Was ist diese toxische Männlichkeit eigentlich?

Der Begriff „toxische Männlichkeit“ (engl. „toxic masculinity“) wurde von Jack Urwin geprägt, dessen Vater mit 51 starb, als sein Sohn zehn war. Soweit man das nachvollziehen konnte, hatte der Vater bereits zuvor einen Herzinfarkt, ist damit aber nicht zum Arzt gegangen, sondern hat sich rezeptfreie Medikamente gekauft. Offenbar war ihm das Problem bewusst, er hat aber weder mit seiner Familie darüber geredet, noch professionelle Hilfe gesucht.

Jack Urwin geht davon aus, dass sein Vater deutlich länger gelebt hätte, wenn er das mal gemacht hätte.

Dieses Verhalten nennt er

toxische Männlichkeit.

Es ist also keine Männlichkeit, die Frauen schadet, es ist auch keine Männlichkeit, die anderen Männern schadet, sondern die betroffenen Männer schaden sich selbst (nicht einander). Und wenn jetzt jemand an Grönemeyer denken muss, so ist das traurigerweise nicht soweit weg. „Wann ist ein Mann ein Mann.“

Urwin vermutet, dass die Unfähigkeit bzw. der Unwille, über die eigenen Gefühle oder sonstige Probleme zu reden, von seinem Großvater stammt, der aus dem zweiten Weltkrieg als „kaum noch funktionierendes menschliches Wesen“ zurückkam, und mit niemanden über seine Probleme reden konnte, und deshalb habe sein Sohn das auch nicht erlernt. Ich kann das gut nachvollziehen, mal abgesehen davon, dass ich nicht ausgerechnet mit meinem Sohn über Traumata reden wollen würde, wenn ich welche hätte. Nicht über Gefühle zu reden, gesundheitliche Probleme eher runterzuspielen und allgemein eine steife Oberlippe zu bewahren, wie man das in England nennt, sind Eigenschaften, die im Krieg ganz nützlich sind:

„Haben wir noch Morphium?“ – „Nein, wieso?“ – „Ich habe ein paar Splitter von einer deutschen Granate im Allerwertesten, und das tut etwas weh.“ – „Ohje. Ich kann Dir aber eine Zigarette geben, dann ist das Stehen nicht so langweilig.“ – „Besten Dank.“

Leider sind die meisten Fähigkeiten, die im Krieg ganz nützlich sind, dies in der Zivilgesellschaft eher nicht so.

Jedenfalls, in der Verwendung, mit der der Begriff eingeführt wurde, vergiftet sich der Mann mit „toxischer Männlichkeit“ selbst, indem er sein eigenes Wohlergehen ignoriert, weil er – zu Recht oder Unrecht – denkt, das würde so von ihm erwartet.

Toxische Männlichkeit ist also eigentlich ein Mangel an gesundem Egoismus.

Ein Gedanke zu “Was ist diese toxische Männlichkeit eigentlich?

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