  1. das Gefühl, um das es hier geht, ist Wut. Unkontrollierte Wut und Aggressionen gelten im Richtigen Leben als typisch männliche Schwächen, und im Marvel-(Film)-Universum als DIE Probleme des unglaublichen Hulk. Der im Verlauf der Filme daran arbeitet, aber ganz weg ist es nicht. Er ist übrigens grün, um seine toxische Männlichkeit auch optisch zu signalisieren. Wäre es frauenfeindlich oder „typisch Mann“, Dr. Banner für sein grünes Wutproblem zu kritisieren?
  2. jemand, dessen Waffen körpereigen sind, hat die immer; auch, wenn soe wütend, traurig oder im Drogenrausch ist, und braucht mehr Affektkontrolle. Als Jagdpilotin könnte Denver so wütend sein wie sie will, sie kann nicht einfach zum Hangar laufen, sich ihren Bomber schnappen und jemanden damit erschießen. (Weil der Hangar hoffentlich abgeschlossen ist.)
  3. Vers hat Erinnerungen an die letzten sechs Jahre, also die Lebenserfahrung eines Grundschulkindes; ihre aktive Dienstzeit bei den Kree ist hoffentlich noch kürzer. Als dienstjüngstes Mitglied ihrer Einheit ist es kein Zeichen unfairer Behandlung, wegen mangelnder Disziplin gemaßregelt zu werden, denn
  4. in einem unbewaffneten Trainingskampf Hightec-Fernkampf-Waffen einzusetzen, ist schon recht arschig. Auch als Frau.

Es gibt auch keine Anzeichen, dass die Kree sonst irgendwie frauenfeindlich sind. (Ok, sie manipulieren Leute. Aber immerhin dürfen die ihre Uteri oder sonstigen Fortpflanzungsorgane behalten. Hoffe ich.) Ein anderer, wahrscheinlich extra ausgedachter, Vorwurf ist mansclaiming:

Yon-Rogg in der Notlage eines Besiegten [fällt] nichts Besseres ein, als der übernatürlich starken Carol Danvers (Brie Larson) zu erzählen, wie stolz er auf ihre neu entdeckten Kräfte sei.

Ja, nee. Er versucht, sie dazu zu bringen, ihn mit „bloßen Händen“, also ohne Superkräfte, anzugreifen, weil er so eine Chance hätte. Dergleichen funktioniert aber bekanntlich nur bei Schurken, nicht bei Helden. Die ihre Gefühle natürlich im Griff haben. Stolz ist hier überhaupt völlig unberechtigt, Captain Marvel verdankt ihre Superkräfte reinem Zufall und könnte nicht mal selbst darauf stolz sein. Witzigerweise fiel mir eine ähnliche Stelle ein, nämlich als Thulsa Doom einst behauptete, er allein habe die Stärke und Kraft seiner Nemesis ermöglicht, jener Ikone des Feminismus‘ und der Frauenpower, die man CONAN, oder auch „den Barbaren“, nennt. Oder es ist einfach ein Psychospielchen. Hält man Männer zu blöd für Psychospielchen?

Also, wenn man es nicht schon als feministisch feiern will, dass man eine weibliche Hauptperson in einem Superheldenfilm hat, ist der Film ziemlich unfeministisch. Die Hauptperson ist nicht annähernd so feministisch wie ihre Comic-Vorlage, Sexismus kommt nur in Randszenen vor und ist nicht Teil oder wenigstens Prämisse des Hauptkonfliktes wie der Rassismus bei Black Panther, es gibt auch keinen offen sexistischen Gegner. Wenn der Film Sexismus kaum thematisiert oder gar kritisiert, was wäre denn dann das feministische?

„Captain Marvel“ bleibt hinter seinen Möglichkeiten, feministisch zu sein, deutlich zurück. Ich sehe auch nicht, wie es dem Film geschadet hätte, Sexismus stärker zu thematisieren.

Warum wurde er dann im Vorfeld so antifeministisch/sexistisch gehatet? Weil da noch niemand gemerkt hat, wie stromlinienförmig der Film ist, denn er war ja noch nicht draußen. Doh.

Und weil Hauptdarstellerin Brie Larson etwas gesagt hatte, was viele Leute verärgert hat.

Aus Gründen der Abwechslung mache ich damit weiter.

*Fürs Protokoll, Frauen, die Militärdienst leisten, machen das in den meisten Ländern bzw. fiktiven Geschichten freiwillig, oder wenn sie das aus doch einer Zwangslage heraus machen, geht der Zwang praktisch nie vom Militär oder dem Staat aus, zu dem das Militär gehört. Frauen, die hingerichtet, eingesperrt oder sozial geächtet werden, weil sie keine Waffe in die Hand nehmen wollen, sind ziemlich selten. Als ehemaliger Zivi halte ich es für kein gutes Beispiel von Gleichberechtigung, wenn ein Mensch sich aussuchen darf, zum Militär zu gehen, und ein anderer nicht. (Ist in den USA inzwischen auch anders, aber davon ab.)

2 Gedanken zu “Captain Marvel feministisch?

  1. „Der Hauptskandal ist, dass der Film kritisiert wurde, bevor man ihn überhaupt sehen konnte, weil Captain Marvel schockierenderweise eine Frau ist.“

    Was ist hier der Haupt- und was ist der Nebenskandal? Ist der Hauptskandal das Kritisieren vor dem Sehen des ganzen Films (Trailer gab es ja schon) und der Nebenskandal, dass eine Frau die Hauptdarstellerin ist?

    Weder das eine, noch das andere und auch nicht umgekehrt macht deine Aussage richtig. Ich habe mir einige Kritiken angeschaut und die waren nichts so dahingelabert, wie deine Review.

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    1. Natürlich kann man eine Sache an einem Film kritisieren, die man erfahren hat, ohne den Film gesehen zu haben, nur war diese wohl extrem. Aber setze „Hauptskandal“ gedanklich in Gänsefüßchen.

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