ANTIANTISEMITISMUS III

…und der ganze Rest.

8. Heuschrecken und Rothschilds beherrschen die Welt. Gegenargument: „Klingt kritisch und radikal, aber schon die Nazis haben mit diesen Verschwörungstheorien argumentiert. … Es sind nie einzelne Personen, die als böse Verschwörer die Welt lenken.“ Ok, „Heuschrecken“ als Begriff für eine extrem gewinnoptimierte, risikohaltige, aber wenig nachhaltige Art des Wirtschaften im selben Satz zu verwenden wie einen konkreten Familiennamen, der hier wohl pars pro toto für die Juden als Ganzes stehen soll, klingt polemisch und beleidigend. „Kritisch und radikal“ klingt für mich anders, aber davon mal ganz abgesehen. Korrektur, es ist polemisch und beleidigend. Das Problem ist, dass zwar jemand, der den Kapitalismus als Wirtschaftsform kritisieren will, bzw. gewinnorientierte und wenig nachhaltige Ausprägungen des Kapitalismus (im Gegensatz etwa zu sicherheitsorientierte, nachhaltigere Formen), dies tun kann, indem besagter jemand sagt: „wenig nachhaltige und zu gewinnorientierte Kapitalisten haben zu viel Einfluss auf die Weltwirtschaft und Regierungen.“, aber die Antisemiten formulieren das häufig praktisch genauso, um mal wieder nicht erkannt zu werden. Das Gegenargument setzt irgendwie voraus, dass Antisemiten nicht „unpolemisch“ sein können. Weiterhin stammt der Begriff „Heuschrecken“ in dieser Form mWn erst aus den Jahren der letzten Wirtschaftskrise, also deutlich nach den Nazis, die „Juden beherrschen die (Finanz)welt“-Theorie ist aber deutlich älter als die Nazis. Sie stammt aus dem Mittelalter, wo zeitweise im päpstlich beherrschten Europa Christen kein Geld gegen Zinsen verleihen durften, Juden aber schon. Umgekehrt waren die meisten anderen Berufe für Juden verboten. Was passierte also? Zwar waren nicht alle Juden Geldverleiher, aber praktisch alle Geldverleiher waren Juden. Ist jetzt aber auch schon über ein halbes Jahrtausend her, also sind diesbezügliche Vorurteile und Klischees eeeetwas gestrig. Das Plakat ist hier also recht ungenau. Der eigentliche Klops am Gegenargument ist aber dies: Antisemitismus #8 behauptet ja nicht, das „einzelne Personen“ die Welt lenken, sondern bestimmte Gruppen. Insofern ist der Hinweis, dass ein paar Personen die Welt nicht lenken könnten, zwar richtig, aber kein Gegenargument. Der Antisemit in diesem Argument könnte einfach dagegenhalten, indem er fragt, ob der Antiantisemit denn meint, arme Leute hätten genausoviel Einfluss wie reiche. (Meint er nicht, ist klar.) Jedenfalls, mein Gegenargument: Die Heuschrecken sind in der Finanzkrise zu Tausenden pleite gegangen, und die Rothschilds nicht. Oder: Die Rothschilds waren immer „schuld“, wenn in Europa kein Krieg herrschte. Kein Wunder, dass Hitler die nicht leiden konnte.

9. Kindermörder Israel Gegenargument: Das war früher christlicher Antijudäismus, heute muslimischer. Ja, ist beides schlecht. Mein Gegenargument wäre Kindermörder Palästina. Ich bin aber auch selten auf solchen Demos.

10. Israel boykottieren Gegenargument: „Die Nazis waren ehrlicher und nannten es ‚kauft nicht beim Juden‘.“ Ich vermute, dass das Plakat hier vor allem auf die BDS-Kampagne anspielt. Allgemein bin ich der Ansicht, dass Boykotte bei Verhältnismäßigkeit legitim sind, die hier aber nicht gegeben ist. Vor allem, wenn das Ziel nicht heißen soll: „Seid netter zu den Palästinensern.“, sondern: „Wandert doch aus!“ Mein Argument gegen Israelboykotte wäre: erstens (von Tante Wiki): Der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, erklärte im Dezember 2013, dass die Palästinenser einen Boykott Israels ablehnten, einzig ein Boykott von Produkten aus dem Westjordanland sei legitim. Womit ich insofern konform gehe, als dass Produkte aus dem Westjordanland, die als Produkte aus Israel ausgewiesen werden, eindeutig Etikettenschwindel sind, und ich nicht verpflichtet sein kann, Etikettenschwindel zu unterstützen. Produkte, die als Produkte aus dem Westjordanland verkauft werden, wären was anderes. Andrerseits sollte man bei Obst sowieso am besten heimische Produkte kaufen. Ruhm und Ehre dem Bund Deutsche Äpfel! Zweitens: Von den BDS-Leuten machen zu viele Leute (nämlich mehr als Null) den Hitlergruß. Man könnte jemanden auch ohne Hitlergruß boykottieren, wenn man wollte.

