Wozu ist eigentlich dieses Framing gut?

Jetzt muss ich mich auch an dem hier abarbeiten.

Wie man hier nachlesen kann, ist dieses „Framing-Handbuch“ auch nicht eins-zu-eins als Handbuch zum Framen übernommen worden, wodurch das Ganze nur nicht so brisant ist, wie es klingt.

Ich will hier auch nicht den Sinn oder Unsinn von öffentlich-rechtlichem Rundfunk diskutieren; persönlich bin ich mit dem System ganz zufrieden, insbesondere, weil meine Hauptnachrichtenquelle ö.-r. Radio ist. Ich sehe aber trotzdem, dass man das System auch dann kritisieren darf, wenn man es eigentlich gut findet; z.B.: „Müssen es 17,50 € sein? Reichen denn nicht 12,35 €?“ – „Wenn ich schon 17,40 berappen muss, warum war der letzte Tatort so schlecht?“ – „Ich würde sogar 20 € zahlen, aber nur, wenn ich dann GAR KEINE Werbung mehr sehe oder höre.“ – „Wieso wird die Lindenstraße abgesetzt?!?!? Das war doch das einzig gute!“

Und ich kann auch Argumente verstehen, die gegen ö.-r. Medien an sich, oder gegen eine Finanzierung per Pauschalbetrag sind. Auch, wenn ich selbst das jetzige System für besser halte.

Nun, das Handbuch soll eine Argumentationshilfe sein, so weit, so gut. Es wird dargestellt, dass ö.-r. Programm moralisch gut sei, weil da auch Programm für Minderheiten gemacht wird, und nicht nur für die Gruppen, die für Werbekunden am attraktivsten sind (d.h., die Gruppen, die besonders groß sind oder besonders viel Kaufkraft haben). Jetzt könnte man sagen, dass das ja schon ein Argument wäre; aber die Broschüre weist (zu Recht) darauf hin, dass manche Menschen es nicht für die Aufgabe der Gesellschaft halten, Minderheiten zu „inkludieren“, die das also für moralisch irrelevant oder sogar für moralisch falsch halten. Ok. Es gibt in der Frage offenbar unterschiedliche Meinungen. Wie geht die Broschüre damit um, bzw., wie will sie Andersdenkende von ihrer eigenen Ansicht überzeugen?

Mit FRAMING natürlich.

Fakten sind also zentral. Aber sie werden in einer öffentlichen Auseinandersetzung erst zu guter Munition, wo ihre moralische Dringlichkeit kommuniziert wird. Das trifft für alle gesellschaftlich­politischen Themen zu. Hätten etwa Fakten rund um die ARD eine objektive Bedeutung, die sich jedem Mitbürger gleichermaßen erschließt, und zwar unabhängig von seiner Weltsicht, dann gäbe es keinen Streit um die ARD.

Jaa, Fakten werden also als „Munition“ geframt, aber nur in Zusammenhang mit „moralischer Dringlichkeit“. Der ganze Absatz ärgert mich, obwohl ich auf Seiten der ARD bin, in mehr als einer Hinsicht.

