Arrgs – Leidtkulthur

Eigentlich wollte ich mich an den Zehn Geboten ich meine Punkten der Leitkultur abarbeiten, die de Maizière mal in den Raum gestellt hatte, aber da das erst hinter der Bezahlschranke von BILD stand, hatte sich das erstmal erledigt.

Jetzt habe ich aber etwas viel „besseres“ und vor allem mehr auf Ausländer abgestelltes Werk bei „Blick“ gefunden. YAY, Liste!

Diese Liste ist zwar für die Schweiz gedacht, aber ich wette, es gibt genug Leute, die das 1:1 umgesetzt für eine gute Idee in diesem unseren Lande (Deutschland) halten. Leider sind diese Rechte, Pflichten und Normen eigentlich dafür ausgelegt, so abschreckend für Auswärtige zu sein wie möglich.

Die Rechte

  1. Das Schweizer Recht gilt in der Schweiz für alle. Erläuterung laut Blick: „Jeder Mensch ist vor dem Gesetz gleich.“ Nun macht das Schweizer Recht aber einen Unterschied, ob jemand Bürger der Schweiz ist oder nicht. Es ist also nicht so, dass jemand, der als Flüchtling in der Schweiz lebt, die gleichen Rechte wie ein Schweizer hätte. Z.B. das Recht zu wählen. Das ist jetzt kein Skandal, weil jeder Staat einen Unterschied macht, ob jemand Staatsbürger ist oder nicht. Aber: Wäre es demnach denn nicht schlauer, Flüchtlingen zu sagen, welche Rechte sie konkret als Flüchtlinge haben, anstatt so zu tun, sie hätten dieselben wie Schweizer Staatsbürger? Oder jedenfalls fairer?
  2. Das Recht steht über der Religion. Ja, okeee. Niemand darf aus religösen Gründen zu etwas gezwungen werden. Aus nicht-religösen Gründen jemanden zu zwingen ist natürlich ganz was anderes. Z.B. Leuten verbieten, an der Versammlungsstätte ihrer Glaubensgemeinschaft, der sie sich freiwillig angeschlossen haben und bezahlen, bestimmte bauliche Veränderungen vorzunehmen (Hallo, Minarettverbot). Natürlich dürfen bestimmte Glaubensgemeinschaften weiterhin Türme bauen, diese antireligiöse Schikane ist also noch nicht einmal konsequent.
  3. Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das ist ein Recht, dass der Bürger gegenüber dem Staat hat, oder umgekehrt eine Pflicht des Staates gegenüber dem Bürger. Oder meinetwegen auch gegenüber dem Flüchtling, so dass Frauen genauso abgeschoben werden wie Männer. Es ist aber keine Pflicht des Individuums gegenüber seinen Mitindividuen, wie hier suggeriert wird. Wenn ich beispielsweise lieber mit Frauen schlafe als mit Männern, ist das keine Respektlosigkeit oder Diskriminierung gegenüber Männern. Es ist auch keine Diskriminierung oder Respektlosigkeit gegenüber Frauen. Mal abgesehen davon, dass Flüchtlinge eher selten in der Position sind, die einheimische Bevölkerung zu diskriminieren, selbst wenn sie’s wollten. Vermutlich ist gemeint, dass die männlichen Flüchtlinge die weiblichen nicht diskriminieren sollen. Aber wenn man sowieso weder wahlberechtigt noch wehrdienstpflichtig ist – weil: Flüchtling – hat man an den jüngsten Errungenschaften der Schweiz (oder auch Deutschlands) in Sachen Gleichberechtigung eh‘ keinen Anteil, also wozu der Hinweis?
  4. Jeder und jede genießt hohe persönliche Freiheit. Ihr dürft aber trotzdem keine Minarette bauen. Und ich will jetzt nicht einmal über die Schweiz lästern, hierzulande gäb’s bestimmt auch noch viele Leute, die was gegen Minarette haben, oder gegen Minarette, Kirchtürme, Stupas, Vimanas und Synagogen mit Turm oder ohne, was zwar noch weniger tolerant, aber dafür konsequenter ist.
  5. Alle dürfen über alles reden. Aber wenn man eine überregionale Zeitung ist, hat man natürlich trotzdem nicht mehr Möglichkeiten, am politischen Diskurs teilzunehmen als als Flüchtling. Wuhuu!

