Sprachkritik auf höchstem Niveau

Schlechte Nachrichten von Toten und Verletzten gibt es in diesem Sommer viele. Viel zu viele. Hier wird von Jörg Häntzschel ein bislang völlig unterschätztes Problem bei der Berichterstattung über Gewalttaten beschrieben. Neben der Bestürzung und Betroffenheit wegen der Toten und Verletzten, der Sorge, durch Abstumpfung ein gleichgültiger Zyniker zu werden, und der Erkenntnis, dass man doch viel lieber über das Monster vom Baldeney-See berichten würde: Deutsche Sprache ist doof. Das belegen einige sprachphilosophische Erkenntnisse, die teilweise selbst nicht belegt sind, aber das ändert nichts daran, dass die deutsche Sprache doof ist. Denn die deutsche Sprache ist doof. Jemand, der mit ihr Geld verdient, muss es ja wissen.

Er fängt noch ganz nachvollziehbar an: ein „shooting“ ist nicht ganz dasselbe wie eine „Schießerei“, ok, bei einer Schießerei schießen Leute aufeinander, bei einem shooting kann es sein, eine Person oder Gruppe auf eine andere Gruppe schießt, die ihrerseits nicht zurückschießt. In dem Fall wäre „Schießerei“ in der Tat die falsche Vokabel. Jetzt könnte man Übersetzen von Sätzen mit Wörtern, deren Bedeutung nicht eins-zu-eins mit Wörtern aus der Zielsprache übereinstimmen, als intellektuelle Herausforderung sehen, aber nee. Ich habe schon solche Formulierungen gelesen wie „Bei Schüssen wurde in…“, jemand „schoss in eine Menschenmenge“ oder „Bei einem Einsatz/Anschlag/Angriff/Amoklauf…“, aber das mal nur am Rande. Ja, zu Amoklauf kommt noch was.

Dann gibt es für „shooter“ kein dt. Wort, denn der „Schütze“ sei „Mitglied im Trachtenverein. Er trägt eine Armbrust…“. Okeeee, es gibt bestimmt irgendwo in Deutschland einen Verein, dessen Mitglieder Trachten tragen und Armbrustschützen sind. Und Herr Häntzschel und vllt. die Vereinsmitglieder selbst (wobei ich das nicht für wahrscheinlich halte) assoziieren das Wort „Schütze“ zuerst mit denen. Aber erstens sind die meisten Schützenvereine nicht so mittelalterlich, dass sie keine Gewehre verwenden, wenn auch nicht unbedingt automatische, und zweitens ist das dt. Wort für jemanden, der eine Schusswaffe verwendet, „Schütze“. Als Beleg führe ich „Schützengraben“, „Schützenpanzer“ und diverse Wörterbücher an. Wenn Jörg Häntzschel sich tatsächlich Sorgen macht, dass seine Leserschaft bei „Schütze“ zuerst an Armbrusttrachtträger denkt, dann sollte er sich noch viel mehr Sorgen um die Leute machen, die zuerst an Leute mit dem Sternzeichen denken. „Schütze: Sie werden heute alte Bekannte treffen. Vom Armbrustgebrauch ist abzusehen.“ – „Hmmm, komisch, dass andere Sternzeichen sowas nie machen.“ – „Sterne lügen nicht.“

Dann philosophiert er darüber, dass „Scharfschütze“ keine gute Übertragung für „sniper“ sei. Jawoll, dafür sagt man nämlich „Heckenschütze“. Die dürfen sich nicht nur hinter Hecken, sondern auch hinter Mauern, in Schulbuchlagern und dergleichen mehr verstecken. Leberkäse besteht ja auch nicht aus Käse. Witzigerweise behauptet Häntzschel weiterhin, Scharfschützen töteten immer im offiziellen Auftrag. Demnach hat Oswald Kennedy entweder gar nicht getötet, oder aber im offiziellen Auftrag, da er staatlicherseits eine Ausbildung zum Schützen erfahren hatte und immerhin als mittelgut eingestuft wurde, aka „Sharpshooter“. Irgendwer sollte ihm mal einen Thesaurus kaufen.

Mit „to shoot“ kommt er auch nicht klar, weil: „[die Kugel] hat das Opfer getroffen, Blut fließt – das zählt.“ Nein. „To shoot“ heißt, das geschossen wird, ob auch getroffen wird, ist erstmal offen. Zweiten, ja, das Englische macht keinen Unterschied zwischen „er-“ und „anschießen“; das mag bei der Übersetzung von Filmen und Büchern etwas beschwerlich sein, wenn offen bleiben soll, wer lebt oder stirbt. Aber hier beschwert sich ein Journalist, dass das Deutsche ihn quasi zwingt, Aussagen über die Anzahl der Toten und Verletzten zu machen. Halloho! Genau das wollen die meisten doch wissen! Wenn Ihnen das zu lästig ist, werden Sie doch bitte Sportreporter. Außerdem, drittens, was das „quasi“ betrifft, wenn man sagen will, dass jemand von einer Kugel getroffen wurde, aber keine Aussage machen kann, ob tödlich oder nicht, dann kann man einfach „getroffen“ sagen, wie ich gerade und Sie selbst. Und viertens nehme ich „erwischt“ in dem Zusammenhang nicht als Euphemismus wahr. Für mich sind Euphemismen Schönfärbereien wie „ableben“ für „sterben“. Würden man „erwischt“ verwenden, um den Angehörigen eines Anschlagopfers Bericht zu erstatten? Oder eher doch „getroffen“?