Generell fehlt dem Plakat der rote Faden – es werden Antisemitismen der verschiedenen Gruppen, die sich kaum bis gar nicht überschneiden, vermischt. Zum Beispiel wird als Beispiel für tödliche antisemitische Gewalt genannt: Holocaust, mittelalterliche Progrome in Europa, Progrome in den 1930er Jahren in Palästina, das heutige Vorgehen Palästinas gegen Israel u-hund…: der Anschlag auf den jüdischen Supermarkt im Zusammenhang mit dem auf Charlie Hebdo. Jaaa, das ist damals etwas heruntergespielt worden, aber das heißt doch nur, dass die Islamisten nicht nur gegen das christliche Abendland sind, sondern auch gegen das atheistische Abendland, vertreten durch Charlie Hebdo, und das jüdische Abendland, vertreten durch den jüdischen Supermarkt. Es gab auch schon einen islamistischen Anschlag auf das sikhische Abendland. Falls jetzt wer „Häh?“ denkt, hier, bitte. Punkt ist, dass das nur beweist, dass Islamisten was gegen Atheisten, Christen, Juden, Jesiden, Sikhs, Hindus, Konfuzianer und Buddhisten haben. Ungefähr so, wie Homophobiker was gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transpersonen, Intersexuelle, Transvestiten und andere Leute, von denen sie nie gehört haben, haben. Islamisten haben am meisten was gegen Moslems, die keine islamistische Moslems sind. Das wären in dem Vergleich Heteroas, die keine Homophobiker sind. Übrigens hat Boko Haram zeitgleich ein Dorf in Nigeria vernichtet. Ob es um die zweitausend Tote gab, wie teilweise befürchtet, oder „nur“ ein paar hundert, ist den Quellen nicht zu entnehmen. Aber sechzehn tote Europäer sind natürlich so wichtig, dass man sich fragte, ob das der 11/9 Europas war (man kam zum Schluss: Nein, war er nicht; und glücklicherweise nicht erst, nachdem es schlimmere Anschläge gab). Ich vermute, wenn mal wirklich durch einen Anschlag 2.000+ Afrikaner getötet werden, wird selbst das nicht als der 11/9 Afrikas in die Geschichte eingehen, oder jedenfalls nicht in Europa. Das Plakat hat nicht nur keinen Roten Faden, sondern auch keinen Sinn für Verhältnismäßigkeiten.

Die Deutsche Rechte wird sich bei diesem Plakat von islamistischen Antisemiten distanzieren und sagen, dass man die halt nicht nach Europa hätte lassen sollen. Einige werden sogar pro-Israel argumentieren, weil Israel sich von Islamisten „nichts gefallen lässt“. Linke werden sagen, dass Israel ja „selber schuld“ sei, und bei aller historischer Analyse evt. den Unterschied zwischen Juden und Israelis unterschlagen. Wenn nicht, kommt sowas wie: „Ich habe nichts gegen Juden, ich habe etwas gegen Israel.“ Muslimische Antisemiten sind entweder „links“ und übernehmen diese Argumentation, oder sie sagen, dass Deutsche ja wohl keine moralische Überlegenheit hätten, um den Antisemitismus anderer Leute zu kritisieren. Christliche Antisemiten, die nicht in den Außenrändern des politischen Spektrums liegen, bedienen sich bei beiden Seiten. Atheistische Antisemiten jedweder politischer Heimat tarnen ihren Antisemitismus als Religionskritik. Ein Atheist, der gegen Christen UND Moslems ist, kann ja wohl ohne irgendwelche Einschränkungen auch gegen Juden sein. Man hört als Homophobiker ja auch nicht bei Bisexuellen auf.

Antisemitismus kommt – da hat das Plakat absolut Recht – in verschieden Formen vor. Das Plakat sollte aber darüber reden, dass Vorurteile und Klischees in sozialen und historischen Zusammenhängen entstanden sind, die seit Jahrzehnten oder -hunderten nicht mehr aktuell sind, schon damals nicht fair waren, und seither verwendet wurden, um Stimmung zu machen, vom eigenen Versagen abzulenken oder sonstige politische Ziele zu erreichen. Aber stattdessen behandelt das Plakat sein Gegenüber herablassend. Super Taktik.

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