Die Pflichten (wenn schon die Rechte Benachteiligung sind, was kommt jetzt?):

  1. Jeder lernt oder beherrscht eine Landessprache. Gut, das ist jetzt schon eine sinnvolle Sache; auf dem Arbeitsmarkt, beim Einkauf, bei Behördengängen und anderswo ist es generell nützlich, sich mit Leuten verständigen zu können. Aber wieso ist das eine Pflicht? Ist das Verstehen-können nicht etwas, was primär dem „Fremdling“ dient? Nein, für Blick nicht. Auch, wenn niemand mit einem reden will, ist man verpflichtet, andrer Leute Sprache zu sprechen. Um „am täglichen Leben“ teilnehmen zu können? Es hilft dabei sicher weiter, aber Taube, Stumme und Analphabeten kriegen das ja auch hin.
  2. Jedes Kind besucht die Schule und respektiert die Regeln. Ja, ok. (Ich vermute, dass sich das auch auf das Händeschütteln bezieht, aber dazu später.) Dass es in manchen Ländern keine allg. Schulpflicht gibt, oder diese nicht durchgesetzt wird, oder diese nur für Familien ab einer bestimmten Einkommensklasse umsetzbar ist, ist nicht die Schuld von Blick. Und außerdem ein Grund, warum man vllt. überhaupt in die Schweiz ziehen will. Ist insofern der Punkt auf der Liste, der sinnvoll ist. Es ist witzigerweise auch der Punkt, den man als Flüchtling nicht zu unterschreiben bräuchte. Oder jedenfalls nicht in Deutschland, hier werden Flüchtlingskinder eher zwangsweise aus dem Unterricht entfernt als umgekehrt.
  3. Jeder nimmt am Schweizer Alltag teil. Toll. Nichts – und wenn es noch so viel Spaß macht – wird nicht dadurch weniger spaßig, indem man es zur Pflicht erklärt. Egal, ob es Fußball, Karneval, Oper, Kino, Kneipe, Freizeitpark oder Grillen ist. Es ist Deine Pflicht, dabei mitzumachen! „Aber ich will nicht in den Swinger-Club!“ – „Schnauze!“ – „Ich bin doch verheiratet!“ – „Pflichten stehen über der Religion!“ Da fällt mir ein, Auslandschweizer leben doch im Ausland (von der Schweiz aus gesehen)? Die bringen sich doch offenbar auch nicht in den schweizer Alltag ein. Müsste man denen nicht konsequenterweise die Staatsbürgerschaft entziehen?
  4. Jeder verteidigt die Freiheit. Oder, wie Jefferson sagte: „Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit mit dem Blut der Patrioten und Tyrannen gegossen werden.“ Zu welcher der beiden Gruppen man gehören will, darf man sich vorm Bluten aber selbst aussuchen. (Inwieweit man für ein Land einstehen muss, dessen Staatsbürgerschaft man noch gar nicht hat, sei mal dahingestellt.)
  5. Jeder sorgt für sich selbst. Außer, man kann das nicht. Ist etwas schwammig. Was natürlich auch daran liegt, dass man Gastarbeiter (kommen in die Schweiz, um zu arbeiten) und Flüchtlinge (kommen in die Schweiz, weil sie in ihrer Heimat mit Tod und Freiheitsentzug rechnen müssen) in einen Topf wirft.

Die Normen (wollten wir nicht schon immer wissen, was eigentlich normal ist?):

  1. Man zeigt sein Gesicht. Das scheint sich auf die Burka/Vollverschleierungs-Diskussion zu beziehen. Persönlich bin ich gegen ein „Burka-Verbot“. Erstens, weil man schlecht Leuten erklären kann, man sei für weltanschauliche Neutralität, wenn man bei bestimmten Weltanschauungen Verbote einsetzt, zweitens, weil das Hausrecht von Banken und Tanken sowie anderen Institutionen, die ein legitimes Interesse haben, das Gesicht ihres Gegenübers erkennen zu können, ausreichend ist, und drittens, weil ich vllt. irgendwann irgendwie mal selbst in der Öffentlichkeit unterwegs sein will, ohne erkannt zu werden. Und ganz allgemein, weil in der Diskussion „Burka“ und „Kopftuch“ immer so schön vermischt werden. Gründe für ein Burkaverbot reichen nicht annähernd für ein Kopftuchverbot. (Mir ist klar, dass Blick hier nur auf Burkas und ähnliche Vollverschleierungen anspielt, und nicht auf Kopftücher, insofern beziehen sich die letzten beiden Sätze nicht direkt auf diese „Norm“.)
  2. Man reicht einander bei der Begrüssung und zum Abschied die Hand. Und man schreibt Begrüßung eigentlich auch mit „ß“. Aber wen schert’s? Zum Hintergrund, wie ich ihn vermute: Es ist in der Schweiz Sitte, dass sich Lehrer und Schüler vor der Stunde per Handschlag „begrüssen“. Wegen des gegenseitigen Respekts und so. Zwei Jungen verweigerten einmal einer Lehrerin den Handschlag, weil es in ihrer Kultur als respektvoll gilt, fremde Frauen nicht zu berühren. Kompromiss war, überhaupt keinen Lehrern mehr die Hand zu schütteln (entweder alle oder keiner). Also erstens, die einzige Gelegenheit, wo ich einem Lehrer oder einer Lehrerin die Hand zu geben hatte, war bei der Abi-Übergabe. Ob ich darum weniger Respekt vor dem Lehrpersonal hatte als ich es als schweizer Schüler gehabt hätte, sei mal dahingestellt. Offenbar ist meine Kultur mit der in meinem Nachbarland nicht kompatibel. Und zweitens, was mich so richtig ärgert, wenn man mich nach meiner Kultur fragt, wüsste ich erstmal gar nicht, wo ich anfangen sollte. Baukunst, Musik, Bildhauerei, Technik, Malerei, Küche, Umweltschutz, was? Und das sind nur die Sachen, die ich in meiner Stadt zeigen könnte. Und von denen ich mir vorstellen könnte, dass man als Zugereister sich da vllt. gerne anschließen wollte. Was fällt aber Blick ein, wenn es um Blicks Kultur geht? Händeschütteln. Zweimal Händeschütteln. Das tut so weh. Das ist so unglaublich kleinkariert. Das erweckt vor allem den Eindruck, als wollte Blick die Schweiz und ihre Kultur so unangenehm wie möglich darstellen, um Ausländer möglichst abzuschrecken. Nebenbei widerspricht sich das etwas mit Recht Nr. 4, wonach man seine Freiheit ausleben darf, solange man keinen anderen schadet. Inwieweit ich jemanden schade, dem ich nicht die Hand gebe, muss man mir mal bitte in den Kommentaren erklären.
  3. Man behandelt Amtspersonen, ob Frau oder Mann, korrekt und mit Respekt. Genau: Widerstand. Ist. ZWECKLOS! Ok, mir ist schon klar, dass Beamte nicht immer einen superspaßigen Beruf haben. Und ich unterstelle mal, dass Blick jetzt _keinen_ Obrigkeitsstaat will (auch wenn sie vllt. einen kriegt, wenn sie so weiter macht). Aber: Wenn man das so formuliert, impliziert das ganz stark, dass korrektes und respektvolles Verhalten gegenüber Amtspersonen (wieauchimmer das definiert wird) _nur_ gegenüber Amtspersonen zu erfolgen hat. Nicht gegenüber bspw. der Person an der Supermarktkasse.
  4. Man hält Ordnung, Ehrlichkeit und Anstand hoch. Man räumt seine Flüchtlingsunterkunft auf, bevor man abgeschoben wird, man sagt Amtspersonen, was man über sie denkt, und man spielt anständig Skat. Oder Poker. Oder wasauchimmer. Was wollen uns diese Worte denn sonst sagen?
  5. Man trägt Konflikte aus anderen Ländern und Kulturen nicht in die Schweiz. Zum Beispiel die Frage, wie man „Begrüss/ßung“ schreibt.

