Antiantisemitismus I

Kommen wir zu einem etwas heikleren Thema – Vorurteile, Diskriminierung und Verfolgung sind ein ernstes Problem, und es mit Argumentieren zu bekämpfen, ist nicht immer einfach, besonders, weil die mit den schlimmsten Vorurteile keine gegenteilen Argumente hören wollen. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass es für die Sache und die eigene intellektuelle Redlichkeit wichtig ist, gute Argumente zu bringen. Schlechte Argumente gegen die andere Sache sind eigentlich Argumente gegen die eigene Sache, weil die andere Partei dann sagt: „Wenn denen nichts besseres einfällt, haben wir Recht.“ Deshalb stellen sich mir bei manchen Argumenten die metaphorischen Nägel auf.

Hier „entstand im Rahmen eines Projektes der Aktion 3.Welt Saar, das vom Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie des Saarlandes gefördert und von Prof. Dr. Dr. h.c. Monika Schwarz-Friesel (TU-Berlin) wissenschaftlich begleitet wurde“, ein Plakat mit Antisemitismen, die mit mehr oder weniger guten Argumenten gekontert werden sollen. Das Plakat versteht sich wohl als Argumentationshilfe, wie man mit antisemitischen Mitschülern, Kollegen, Vereinsmitgliedern, Freunden, Verwandten und Bekannten sowie den Kameraden bei der semioffiziellen Vereinigung „Teutsche Eiche“ diskutieren soll, wenn die mal wieder antijüdische Vorurteile raushauen. Soweit so gut. Ich sehe auch ein, dass ein Plakat nicht so ausführlich sein kann, wie das Thema das eigentlich verdiente, aber die Argumente sind z.T. sehr wenig zielführend.

Ich werde jetzt die zehn Punkte einzeln aufgreifen, erklären, warum ich den zugehörigen Konter oder das Gegenargument für unzureichend halte, und dann jeweils einen meiner Ansicht nach besseren Konter finden. Falls jemand meint, ich wäre für Antisemitismus, weil ich gegen ein Antisemitismusplakat argumentiere, soll er mir das mal erklären.