  1. Fakten sind keine Munition. Das ist Framing, um Menschen vom Framing zu überzeugen.
  2. Indirekt werden hier die Gegner der ARD, die man überzeugen will, als Feinde geframt, die man töten muss.
  3. Aber nur töten kann, wenn man die eigene moralische Überlegenheit ins Spiel bringt.
  4. Ich bin jetzt nicht ganz sicher, was eine „objektive Bedeutung“ von Fakten sein soll, die sich „jedem Mitbürger unabhängig von seiner Weltsicht erschließt“, vermute aber, das gemeint ist, dass aus einem bestimmten Faktum eine, und zwar genau eine, Konsequenz gezogen werden kann. Was dann natürlich ein Strohmann wäre, weil man aus Fakten meistens mehr als eine Konsequenz ziehen kann. (Bspw. hört man im Radio, dass es morgen regnen soll. Eine Konsequenz ist, man geht mit Regenschirm vor die Tür, eine andere, man bleibt daheim, eine dritte, man geht ohne Regenschirm vor die Tür, aber mit Kapuzenjacke.)
  5. Wenn Menschen mit unterschiedlicher Weltsicht aus ein und denselben Fakten unterschiedliche Konsequenzen ziehen, dann ist das eben so. Man muss die Menschen von der eigenen Weltsicht überzeugen, und dann hilft eben genau kein Verweis auf Moralisches, weil das eigene Verhalten für das Weltbild des jeweiligen Gegenübers eben NICHT moralisch ist. (Es gibt die Redensart, dass der Wurm dem Fisch schmecken muss, nicht dem Angler. Das framt den Diskussionsgegner natürlich als dummes Tier, dass zu spät merkt, dass die Sache einen Haken hat, aber generell ist damit gemeint, dass die Argumente, die einen selbst überzeugen, nicht notwendigerweise die sind, die das Gegenüber überzeugen.)
  6. Wenn Punkt 4. und 5. jetzt meine Fehlinterpretation sind, fehlt mir hier aber auf jeden Fall ein Zwischenschritt wie bei den Unterhosengnomen: wenn die Fakten über die ARD von anderen Mitbürgern anders – nennen wir’s mal – wahrgenommen werden, kann das statt an der unterschiedlichen „Weltsicht“ auch daran liegen, dass diese Fakten nicht bekannt sind, oder strittig sind, oder dass andere Fakten (oder Fehlannahmen) ebenfalls berücksichtigt werden. Hier scheint die Broschüre aber davon auszugehen, dass alle Mitbürger alle Fakten kennen und für wahr halten, was nicht unbedingt stimmen muss.
  7. „Streit um die ARD“ wird es schon deshalb weiterhin geben, weil die Qualität von Kunst nicht hinreichend objektivierbar ist. Wenn jemand z.B. der Ansicht ist, dass die letzten 15 Tatorte alle Mist waren und 17,50 im Monat nicht annähernd rechtfertigen, hat das nichts mit Moral oder Weltsicht zu tun, sondern ist eine Geschmacksfrage. Was die Broschüre aber komplett ignoriert.

Aber gut, es ist auch eine Frage der Moral, Radio und Fernsehen für alle zu machen, und es sinnvoll, dass den Leuten zu erklären, die das finanzieren sollen. Jetzt ist aber nicht die Idee, zu sagen, dies ist moralisch die richtige Methode, weil 1.,2.,3., …, nein, es muss geframt werden, weil:

Sprache ist das wirkvollste Instrument für die Mobilisierung von Mitbürgern, aufgrund einer einfachen Wahrheit: Sprache aktiviert Frames.

Mal abgesehen, dass Sprache viel besser funktioniert, wenn man sich nicht dauernd neue Wörter ausdenkt wie „wirkvoll“ statt „wirksam“, und abgesehen davon, dass selbst eine geladene Knarre an der Schläfe kein wirksames Mobilisierungsinstrument ist, wenn der Knarrenhalter dem Schläfenbesitzer nicht mitteilen kann, wozu er mobilisiert werden soll, weshalb Sprache trivialerweise immer bei der Mobilisierung von Mitbürgern zum Einsatz kommt, What The Frell?

Die Ausführungen, was Framing ist und wie es wirkt, gehe ich weitgehend mit. Ob man bspw. männliche erwachsene Menschen als „Männer“ bezeichnet oder als „schwanzgesteuerte Arschlöcher“ macht sicher einen Unterschied aus, wie man in ihren oder seinen Ausführungen zum Thema „männliche erwachsene Menschen“ wahrgenommen wird. Oder das ach so witzige Wortspiel, statt „Volksvertreter“ „Volksverräter“ zu sagen. Und ja, die Broschüre hat recht, jedes Wort hat Frames, also ist es nicht so, dass „Volksverräter“ Abgeordnete als schlechte Menschen framt, „Volksvertreter“ aber überhaupt keinen Frame hat, sondern beide Wörter verfügen über Framing, das eine mehr positiv, das andere völlig negativ, und man sollte das immer im Hinterkopf behalten, wenn man argumentiert oder die Argumente anderer Leute sieht. Ok soweit.