Das Wort „Amoklauf“ sei besonders bizarr. Ich sehe das „besonders“ nicht. Klar wird „Amok“ eher mit psychopathischen Verhalten in Verbindung gebracht, aber das allein hält doch niemanden davon ab, nach „rationalen“ Erklärungen zu suchen. Aber was hieße in diesem Zusammenhang „rational“? Dass der Amokläufer in Schule oder Beruf und auch im Privaten viel Stress und Ärger hatte, und deshalb eines Tages loszieht, und ein Dutzend Leute umbringt? Oder dass der Amokläufer einfach geisteskrank war? Wobei würde man eher sagen: „Achso, jetzt ist mir das klar!“? Ich habe keine Ahnung, was Häntzschel damit meint. Deutsche Sprache ist voller vager Zweideutigkeiten. Er hat Recht.

In aktuelleren Fällen werden „Amoklauf“ und „Terroranschlag“ gegenübergestellt. Der Hauptunterschied: bei Amokläufen ist das Motiv deutlich mehr persönlicher Natur, weshalb die jeweiligen Täter typischerweise alleine oder (Columbine) zu zweit sind, während Terroristen eher weltanschauliche Ziele verfolgen, daher eher Gesinnungsgenossen finden, typischerweise terroristische Vereinigungen bilden, und man bei der Strafverfolgung nach Komplizen suchen muss. Bevor ich missverstanden werde: es ist sicher möglich, dass manche nicht in dieses Raster passen, sei es, dass sie eine völlig neue Gemengelage von Mordmotiven für sich entdecken, sei es, dass die Ermittlung und Forschung hinterher vor einem Rätsel steht, weil es zu wenige oder zu viele Spuren und Indizien gibt. Das ist der Grund, warum man sich nicht zum Sklaven von Wörtern und ihren Konnotationen machen darf, was Herr Häntzschel offenbar für das unvermeidbare Schicksal hält.

Zuletzt führt er aus, warum „Massentötung“ und „Massenmord“ nicht gehen. Bei „Massentötung“ will ich nichts sagen, wenn manche Menschen das tatsächlich hauptsächlich mit Tieren in Verbindung bringen, ist es toten Menschen gegenüber zu respektlos. „Massenmord“ halte ich aber schon für eine gute Alternative, wenn einem „Amoklauf“ zu psychotisch klingt. Dass „wir“ Deutsche das nicht mehr verwenden wollen, halte ich mal für ein ähnlich glaubwürdiges Gerücht wie das von den Scharfschützen, die nur im offiziellen Auftrag töten – erstens waren „wir“ nie gut in Massenmord, sondern in Völkermord, zweitens ist die Verwendung eines Wortes nicht dasselbe wie die Sache, drittens, „wir“ müssten es ja nicht verwenden, wir müssten es bloß lesen, viertens, warum sollten „wir“ Angst haben, wenn jemand anderes etwas tut, was „wir“ auch schon taten*, bloß viel viel öfter, und fünftens, wie kann „unsere“ „Angst“ – so denn vorhanden – Herrn Häntzschel davon abhalten, das Wort zu verwenden? Entweder hat er selber Angst und projektiert sie, oder seine Redaktion streicht es ihm immer wieder raus. Wenn seiner Redaktion das Wort Angst einjagt, sollte man sich vllt. Gedanken machen, ob vllt. gar nicht „wir“ Deutschen das Problem sind.

Der ganze Artikel macht drei Prämissen, die er nicht belegt, bzw. zwei Prämissen und eine Konsequenz:

  1. die Konnotationen von Wörtern in einer Sprache wären bei allen Menschen, die diese Sprache sprechen, gleich (Schütze = Armbrustschütze im Trachtenvergleich).
  2. Menschen sind außerstande, Konnotation von Bedeutung zu trennen (ich denke bei „Schütze“ immer an Armbrüste, also ist hier ein Armbrustschütze gemeint).
  3. weil 1. und 2. stimmt, kann man bestimmte Wörter nicht verwenden, weil alle damit bestimmte Konnotationen haben, denen sie nicht entkommen können und die ihr Denken in eine Richtung steuern, die der Autor nicht beabsichtigt.

Und das finde ich wirklich wehleidig; wenn ihm „Schütze“ nicht gefällt, soll er „Angreifer“ schreiben. Wenn er „Amoklauf“ zu schwammig oder irreführend findet, kann er „sogenannter Amoklauf“ schreiben. Oder „‚Amoklauf'“ mit Gänsefüßchen, wenn ihm das ganze Konzept nicht überzeugt. Wenn er in einem konkreten Fall fehlende oder widersprechende Informationen hat, soll er genau das schreiben, um Gerüchte zu unterbinden.

* Kann sein, dass er mit „Angst“ „Schuldgefühle“ meint, in welchem Falle er keine Vorträge über die richtige Wortwahl im Deutschen halten sollte, aber wenn doch, ändert sich die Frage auf: „Warum sollten ‚wir‘ viertens Schuldgefühle wegen eines Verbrechens bekommen, wenn wir sehen, dass auch andere Leute dasgleiche oder geringere Verbrechen begehen?“

Änderung 7.10.: Tippfehler und schlechte Formulierung (Scharfschütze bezieht sich auf „sniper“, nicht auf „shooter“)

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