  1. Heute gibt es keinen Antisemitismus mehr. Gegenargument: „Dem Antisemitismus auf die Schliche zu kommen, heißt auch, bei sich selbst zu suchen.“ Ok, die Behauptung, es gäbe keinen Antisemitismus mehr, ist entweder eine dreiste Lüge, oder schwere Verdrängung, oder sehr sehr naiv und weltfremd. Man kann sich fragen, ob man nach SO einer Aussage überhaupt noch diskutieren will; insofern kann man den Konter als etwas höflichere Version von „mit Dir Vollpfosten rede ich nicht“ verstehen, aber er ist ansonsten sinnlos. Der Lügner weiß, dass es Antisemitismus gibt, und der Verdränger wird nicht nach Antisemitismus suchen, weder bei sich noch sonstwo. Der Naive wird sich aber überzeugen lassen. Wenn man überzeugend ist. Mein Konter wäre demnach [lange Liste von antisemitischen Vorfällen]. Im richtigen Leben einfach Smartphone zücken und googlen.
  2. Man wird doch wohl noch Israel kritisieren dürfen. Gegenargument: „Ja, aber warum ausgerechnet Israelkritik? Hast Du jemals was von Belgienkritik gehört, oder wird hier mit zweierlei Maß gemessen?“ Ok, auch, wenn manche Menschen ihren Antisemitismus als „Israelkritik“ tarnen: Dieses Argument ist höchstens bei Antisemitismen zutreffend, die nichts gegen Belgier haben. Hieße im Umkehrschluss, dass Antisemitismus nicht so schlimm sei, wenn er mit Ausländerfeindlichkeit einhergeht. Äh, nö. Weiterhin, die passende Analogie wäre Palästinakritik, und da würde es mich wirklich interessieren: gibt es Palästinakritik, oder wenn ja, ist sie seltener, harmloser oder jedenfalls fairer als Israelkritik? Drittens wird da die vorhandene Kritik an Belgien unterschlagen; man könnte aber argumentieren, dass Flandern und Wallonen dabei besser wegkommen als Israelis und Palästinenser, weil sie sich nicht mit Waffen bekämpfen. (Allerdings ist Belgien größer als Israel und Palästina zusammen, da kann man sich auch leichter aus dem Weg gehen – Belgier sind also nicht zwangsläufig die besseren Menschen.) Der Hauptgrund, warum ich den Israelkritik-Spruch und den Israelkritik-Konter gleichermaßen ablehne, ist mehr sprachlicher Natur.  Im Deutschen könnte man es so super trennen: wer gegen eine Sache ist, ist ein „Sache-Gegner“, ich bin z.b. gegen Atomkraftwerke und -bomben und daher Atomkraftgegner, wer mit einer Sache unzufrieden ist und dies äußert, ist ein „Sache-Kritiker“. Niemand käme auf die Idee, dass Theaterkritiker Theater abschaffen wollten. Wenn also Belgien kritisiert wird – „Belgisches Bier kann man nicht trinken!“, „Belgische Behörden sind besonders bräsige Bürokratien!“, „Die belgische Regierung steht über aller Kritik, bis wir was zu kritisieren haben, hat die sich doch schon selbst zerlegt!“ – kann das natürlich auch übelst unfair sein, aber nicht jeder Belgienkritiker ist auch ein Belgiengegner. Belgiengegner sind Leute, die Belgien am liebsten ins Meer werfen wollen. Da das Planen eines Angriffskrieges von Deutschland aus in Deutschland illegal ist, tarnen sich Belgiengegner natürlich als Belgienkritiker. Wenn jemand anderes zwar die Absichten der Belgiengegner durchschaut, aber den Begriff „Belgienkritiker“ trotzdem weiterverwendet, wirft er die nicht-gegnerischen Belgienkritiker unfairerweise mit Kriegstreibern in einen Topf und trägt außerdem zur Verharmlosung der Belgiengegner bei. Das sind ja fast zwei Eigentore in einem (das ist mir bei den sogenannten „Asylkritikern“ in den Medien aufgefallen, die teilweise nur als Asylgegner hätten bezeichnet werden konnten. Komisch, dass diese ach-so-„links-grün versifften Gutmenschen“ die Asylgegner mit Samthandschuhen anfassten. Gutmenschen halt.). Deshalb bringe ich sogar zwei Konter: a) Was genau meinst Du mit „kritisieren“? und b) Kritisierst Du eigentlich auch Palästina?
  3. Ein Palästina vom Fluss bis zum Meer. …will z.B. die Hamas. Gegenargument: „Israel soll verschwinden.“ Ok, hier hat das Plakat wohl recht; das Problem mit diesem Punkt ist eher, dass die hiesigen Antisemiten bei „Fluss und Meer“ wohl eher an die Etsch und den Belt denken, als an den Jordan und das Mittelmeer. Weiterhin kann man antisemitischerseits argumentieren, dass man nichts mit der Hamas (wird weitgehend als Terrororganisation betrachtet) zu tun hätte. Die meisten Antisemiten hierzulande werden zu Recht anführen, kein Teil einer kriminellen Vereinigung zu sein. Und der Rest wird zu Unrecht anführen, kein Teil einer kriminellen Vereinigung zu sein. Drittens bin ich dadurch sensiblisiert, dass manche antiislamischen Sprüche, die ich im Internet gelesen habe – und ich suche nicht danach – kein bisschen weniger hasserfüllt, verächtlich und pauschalisierend sind wie antisemitische, und sogar mehr, weil Moslemfeinde nicht so verdruckst sind wie Judenfeinde (oder jedenfalls in Foren, wo sonstwer mitliest). Weiterhin hatte ich bei manchen Leuten auf der Pro-Israel-Seite den Eindruck, dass die bloß Anti-Palästina sind, weil sie Moslem einfach mehr hassen und verachten als Juden. Oder sie hassen und verachten Juden wirklich nicht, sondern nur Moslems, aber das ist kein Trost. Ich nehme nicht an, dass das Plakat hier den einen Antiirgendwenismus gegen einen anderen Antiirgendwenismus eintauschen will, aber mein Unbehagen bleibt. Mein Konter zur Hamas wäre: Und wenn ich Dir widerspreche, beschießt Du mich dann auch mit Raketen? Ok, nicht sooo super geistreich, aber das Plakat erwartet hoffentlich nicht, dass Schüler mit Terroristen diskutieren. Funfact: Erdogan (ich finde das Sonderzeichen nicht) findet, dass die Hamas Freiheitskämpfer sind. Also versuche ich den: Fragt doch Erdogan, ob er Euch Land zwischen dem Mittelmeer und irgendeinem Fluss in der Türkei abgibt.

Und damit Ende von Teil I…

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