Privilegien und „Privilegien“

Um einen Kommentar zu Weil’s Hate Speech ist etwas ausführlicher zu beantworten, es gibt Privilegien im juristischen Sinne und Privilegien als Metapher.

Im juristischen Sinne sind Privilegien einfach Sonderrechte. Bspw.: „Rollstuhlfahrer dürfen auf Behindertenplätzen parken!“ oder „Adelige dürfen auch zu Friedenszeiten Waffen führen.“ Nicht alle Privilegien sind sinnvoll.

Im übertragenen Sinne sind Vorteile gemeint. Wenn andere Menschen einen Nachteil haben, den ich nicht habe, ist das mathematisch gesehen so, als habe ich einen Vorteil, den die anderen nicht haben. Dieser Vorteil wird „Privileg“ genannt.

Als Metapher ist das ganz in Ordnung, es wird aber schwierig, wenn die Metapher auf das richtige Ding trifft. Beispielsweise haben Schwule das Problem, dass manche Menschen Schwule verprügeln, weil sie schwul sind. Es gibt praktisch niemanden, der Heteros verprügelt, weil sie hetero sind. Wegen der sexuellen Orientierung verprügelt zu werden, ist ein Nachteil, den ich als Hetero also nicht habe, ergo ist das ein „Privileg“. In Anführungsstrichen.

Jetzt ist das aber nicht dasselbe wie das Waffentragen von Adeligen in Friedenszeiten. Wenn ich als Adliger in irgendeinem Spätfeudal mal über meine Privilegien nachgedacht hätte, und zum Schluss komme, dass das Waffentragen ein veralteter Brauch aus dem Hochmittelalter sei, könnte ich einfach drauf verzichten, und lasse den Degen zu hause. Oder, ich könnte weiterhin bewaffnet durch die Gegend laufen, aber mich nicht dran stören, wenn Nicht-Adelige das auch so halten. Oder, ich werde politisch, und schaffe entweder ein Gesetz, was das Waffentragen in Friedenszeiten auch Adeligen verbietet (dann gibt es das Privileg nicht mehr), oder aber auch Nicht-Adeligen erlaubt (dann ist es kein Privileg mehr).

Auf die Gewalt gegen Schwule bezogen sind meine Möglichkeiten deutlich beschränkter. Es gibt bereits Gesetze gegen Gewalt gegen Menschen. Die wird nicht nach sexueller Orientierung der Opfer unterschiedlich behandelt. Wenn Schwule öfter Gewaltopfer werden, ist das kein Privileg der Heteros im juristischen Sinne. Das ist auch nichts, was ich persönlich ablegen könnte wie einen Degen. Ich könnte theoretisch ein paar Heteros verprügeln, um die Statistik auszugleichen, aber das wäre illegal.

Um den Einwand vorwegzunehmen, ja, auch Heteros können Gewaltopfer werden, z.B., weil sie Fans der „falschen“ Fußballmannschaft sind, aber das kann Schwulen ja zusätzlich auch passieren. Doch, es gibt schwule Fußballfans.

Jedenfalls, wann immer es darum geht, „Privilegien abzubauen“, muss geklärt sein, ob damit tatsächlich juristische Sonderrechte gemeint sind, oder einfach Ungleichheiten in der Gesellschaft.

6 Gedanken zu “Privilegien und „Privilegien“

  1. In diesem Beispiel ist der _Besitz_ von Waffen nicht auf den Adel beschränkt, aber nur der Adel darf welche in Friedenszeiten mit sich führen.

    Aber allgemein, angenommen, eine Gruppe, zu der ich gehöre, hätte ein Sonderrecht, von dem ich feststelle, dass es mich bzw. meine Gruppe zu Unrecht bevorzugt. Ich kann die Gruppe nicht verlassen. Ich kann versuchen, das Sonderrecht abzuschaffen, indem ich es entweder auf alle Gruppen erweitere, oder aber, indem ich es komplett abschaffe. Dazu muss ich politisch aktiv werden, entsprechend bei Wahlen abstimmen, etc. pp., oder, wenn mir das nicht gelingt, bzw. in der Zeit, die die Gesetzesänderung benötigt, kann ich entweder das Sonderrecht nutzen, aber darauf verzichten, es bei anderen Gruppen durchzusetzen, oder aber, ich verzichte darauf, es zu nutzen (lasse den Degen z.B. zu hause).

    Jetzt stelle ich aber fest, dass viele Vorteile, die Privilegien genannt werden, keine juristische Grundlage mehr haben, z.B. gibt es kein Gesetz, dass das Verprügeln von schwulen erlaubt oder leichter bestraft. Da ich keine Schwulen verprügele und die Gesetze bereits geändert sind, was soll ich noch weiter machen?

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  2. Ohh, ein bisschen Ironie ist schon dabei.

    Mir werden gelegentlich als Wham Privilegien zum Vorwurf gemacht, die ich tatsächlich habe oder angeblich hätte.
    Der Vorwurf zielt darauf ab, dass ich etwas daran ändere.
    Wenn das fragliche Privileg kein Sonderrecht ist, sondern eine Metapher für einen Vorteil, kann ich das nur durch persönliches Verhalten ändern (manchen, nicht allen, scheint das schon nicht klar zu sein). Ein Beispiel für ein Sonderrecht wäre die Ehe nur für Heteroas.

    Ein Beispiel für einen nicht-juristischen Vorteil – mal EXTREM ÜBERZOGEN!!! – ich lebe als Laktosetoleranter in einem Land mit mehrheitlich Lactosetoleranten, wodurch ich eine große Auswahl an lactosehaltigen Lebensmitteln in jedem Supermarkt vorfinde, was meine Lebensqualität positiv beeinflusst. Das ist ein Vorteil, den Laktoseintolerante nicht haben. Man kann im metaphorischen Sinne von einem Privileg sprechen. Jetzt könnte ich aus Solidarität auf Laktoseprodukte verzichten.

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