Und was ist toxische Männlichkeit uneigentlich?

Sowas:

Man vergleiche das mal mit Mr Urwin (der mittlere), der einfach nur nicht zu Arzt gegangen ist (a), einerseits, und Vorurteile und Klischees über Männer andererseits (b).

Verhaltensnormen wie z.B.:

  • Hang zur Gewalt

Joa, sein Vater war im Krieg. Da muss man sich nicht wundern. Ansonsten ist das ein Klischee. (b)

  • Emotionslosigkeit (Wut darf gezeigt werden)

Ich kenne keine Gesellschaft, in der Männer nicht z.B. auch lachen dürfen. Aber gut, Angst vor einer tödlichen Krankheit nicht zu zeigen, war Mr. Urwins Problem. (a)

  • Gefühle werden unterdrückt

„Unterdrücken“ ist nicht dasselbe wie „nicht zeigen“. Keine Ahnung, ob das hier zutraf. (b)

  • Sexuell hyperaktiv und sexuell aggressiv (sexuell aufdringlich sein)

Sexuelle Gefühle werden hier offenbar weder unterdrückt noch verborgen. Jetzt haben wir schon DREI Gefühle, die in der toxischen Männlichkeit vorkommen. Aber, soweit wir das wissen, war Mr Urwin glücklich verheiratet; offenbar so glücklich, dass er seine Frau nicht mit so etwas wie einer Krankheit behelligen wollte. (b)

  • immer bereit dominant und aggressiv aufzutreten

Das ist eher ein Klischee über Männer. Dominante und aggressive Menschen gehen durchaus zum Arzt. (b)

  • starkes Konkurrenz- und Kampfdenken

Keine Ahnung, ob Mr Urwin das hatte. Falls er Konkurrenten hatte, haben die ihn jetzt schon deshalb überrundet, weil sie nicht gestorben sind. Also eher ein Klischee. (b)

  • harte Schale

Kann man bei Mr Urwin vermuten. (a)

  • Extremes Selbstvertrauen

Ich unterstelle ihm nicht, dass er durch reine Willenskraft nicht sterben wollte, also: (b)

  • über Ängste und Probleme wird nicht geredet / Hilfe wird nicht gesucht

Offensichtlich (a)

  • Frauen zu Objekten degradieren

Ja, er wollte das „Objekt“, mit dem er verheiratet war, nicht belasten. Typisches Machoverhalten. (b)

  • Andere unterdrücken / Stress bei anderen verursachen

Selbst in Hinblick darauf, dass seine Frau und sein Sohn sicher unter seinem frühen Tod litten, war das wohl genau nicht seine Absicht. (b)

  • Wenn andere Schwäche zeigen mit Aggressivität reagieren

Hat genau was mir Mr Urwin zu tun? (b)

  • Die eigene Femininität ablehnen und nicht ausleben.

Herzinfarktbehandlungen sind keine Feminininität. Sagt Grönemeyer. Also (b)

  • Gedichte schreiben, Malen oder über die eigenen Gefühle reden, ablehnen.

Nicht jeder, der nicht dichten kann, ist ein übler Machomann. Hat mit Urwins Fall aber nur insofern zu tun, als dass Gefühle hier redundant zur Sprache kommen. Die hatten wir schon, also (b)

  • Schwule / Homosexuelle ablehnen (Homophobie)

Kann so gewesen sein, aber es gibt auch nicht-schwule Herzspezialisten, also war das nicht der Grund, nicht zum Arzt zu gehen, also: (b)

  • durch Gewalt seine Macht und Dominanz stärken

Weder Gewalt noch Macht noch Dominanz waren die Probleme von Mr Urwin. (b)

  • Bullying – andere schikanieren, verprügeln oder mit Gewalt drohen

Ist jetzt auch etwas redundant, aber nochmal (b).

Das Konzept „toxic masculinity“ geht noch einen Schritt weiter und thematisiert die Folgen dieser toxischen Männlichkeit auf die Gesellschaft. Es geht dabei, um schädliche und schlechte Einflüsse auf eine Gesellschaft, Frauen und Minderheiten. Außerdem, dass mit toxischer Männlichkeit Unterdrückung, Benachteiligung und Unten-Haltung von anderen einhergeht.

Mr Urwin hat sich nur selbst unten gehalten, weil er, aus falsch verstandenem Altruismus oder einer „gefühlten“ Erwartungshaltung seitens seiner Familie und Gesellschaft, auf medizinische Beratung verzichtet. Sicher leiden seiner Angehörige darunter, aber selbst die wurden nicht „unterdrückt“. (b)

Männer selbst können auch von toxischer Männlichkeit betroffen. Sie neigen dazu größere Risiken einzugehen, setzen sich Gefahren aus und können dabei (tödlich) verletzt werden. Sie unterdrücken ihre eigenen Gefühle und fordern dies auch bei anderen Männern und Jungen ein.

 

Da fehlt ein „werden“, aber ansonsten: JA, offensichtlich ist Mr Urwin sein eigenes Opfer. Und sein Sohn geht davon aus, dass das das Vorbild seines Großvaters war, und dass er selbst auch so geworden wäre, wenn er nicht mittlerweile anders darüber denken würde. Das ist aber nicht ganz das gleiche wie „einfordern“. Aber immerhin wird das ursprüngliche Problem, die Selbstzerstörung, angesprochen.

Jedenfalls treffen die obigen Punkte 3x auf Mr Urwin zu (a) und 15x nicht (b), damit entspricht also das „Urbeispiel“ nur zu einem Sechstel dem obigen Verständnis von „toxischer Männlichkeit“.

Ich gehe mal davon aus, dass es bestimmt auch Männer gibt, die die obige Liste komplett erfüllen, so wie es Männer gibt, auf die keiner der obigen Punkte zutrifft. Die ganz große Mehrheit wird irgendwo dazwischen liegen. Aber dieser toxische-Männlichkeitsbegriff hat mit Mr Urwin kaum noch etwas zu tun. Der „Musterfall“ wurde einfach mit dem erweitert, was man sonst „Machoverhalten“ nennt. Was jetzt erstens unfair gegenüber Mr Urwin ist, aber zweitens ein neues Problem aufmacht: Statt zu fragen, wie man ihm und anderen Männern mit diesem Verhalten helfen könnte, geht es nur noch darum, wie man andere vor ihnen schützen kann.

Um die Titelfrage zu beantworten:

Uneigentlich ist toxische Männlichkeit entweder ein Angeberbegriff für „Machotum“, oder einfach die gesammelten Vorurteile über Männer.

Kein Mensch ist toxisch.

2 Gedanken zu “Und was ist toxische Männlichkeit uneigentlich?

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