Wo ich aber gar nicht mitgehe, ist „Fakten vs. Frames“. Fakten führen offenbar nicht bei allen Menschen zu denselben Konsequenzen, was an der Weltsicht liegen kann, oder daran, dass nicht alle Menschen dieselben Ziele oder Interessen haben, und an diversen anderen Gründen. Aber genau dasselbe gilt doch auch für Frames! Nicht jeder Mensch hat genau denselben Frame beim gleichen Wort, d.h, wenn schon Fakten keine „objektive Bedeutung“ haben, dann Frames erst recht nicht. (Ich weiß nicht, ob in dem Zitat oben nicht Wörter statt Fakten mit objektiver Bedeutung gemeint sind. Würde den Absatz aber nicht grundsätzlich besser machen.) Es wird beispielsweise ausgeführt, das „privat“ allg. etwas positives sei, und das deshalb das Wort „Privatsender“ positives Framing vermittelt. Ja, bei manchen Menschen vllt. schon, bei mir z.B. aber nicht (ist ja nicht mein „Privat“). „Leberkäse“ mag ich ja auch, obwohl ich Leber und Käse eher nicht so gern esse. Weiterhin, genauso, wie man eine Behauptung ablehnen kann, weil man den eigentlichen Sachverhalt ablehnt, kann man das Framing dazu ablehnen. Wenn etwa ein Text über männliche erwachsene Menschen diese konsequent als „schwanzgesteuerte Arschlöcher“ bezeichnet werden, wird dieser evt. schon wegen der Hassrede abgelehnt, ohne die inhaltlichen Punkte auf Faktentreue oder dergleichen zu überprüfen. Weiter weiterhin, wenn man die moralische Dringlichkeit, die eine Sache hätte, bezweifelt, wird man das moralische Framing dazu ablehnen, auch wenn die Fakten nicht bestritten werden. Bspw., wenn jemand gerne Fleischprodukte isst, wird sie oder er sich nicht unbedingt als Kuhmörder bezeichnen lassen. Die Aussage, dass ihret- oder seinetwegen Kühe sterben, würde vermutlich nicht bestritten, aber „morden“ ist ein moralisches Framing, welches man nicht akzeptieren würde. Noch weiter weiterhin, Leute, die keinen Rundfunkbeitrag zahlen wollen, wollen das i.d.R. nicht deshalb, weil sie mal irgendwo das Wort „Zwangsgebühr“ gehört oder gelesen haben und das Framing spontan verinnerlichten, sondern sie verwenden das Wort „Zwangsgebühr“, weil sie den Rundfunkbeitrag nicht zahlen wollen und ihn so als moralisch schlecht framen können. Inwiefern das Framing von ARD-Mitarbeitern besser auf Rundfunkgebühren-Nicht-Zahlen-Wollende wirken sollte als das Framing, dass die Rundfunkgebühr-Nicht-Zahlen-Wollende selbst anwenden, ist mir, ehrlich gesagt, überhaupt nicht klar. Warum diese komische Bezeichnung? Nun:

Derzeit dominiert für Bürger, die die Verbindlichkeit der demokratischen Vereinbarungen zum gemeinsamen, freien Rundfunk ARD infrage stellen der Begriff „Beitragsverweigerer“

Ähja, die, die es erfolgreich(!) schaffen, ihre Beiträge zu hinterziehen, wären natürlich „Beitragshinterzieher“, analog zu Steuerhinterziehern; Leute, die den Beitrag infrage stellen, aber zahlen, sind einfach Leute, die über die Änderung oder Abschaffung eines Gesetzes diskutieren. Das sind hier zwei völlig verschiedene Dinge, die eine Sprachwissenschaftlerin mal eben in einen Topf wirft: ein Gesetz zu brechen ist illegal, ein Gesetz infrage zu stellen, ist Demokratie. Jedes demokratisch erlassene Gesetz kann demokratisch auch wieder geändert oder gestrichen werden, und dazu muss man das Recht haben, darüber zu diskutieren.

Ebenso verhält es sich mit dem „Kriegsdienstverweigerer“, bei uns wohl gedanklich die präsenteste Kategorie von Verweigerern. Er verweigerte die Zusage zur Teilnahme an möglichen Kriegshandlungen von vornherein, und zwar aus Prinzip. Er weigerte sich nicht, in den Krieg zu ziehen, nachdem er die
Wehrpflicht akzeptiert hatte.

Mal davon abgesehen, dass das daher auch „Wehrdienstverweigerer“ heißt, man verweigerte, wenn man alt genug war, eingezogen zu werden. Die Analogie wäre, dass jemand die Zahlung „verweigert“, sobald sie oder er in die Situation kommt, den Rundfunkbeitrag zahlen zu müssen (Volljährigkeit und Wohnung). Da man vorher gar nicht wahlberechtigt ist, ist der Verweis auf eine demokratische Abstimmung, an der man gar nicht teilnehmen durfte, müßig.

Der Begriff „Beitragsverweigerer“ macht also die Wortbrüchigen – denn der
gemeinsame Rundfunk ist eine demokratische, verbindliche Entscheidung –
nicht nur zu Menschen mit Prinzip. Sondern er impliziert auch, dass sie gar
nicht wortbrüchig sind.

