Juvenal hat Recht

Alle Nichtmoslems sind islamophob. Eine kleine Erklärungshilfe

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In letzter Zeit hätte man die Welt für islamfreundlich halten können. Politiker_innen setzen sich öffentlich für eine „Kirchen“steuer für Moslems ein. Muslimische Flüchtlinge werden genauso willkommen geheißen wie atheistische, buddhistische oder christliche. Auf den Straßen demonstrieren Tausende gegen islamophobe Rechte. Und ständig versichert irgendein Kumpel, „selbstverständlich kein Problem mit Moslems“ zu haben. Nur der Nachsatz, der dann meist folgt, zerstört dann doch ebenso selbstverständlich die Illusion einer moslemfreundlichen Wert: „Ich bin aber normal Atheist/Buddhist/Christ/whattevar.“

Nichtmoslems sind islamophob. Nein, nicht nur jene 60 Prozent, die laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage den Islam nicht für „zu Deutschland“ gehörig halten. Erst recht nicht die (lt. BILD-Umfrage) 80 Prozent, die ein Burka-Verbot gerechtfertigt  finden. Nein, alle Atheisten/Buddhisten/Christen/Drusen/Etc. sind islamophob. Alle! Und das nicht nur, weil sie in einer islamophoben Gesellschaft aufwachsen. Nichtmuslime sind islamophob, weil sie keine Moslems sind. Oder besser: Weil sie zu Nicht-Moslems gemacht wurden.

„Ich bin nun mal kein Moslem“, würde mein Kumpel jetzt erwidern. Daran ist nichts verkehrt. Die Frage ist nur: Warum ist er das nicht? Ginge es nicht auch anders? Natürlich ginge es anders. Unislamität wird nicht von irgendeinem Gen an- und ausgeschaltet. Es ist ein kulturelles Konzept, das erst durch die Aufwertung des Genusses von Schweinefleisch, Alkohol und Zölibat entstanden ist.

Den Anfang machte die katholische Kirche

Um das zu verstehen, hilft ein Blick in die Geschichte: Wann die Idee von einer „unislamischen“ Normalität in die Welt kam, ist schwer zu sagen. In Europa begann die katholische Kirche im 13. Jahrhundert massiv ihre Vorstellung von einer gottgewollten Religion zu propagieren. Diese orientierte sich damals zwar noch eher an den Praktiken (kein Zölibat=schlecht, Zölibat=gut), aber die Idee von einer „wahren“ und „falschen“ Religion war geboren. Sich neben der Bibel noch einen Koran gönnen? Das endete im mittelalterlichen Europa oft mit dem Scheiterhaufen. Bzw., hätte so enden können, wenn’s denn mal einer ausprobiert hätte. 300 Jahre später waren es die Kolonialherren, die im 16. Jahrhundert aus der religiös legitimierten Zweiteilung der Menschheit eine humanistische machten: „wir“ aufgeklärten Europäer und „die“ ganzen anderen. „Humanismus“ wurde zum Symptom einer guten Lebensweise, jede Abweichung zur Minderwertigkeit erklärt. Die imperialistische Unterdrückung ersetzte die Verfolgung von Heterodoxen, die militärische Eroberung die Teufelsaustreibung. Aus der Ablehnung religiöser Praktiken wurde die Ablehnung einer „rückständigen“ religiösen Identität. „Normal“ war nur der, der zur richtigen Gruppe gehörte: der Europäer.

Es war und ist das Verdienst der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, diese Zuschreibungen verändert zu haben. Aus „Mohammedanern“ machten sie „Moslems“, aus „unnatürlich“ „gleichberechtigt“. Doch die Zweiteilung aufheben, konnten auch sie nicht.

Dass diese Zweiteilung eine kulturelle und soziale und keine biologische ist, zeigt auch der Blick auf Zeiten und Orte, in der sie keinen Bestand hatte: Über 1.000 Jahre lang überlieferten Dichter von Andalusien bis Persien eine islamische und muslimische Selbstverständlichkeit, die Europa völlig fremd ist und war. Von China bis Äthiopien konnten Männer bis ins 19. Jahrhundert in die Moschee gehen, ohne von einer gesellschaftlichen Norm abzuweichen. Dass es weit mehr von ihnen als im heutigen Europa auch taten, lag nicht daran, dass in China mehr Moslems geboren werden. Es liegt daran, dass es die Stigmatisierung von Muslimen, die Idee einer unislamischen Normalität, die Vorstellung man könne nur das eine oder „normal“ sein, lange Zeit nicht gab.

„Männer lassen sich nicht in zwei voneinander getrennte Populationen teilen: islamisch und nicht-islamisch. Nur der menschliche Verstand erfindet Entweder-oder-Kategorien…. Die echte Welt ist ein Kontinuum voller Sunniten, Schiiten, Aleviten, Katholiken, Drusen, Jesiden, Juden, Jainas, Protestanten, Samaritaner, Mahayana-Buddhisten und was nicht alles. Alles Quatsch“, schrieb Diht An-Nuhr, der Hassprediger der deutschen Comedy. Seine Thesen lösten zwar in den 60er Jahren keine sexuelle Revolution mit aus, aber werden dafür von Neurobiologen bestätigt: Es gibt keinen nicht-Islam/Islam-Schalter im Kopf.

