Nazis irgendwas

Da es letztens mal eine etwas größere Diskussion gibt, wer oder was eigentlich diese Nazis seien, über die ständig geredet wird, besteht offenbar Diskussionsbedarf.

Die Menge aller Nazis schwankt je nach Definition extrem, während einige Menschen behaupten, Nazis sind so etwas imaginäres wie Einhörner und Ufos, höchstens ein gewisser A. Hitler sei evt. in der Kategorie „Nazi“ erfassbar gewesen, bei sehr weit gefasster Auffassung, liegt am anderen Ende der Skala die Annahme, nur Leute, die Grüne wählten, seien keine Nazis.

Eine goldene Mitte zu suchen, führt hier zu nichts, da die goldene Mitte darin bestünde, dass genau die Hälfte aller Menschen außer den Grünenwählern aber einschließlich Hitler Nazis seien. Oder aber, dass jeder Mensch außer Hitler und die Grünenwähler ein halber Nazi sei, Hitler selbst wäre ein ganzer Nazi, und Grünenwähler jedweder Geschlechtlichkeit überhaupt keine Nazis. Das ist mathematisch vllt. befriedigend, aber auch nur mathematisch.

Nazis sind – Achtunkkk, Späuläralarm – Nationalsozialisten. Dies äußerte sich früher mindestens in der Parteizugehörigkeit, als es die NSdAP noch gab, heute in der Selbstbezeichnung (NSU), und ohne diese formalen Kriterien darin, dass jemand, die oder der den Ansichten und Zielen der NSdAP weitgehend zustimmt, auch ohne Parteimitgliedschaft ein Nazi ist. „Weitgehend“ steht da deshalb, weil jemand, der in irgendeinem Detail dem NSdAP-Programm nicht zustimmt, trotzdem ein Nazi ist, und umgekehrt jemand, der sagen wir für den Anschluss Österreichs war, aber den Rest des NS-Programmes ablehnte, kein Nazi ist/war. Ja, ist etwas Fuzzy-Logik-Definition mit dabei. Ich bin persönlich EXTREM vorsichtig mit dem Begriff, weil eine zu weite Auffassung den Begriff verharmlost, und Nazis haben keine Verharmlosung verdient.

Jetzt ist mir weiterhin klar, dass viele, die sich selbst nicht, auch nicht heimlich, als Nazis bezeichnen, trotzdem Nazis sind. Das heißt, die fühlen sich von „Nazis raus“ nicht angesprochen. Und das heißt wiederum, dass „Nazis raus“ keinen Sinn und Nutzen hat. Also kann man den Spruch aus bleiben lassen.

Gegenbeispiel: Der Anstecker mit „Atomkraft? Nein, danke“ signalisiert eine gewisse Gesprächsbereitschaft. Er richtet sich an die jeweilige Regierung, Atomkraft abzuschaffen, worauf diese irgendwann mal zustimmend regierte. Jetzt wird kein Atomkraftgegner ernsthaft behaupten, dass die Anstecker das alleine hinbekommen hätten; es gab Diskussionen, Demos und abschreckende Atomkraftunfälle. War ein insgesamt sehr langer, politischer Effekt, aber die eigene politische Einordnung als Atomkraftgegner gehörte natürlich dazu, weil man so die eigene Mehrheit besser akkumulieren kann. Insofern hat der Anstecker einen Zweck gehabt.

Das ganze wird bei Nazis nicht helfen. Kein Mensch wird denken: „Achja, ich bin ja Nazi. Dann gehe ich wohl einfach.“ Entweder, der Mensch sieht sich als Nazi, dann interessiert ihm das Gerede von Nichtnazis nicht (Nazis sind typischerweise sehr auf ihre Parteilinie bedacht), oder aber, der Mensch sieht sich nicht so. Dann fühlt er sich entweder nicht angesprochen oder aber beleidigt. (Deswegen sagt man auch, dass man mit Nazis nicht diskutieren könne. Doch, im Prinzip schon. In der Praxis nicht, weil der Nazi nicht will, oder wenn doch, lässt er sich nicht überzeugen. Ein wesentlicher Punkt des Nationalsozialismus ist, dass Demokratie und Diskussionen Quatsch sind.)

Es ist auch nicht nötig, sich seiner Anti-Nazi-Mehrheit zu versichern, weil selbst die, die sich selbst als Nazi sehen, sich nicht öffentlich so bezeichnen. Im Unterschied zu Atomkraftbefürwortern. D.h., man ist in den meisten Situationen als Nazi-Gegner unter anderen Nazi-Gegnern, und in den Situationen, wo die Nazis mal doch die Mehrheit sind, ist „Nazis raus“ vllt. nicht der allerbeste Spielzug. Nazis sind nicht nur selten diskussionsbereit, sondern außerdem überwiegend minderheitenfeindlich, gewaltbereit, schlechte Verlierer, humorlos und auch sonst ziemlich schlimme Menschen. Also ist der Spruch „Nazis raus“ bestenfalls nutzlos und schlimmstenfalls gefährlich für die eigene Unversehrtheit.

Falls jetzt die Frage kommt, was man sonst gegen Nazis machen soll?

  • kein Nazi sein
  • sich einer Partei oder sonstigen Gruppe anschließen, die keine Nazis sind
  • gegen Nazis argumentieren; also nicht mit den eigentlichen Nazis, aber mit Leuten, die für Argumente prinzipiell empfänglich sind
  • sauber argumentieren; es gibt keine Diskussion, wo Argumente nicht angegriffen werden, also nimmt man die Argumente mit der geringsten Angriffsfläche
  • nicht pauschalisieren; nicht jeder, der oder die ein bestimmtes Argument nicht akzeptiert oder eine bestimmte Meinung nicht teilt, ist ein Nazi
  • und halt kein Nazi sein

Davon abgesehen halten die meisten Nazis den Rechtsstaat wegen seiner demokratischen Legitimation, seinen fairen Prozessen und seiner Abschaffung der Todesstrafe für den größten Gutmenschenquatsch von allen. Daher begehen viele Nazis Verbrechen, weil sie sich von Gutmenschen sich noch weniger sagen lassen als von Schlechtmenschen. Einfach Nazis bei einem Verbrechen erwischen, einsperren, ein Problem weniger.

4 Gedanken zu “Nazis irgendwas

  1. „Und das heißt wiederum, dass „Nazis raus“ keinen Sinn und Nutzen hat. Also kann man den Spruch aus bleiben lassen.“
    Ich kann dieser Argumentation absolut nicht folgen.

    Like

      1. Er kennzeichnet eine bestimmte Position als indiskutabel und inakzeptabel und stärkt damit zum Beispiel die potentiellen Opfer und marginalisierten Gruppen, und verdeutlicht auch denen, die diese Position vertreten, dass sie sich außerhalb des noch legitimen Rahmens bewegen.

        Like

  2. Nazis ist i.d.R. klar, dass sie sich außerhalb des demokratisch legitimierten bzw. legitimierbaren Rahmens bewegen; sie lehnen Demokratie ja ab. Und die, denen das nicht klar ist, sind eh‘ jenseits aller Diskutierbarkeit.

    Zum Thema „Opfer stärken“ – bis vor kurzem dachte ich das auch, aber dann las ich das hier. http://www.taz.de/!5563181/
    Erst dachte ich „HÄH?“, aber dann sah ich den Sinn dahinter. Kein Nazi oder sonst ein Rassist wird von „Keine Gewalt“-Rufen von Gewalt abgehalten, und mit „Nazis raus“ ist das ebenso.

    Ok, vllt. ist der Nutzen nicht gleich Null, aber ziemlich klein.

    Like

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s