Relotius relativiert

Wie im vorigen Beitrag angesprochen, ist es keine Ironie, wenn „Lügenpresse“-Rufer Relotius als ein Beispiel für „Presse, in der gelogen wird“ verwenden. Auch, wenn er vllt. kein „linksgrünversiffter Gutmensch“ ist, sondern Vorurteile gegenüber Leuten, die im Ausland leben, eher reproduziert als abbaut, und so tendenziell eher dem Nationalismus zuträgt, so ist es ein wiederkehrendes Vorurteil in Geschichten von Relotius, dass Menschen im Ausland schlimme Leute sind, die eine, sagen wir mal, überzogen patriotische Grundeinstellung gepaart mit ausländerfeindlichen Vorurteilen an den Tag legen. Also ausländerfeindlich bezogen auf deren Ausland. Insofern ist er dann doch wieder gegen Nationalismus. Allerdings, wenn seine politischen Überzeugungen genauso gefestigt sind wie seine Arbeitsmoral und beruflicher Ethos, welche politischen Ziele belegen dann seine Artikel? Vllt. findet er ja, dass man die Regierung auslosen muss.

Das Argument, warum Relotius kein Beleg für „flächendeckende“ oder systematische „Lügenpresse“ ist, hat mit seiner vermeintlichen politischen Ausrichtung, so vorhanden, gar nichts zu tun. Die Argumentation ist, dass „die“ Lügenpresse „dem“ Volk eine bestimmte Meinung „beibringen“ soll, indem sie bestimmte Fakten verschweigt und bestimmte Lügen aufstellt. Und hier passt Relotius nicht rein.

Was der nämlich gemacht hat, nennt sich

Betrug.

Der Spiegel und seine Leser, nicht aber seine Nicht-Leser, sind Opfer dieses Betruges geworden, weil die letztendlich Geld für etwas ausgegeben haben, dass die gewünschte Eigenschaft nicht hatte. Nämlich die Eigenschaft, die Wahrheit zu sein. Ein ausgedachter Artikel hat diese Eigenschaft eben nicht, und wenn man Geld für eine Ware oder Dienstleistung verlangt, die eine geforderte und behauptete Eigenschaft nicht hat, ist das halt Betrug. Jetzt kann man natürlich darüber herziehen, dass der Spiegel bei Relotius offenbar ziemlich übel versagt hat, hier zum Beispiel, aber das ist Doofheit seitens des Spiegels, keine böse Absicht. Ich vermute, und bitte wirklich als Vermutung lesen, dass Relotius irgendwann gemerkt hat, dass seine Artikel nicht oder nicht mehr so penibel auf Fakten und Plausibilität überprüft wurden, wie das z.B. Herr Niggemeier aus seiner Zeit als Spiegelmitarbeiter kannte. (Und Niggemeier legt Wert auf die Feststellung, dass er kein schadenfroher Ex-Mitarbeiter ist, der Ex-Kollegen und/oder Ex-Chefs jetzt mal so richtig was heimzahlen kann. Und ich glaub ihm das, weil das dann ganz anders rüberkäme…) Jedenfalls hat die Dokumentations-Abteilung bei Relotius selbst so leicht zu ergoogelnde Fakten nicht gecheckt wie den, dass in der Nähe von Fergus Falls kein dunkler Wald, der symbolisch für die Dunkelheit steht(?), steht. Man mag sich fragen, inwiefern das überhaupt für die Frage relevant sein soll, wieso eine Stadt, die zehnmal hintereinander jeweils für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten stimmte, plötzlich mehrheitlich Trump wählt, aber, um Kommentator Llamaz zu zitieren: „Das klingt wie aus einer Kurzgeschichte von Stephen King geklaut.“ Stephen King traue ich zu, realistische, aber nicht reale, Bürger amerikanischer Kleinstädte am laufenden Band zu kreieren, bei denen ganz viele reale US-Kleinstadtbürger sagen, „Jau, so wen kenn‘ ich doch auch!“, aber dann werden die realistischen, irrealen Bürger meist auch bald von irgendwelchen schrecklichen, nicht so wirklich realistischen, irrealen Monstern erwischt, die z.B. in dunklen, düsteren Wäldern hausen, von daher ist Stephen King NICHT die Messlatte, die ein Reporter zu reißen hat. Jedenfalls hätte der Wald einfach komplett gestrichen gehört. Daher vermute ich, dass Relotius damit gerechnet hat, dass der Wald nicht rausgestrichen wurde; denn diese Info zu überprüfen, dauert keine drei Sekunden für die Dok-Abteilung, aber ebenso keine drei Sekunden für Relotius selber. Und Relotius hätte sich sicher auch eine gute Metapher einfallen lassen können, die die Steppe da darstellt, aber wieso die Mühe machen? Dunkler Wald ist besser als die Steppe. Interessier doch eh‘ keinen, ob’s den Wald gibt. Weiter. Was ich nicht weiß und auch nicht wissen kann, ist, ob das nur bei Relotius beim Spiegel so war, oder auch bei anderen Reportern. Schließlich ist Relotius etwas berühmter als der neue Voluntär, Herr Dingsbums. Frau Dingsbums? Das Individuum, das letztens mal was abgegeben hat, eben. Hatte lauter Kommata falsch. Wo war ich?

Achja: wenn der Spiegel gewollt hätte, dass Relotius nicht einfach „schreibt, was ist“, dann hätte er ihm einfach sagen können: „Du läufst so lange rum, bis Du min. drei ausländerfeindliche, waffenschwingende, trumpwählende Hinterwäldler findest. Die interviewst Du. Dann komm zurück.“ Ist nicht ganz so leicht wie für Stephen King, der sich einfach eine Kleinstadt ausdenken kann, die genau neben einem dunklen Wald liegt, aber fast: bei 240 Mio. US-Bürgern gibt es einfach welche, die Vorurteile bestätigen. Dazu muss man rein gar nichts erfinden. Weiterhin, wenn der Spiegel auf Nummer sicher gehen wollte, dass nicht zufällig jemand den Schwindel bemerkt, hätte die Redaktion die Dok-Abteilung doch einfach auf Inplausibilitäten, Unrichtigkeiten und ähnliches Gedöhne ansetzen müssen. Wer Fälschungen erkennen soll, ist auch in der Lage, Fälschungen zu optimieren. Der dritte Grund, warum ich die Erklärung, dass Relotius einfach ein Betrüger ist, für plausibel halte, ist die, dass Auslandsreportagen teuer sind, aber auch viel Arbeit machen. Hierbei zu betrügen ist jetzt nicht so abwegig. Der Vergleich, der mir bei Relotius am ehsten in den Sinn kommt, ist der mit Doping beim Sport. Sport kann für die Spitzensportler („dabei sein“ reicht nicht) sehr lukrativ werden; manche helfen ihrer Spitzenposition daher eben nach. (Das ist wohlgemerkt vllt. ein Grund, aber niemals eine Rechtfertigung: Es gibt genug Leute, die mit ehrlich recherchierten Reportagen ihren Lebensunterhalt verdienen, und eine Reportage über „Nicht-Klischee-Amis“ wäre ja auch interessant gewesen.)

Und ein vierter Grund, aber der ist doppelt spekulativ, ist folgender: Wenn Relotius seine Reportagen auf Veranlassung oder zumindest mit Billigung der Spiegelredaktion gefaket hätte, hätte er dafür evt. Belege gesammelt. Mails, Telefonmitschnitte, wasauchimmer. Und JETZT würde er sein großes Enthüllungsbuch: „Sie haben mich gezwungen!“ ankündigen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s