Ehrlich gesagt, man könnte doch eigentlich jeden Flüchtling das bürgerliche und das Strafgesetzbuch auswendig lernen lassen, das wäre sinnvoller und genauso abschreckend.

Eine etwas schweizfeindlichere Kolumne zu dem Thema gibt’s hier. Die Frage, wie man als Schweiz, als Deutschland oder am besten als Europa mit Flüchtlingen, Gastarbeit und anderen Arten der Migration umgeht, ist sicherlich Thema für eine Zeitung. Man kann sich wegen meiner gerne über bspw. verpflichtende Sprachkurse unterhalten, wenn man genug abhalten kann. Aber diese Wehleidigkeit, diese völlig unangemessene Wehleidigkeit. Händeschütteln. Nicht „wir blinken, bevor wir abbiegen“, nicht „wir halten die Nachtruhe ein“, nein, Händeschütteln. Hände. Schütteln. Sonst geht unsere Kultur zugrunde. Diese Wehleidigkeit macht mehr von unserer Kultur kaputt als alles andere. Inklusive Terroranschläge. Und wenn es wenigstens so wäre, dass Terroranschläge durch Händeschütteln verhindert werden könnten, dann würde ich ja sagen: „Ok, dem guten Zweck zuliebe, macht!“ Aber so doch nicht!

Der andere Hauptgrund, weshalb ich diesen „Integrationsvertrag“ für völlig daneben halte: Er richtet sich an _Flüchtlinge_, nicht etwa an Leute, die kurz davor stehen, die schweizer Staatsbürgerschaft zu erhalten. Das wäre ja prinzipiell noch einsichtig, wenn man sagt: „Leute, unsere Staatsbürgerschaft ist SO begehrt, neben den vielen Jahren, die man vorher in der Schweiz zu leben hat, und den übrigen Formalien, setzen wir daher noch ein paar persönliche Fähigkeiten auf die Liste der Voraussetzungen, und deshalb lernt jeder Möchtegernschweizer folgende Gesetzbücher in einer selbst gewählten Landessprache auswendig [Liste], die bei der Einbürgerung abgefragt werden.“

Und dann gibt es noch Leute, die in der Schweiz arbeiten, weil da das Lohnniveau so hoch ist, die aber nicht dauerhaft dort leben wollen, weil da das Preisniveau so hoch ist (die habe ich oben „Gastarbeiter“ genannt). Viele von ihnen können ganz gut – also quasi auf Muttersprachenniveau – französisch, italienisch oder deutsch, auch wenn sie bei letzterer Sprache „Begrüssung“ immer falsch schreiben, witzigerweise scheint Blick die nicht im Blick zu haben. Möglicherweise, weil diese Gastarbeiter ihre Kinder in den jeweiligen Heimatländern zur Schule gehen lassen. Ach, ganz bestimmt deshalb.

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