Wenn der Rundfunkbeitrag nicht freiwillig gezahlt wird, und auch keine Befreiung zur Anwendung kommen kann, wird der Betrag zwangsvollstreckt. Insofern ist der Begriff „Beitragsverweigerer“ sowieso komplett falsch, weil der Beitrag ja überwiesen wird, im Unterschied zum Wehrdienstverweigerer, der faktisch nicht Soldat wird.

Bürger, die sich nicht gemäß der demokratischen Vereinbarung am gemeinsamen Rundfunk ARD beteiligen, sind wortbrüchig oder auch illoyal.

„Wortbrüchig“ ist hier einfach der falsche Begriff; ich kann nur wortbrüchig sein, wenn ich persönlich im Wort stehe. Ein Wehrdienstverweigerer ist nicht wortbrüchig, weil er nie sein Wort gegeben hat, Wehrdienst zu leisten. Ein Beitrag-nicht-Zahlen-Wollender hat nie sein Wort gegeben, zu zahlen. Außerdem wird sein Beitrag auch ohne seine Zustimmung eingezogen. Eine demokratische Abstimmung, selbst wenn die nicht zahlen wollende Person da schon wahlberechtigt war, ist aber kein Versprechen. Vllt. hat die Person ja damals anders abgestimmt? Natürlich muss man sich an demokratisch zustande gekommene Gesetze halten, aber jemand, die oder der einen Beitrag zahlt, aber darüber redet, dass s.o.e. ihn lieber nicht zahlen würde, ist einfach nicht „wortbrüchig“. Und „illoyal“ framt, dass man der ARD Loyalität schulde. Nein, wenn, dann schuldet die ARD ihren Mitbürgern Loyalität. Hier werden Andersdenkende also als Verräter und Deserteure geframt. Super Broschüre.

Ein weiterer Vorbehalt, den ich auch abseits dieses Framinghandbuchs noch gegen Framing habe, ist der dass Framing austauschbar ist, Fakten aber nicht. Argumente, die etwas taugen, sollten daher auf Fakten basieren und nicht auf Framing.

Die Nachteile von Framing statt Fakten sind also:

  • Framing appelliert an die Assoziationen eines Wortes anstatt die konkrete Bedeutung und ist daher (noch) weniger „objektiv“ als Fakten.
  • Framing steht gegen anderes Framing, d.h., alle Beteiligten können sich einfach das Framing aussuchen, das ihnen am besten passt. Die Wirksamkeit von Frames auf die Wahrnehmung ist also begrenzt.
  • Frames ändern möglicherweise die Wahrnehmung, aber niemals die Realität; Leberkäse wird nicht spontan zu einem leberhaltigen Milchprodukt, egal, wie oft man das so nennt.
  • Framing ist beliebig austauschbar und daher beliebig
  • Und, auf der Metaebene: Wenn Framing so wirkmächtig wäre, dass allein das richtige Framing die Weltsicht eines Mitbürgers zum Kippen bringen kann, dann wäre diese geänderte Weltsicht ja ebenfalls durch das nächste Framing änderbar. Welchen Sinn hätte Demokratie dann, wenn die Wahlberechtigten so leicht manipulierbar wären, und wozu überhaupt gute Nachrichtensendungen und Bildungsfernsehen, wenn die Leute doch nur machen, wozu sie geframt werden? Dies ist ein ziemlich deprimierendes und antidemokratisches Menschenbild.

Kein Wunder, dass die Broschüre nicht von der ARD übernommen wurde. Dass die Broschüre selbst Framing statt Fakten benutzt hat, um die ARD zu überzeugen, spricht ebenfalls nicht für deren Überzeugungskraft.

Dass man nicht nicht framen kann, hat damit nichts zu tun. Ich kann auch nicht sprechen, ohne zu atmen, aber mein Atem allein leistet keine Überzeugungsarbeit.

 

Und hier noch die schönsten Framingversuche und meine bescheidenen Anmerkungen dazu. Widerstand! Ist! ZWECKLOS!

Kontrollierte Demokratie statt jeder wie er will.

Sonst könnte ja jeder kommen.

Gleichheit kann man nicht kaufen.

Für alles andere gibt’s Mastercard.

Wir sind Ihr.

Ihr werdet assimiliert werden.

Lieber selbst denken (dürfen).

Statt Gleichschaltung durch Framing.

Wir nehmen die Information Ihre Eltern ernst. Egal, wo sie leben.

Grammatik ist nicht so wichtig wie Framing.

Am freien Rundfunk zerplatzt jeden Tag um 20 Uhr die Filterbubble.

Wer in seiner Blase bleiben will, kuckt eh‘ nur das, was dazu passt.

Sind Sie Bürger oder Kunde?

Wieso „oder“?

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