Eintrittskarte in den Club der Normalen

Dies dürften auch die meisten „Normalo“ -Männer schon einmal gemerkt haben. Dann zum Beispiel, wenn sie im Suff ihren pubertierenden Kumpels gestanden, doch manchmal über Alkoholverzicht nachzudenken, speziell, wenn er ihnen – wie gerade – wieder zum Halse rauskommt. Der Alkohol, nicht der Verzicht. Dank Fittnesskult und Pulsmess-Armbänder: Der Anteil jener Männer, die diesen Fantasien auch nachgehen, ist historisch hoch: Es wird nur noch halb so viel Alkohol getrunken wie 1990. Aber trotzdem!

Dies liegt nicht daran, dass heute mehr Moslems geboren werden, sondern daran, dass mehr gekifft wird. Nicht-Islam hat dafür heute den Charakter einer Bekenntnisreligion mit Ausschließlichkeitsanspruch angenommen. Ausländerfeindliche Umtriebe können von Bürgern, die sich um ihr ach-so-christliches Abendland Sorgen machen, genauso gut ausgehen wie von Menschen, die seit ihrer Konfirm-, ähh, Erstkomm-, ähhh Jugendweihe.(?).., also nie eine Kirche von innen sahen. Das Bekenntnis „Normalo“ spiegelt nicht die eigene religiöse/weltanschauliche Identität wider. Stattdessen generiert sich die eigene Identität zum großen Teil aus einem gesellschaftlichen Zwang zum Bekenntnis. Atheist/Buddhist/Christ/Druse/Essener/Freidenker/Humanist bedeutet, sich selbst zu vergewissern, nicht „musel“, „Religidiot“, „anders“, oder einfach nur „so“ zu sein. Sie ist die Eintrittskarte in den Club der Normalen. Und diese kann einem mit nur einem falschen Kopftuch, einem Bekenntnis zum Islam, einer Pilgerreise nach Mekka jederzeit abgenommen werden.

Wie der Umgang mit dem Islam zumindest etwas besser gelingen kann, kann der „normale“ Mann übrigens von jenen Menschen lernen, zu denen er sich vermeintlich ausschließlich hingezogen fühlt: Frauen. Mit Absicht handelt dieser Text weder von Lesben noch von heterosexuellen Frauen. Denn auch wenn der gesellschaftliche Zwang zum Bekenntnis auch auf Frauen lastet: Frauen, die sich nicht als Muslima bekennen, gehen oft unverkrampfter damit um, können auf Schweine- oder alles Fleisch verzichten, brauchen keinen Alkohol zu trinken und dürfen zumindest nach der Pubertät Polygamie praktizieren, ohne sozial geächtet sondern sehr, sehr beliebt zu werden. Der Grund: Wie so vieles in patriarchalischen Gesellschaften wurde auch das Konzept der Nichtislam um Männer herum konstruiert.

Noch bessere Vorbilder findet der Normalo-Mann allerdings dort, wo die meisten schon an der Türschwelle in Identitätskonflikte gestürzt werden: in der nächsten Moschee. Denn Islam ist in der Praxis nicht nur das Gegenstück zum Antiislam, er ist dessen Aufhebung. Kaum ein Moslem dürfte ein schlechtes Gewissen wegen eines humanistisch-erotischen Traums haben. Kaum ein Muslim dürfte auf die Idee kommen, sich vor seinen Eltern als „ungläubig“ zu beichten, weil er auf der letzten Party mit einer Frau rumgeknutscht hat, denn die Beichte ist wieder so eine harame Idee der katholischen Kirche. Und kaum jemand, der „einfach kein Bier mag“, muss dies seinen muslimischen Kumpels und sich selbst ständig versichern. Das soll nicht heißen, dass Mann muslimisch sein muss, um seiner Islamophobie zu entkommen. Es reicht, sich von der Idee zu verabschieden, ein Atheist/Christ/Humanist/Halbzeit-Agnostiker/[weltanschaulische Gruppierung, zu der DU, liebe nicht-muslimische Leserschaft gehörst, einsetzen] zu sein.

 

Was das alles mit Juvenal zu tun hat? Der schrieb einst, manchmal sei es schwieriger, keine Satire zu schreiben. Hier musste ich einfach Homosexualität mit Islam ersetzen, ein paar Formulierungen austauschen, und fertig war. Erst wollte ich Juden nehmen, aber das wäre vllt. doch zu krass. Es ginge aber auch mit Veganern, Belgiern, Lehrern, Sith-Lords, Rollstuhl- oder Fahrradfahrern.

Wenn man eine Gruppe schon dadurch ausgrenzt, diskriminiert oder ablehnt, dass man nicht Mitglied dieser Gruppe ist, tut man das nicht nur mit dieser Gruppe, sondern mit jeder anderen.

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