Metadiskussion: Bessersprechen für Anfänger III

Um das Thema „Geschlechtergerechte Sprache und ihren Nutzen“ auch auf andere Bereiche als studierende Menschen zu beziehen, möchte ich das mal an einem ganz anderen Beispiel ausführen: einem Ausbildungsberuf mit notorisch geringem Frauenanteil:

Dachdecker

Ich kenne eine Dachdeckerin, wer noch? Dachte ich’s mir. Jedenfalls, jetzt könnte man sich zu dem Thema auf verschiedene Standpunkte stellen:

  1. Frauen dürfen Dachdecker werden, wenn viele Frauen das nicht wollen, ist das aber auch ok.
  2. Frauen werden in vielen Dachdeckereien gemobbt, ausgegrenzt oder gar nicht erst eingestellt, dagegen muss man was tun.
  3. Der sogenannte Gender-Pay-Gap ist ist zwischen Dachdeckern und Dachdeckerinnen besonders hoch, die zuständigen Firmen müssen die Praxis, männlichen Dachdeckern grundsätzlich ein Fünftel mehr Geld zu geben, endlich aufgeben. (Na, eigentlich kriegen Männer laut Gender-Pay-Gap-Theorie sogar ein Viertel mehr, aber dessenungeachtet)
  4. Dachdecker kriegen grundsätzlich keinen Schwangerschaftsurlaub, erst letztens musste eine Hebamme für eine Entbindung auf eine Fledermausgaube.
  5. Es gibt verschiedene Gründe, dass wenige Frauen sich fürs Dachdeckerhandwerk interessieren; sie zu erforschen wäre mal ein interessantes Projekt.
  6. Es liegt daran, dass ständig „Dachdecker“ gesagt wird, anstatt eine geschlechtergerechte Formulierung zu verwenden.

Wenn man Punkt 6 als relevant betrachtet, und manche tun das offensichtlich, ist die nächste Frage, wie man das formulieren sollte. Als Analogon zu „Studierende“ „Dachdeckende“ ist falsch, da es nach gültige Rechtschreibung „Dach Deckende“ heißen muss. Oder, weil es keine einmalige Tätigkeit ist, „Dächer Deckende“.

Sieht komisch aus, hört sich komisch an, und so richtig stimmt das auch nicht, weil Dachdecker außerdem z.B. auch Dächer und Fassaden abdichten und Regenrinnen und Fallleitungen bauen. Ganze Arbeitsgänge werden also sowohl durch die Berufsbezeichnung Dachdecker als auch durch jede halbwegs praktikable Ersatzversion „verschluckt“.

Und wenn man statt „Dächer Deckende“ „Dachdeckerinnen und Dachdecker“ sagt, sind das neun statt drei Silben; wenn man es häufiger mit Dachdeckern zu tun hat, werden Texte recht lang. Dies zu tun, um darauf Rücksicht zu nehmen, dass“wir“ die weiblichen Dachdecker sonst nicht wahrnehmen, halte ich für übertrieben. Sachverhalt und Grammatik decken sich in vielen Fällen nicht, und es wird in anderen Fällen auch erwartet, dass die Zielperson sich ihren Teil dazu denkt, indem sie ihr Abstraktionsvermögen einsetzt. Wer hat beim vorigen Satz ausschließlich an Männer gedacht? Wenn ja, wieso?

Was meine ich mit „Aussage und Grammatik decken sich nicht“? Geht das? Ja, folgendermaßen:

„Morgen kommt der Dachdecker und tauscht meine Ortgangpfanne aus.“ Hier sind Grammatik und Sachverhalt nicht deckungsgleich:

  1. es wird das Maskulinum „Dachdecker“ verwendet, obwohl es wie gesagt auch weibliche Dachdecker gibt und ich das Geschlecht im konkreten Fall nicht wissen kann.
  2. es wird der Singular verwendet, obwohl ich davon ausgehe, dass das mindestens zwei Personen sind, eine für die Ortgangpfanne, und eine, die die Leite hält.
  3. der Satz steht im Präsens, obwohl die Handlung in der Zukunft spielt.

Trotz der Punkte 2. und 3. wird der Satz vermutlich vom Großteil meiner Leserschaft verstanden werden (googelt meinetwegen Ortgangpfanne und lasst Euch nicht verwirren, wenn Eure Rechtschreibprüfung das markiert); wenn das Tempus nicht mit der Zeit zusammenfallen muss, und der Numerus nicht mit der Anzahl, warum dann dann das Genus mit dem biologischen Geschlecht? Ist die folgende Formulierung für das Verständnis günstiger?:

„Morgen werden mindestens zwei Dachdecker kommen oder mindestens zwei Dachdeckerinnen oder mindestens je eine Dachdeckerin und ein Dachdecker, um meine Ortgangpfanne auszutauschen.“

Ja. So viel besser. Intersexuelle Dachdecker fühlen sich mal wieder nicht mitgemeint. Bei allem Respekt vor Dachdeckern, die sich nicht als „männlich“ identifizieren, das konsequente Verwenden der Beidnennung führt schnell dazu, dass man am liebsten gar nicht mehr über diesen Beruf redet, um sich solche Bandwurmsätze zu ersparen.

Das inkonsequente Verwenden führt zur völligen Verwirrung; wenn man 50 mal „Dachdeckerinnen und Dachdecker“ sagt und einmal nur „Dachdecker“, wird das auch von den härtesten Vertretern des generischen Maskulinums so verstanden, dass das eine Mal wirklich nur die männlichen gemeint sind.

Ein praktikabler Mittelweg wäre folgender:

  • bei Anreden Beidnennung „Liebe Dachdeckerinnen und Dachdecker (und Innungsmitglieder mit sonstiger Sexualidentität)“
  • bei konkreten Individuen Genus passend zum Sexus „der Dachdecker“ bzw. „die Dachdeckerin“ oder, sofern zutreffend, „der intersexuelle Dachdecker“ (nicht das intersexuelle Dachdecker; man sagt ja auch nicht „das Zwitter“ oder „die Sopran“ oder „der Drohne“)
  • bei konkreten gemischten Gruppen ggfs. aufzählen „drei Dachdecker und eine Dachdeckerin“ – das geneigte Publikum wird sich denken, dass drei männliche Dachdecker gemeint sind – oder Beidnennung „die Dachdeckerinnen und Dachdecker“, wenn von beiden Geschlechtern mindestens zwei zugegen sind, aber keine Intersexuellen (dann wird’s kompliziert)
  • wenn betont werden soll, dass die konkrete Gruppe nur aus Männern oder Intersexuellen besteht „die männlichen/intersexuellen Dachdecker“; „Dachdeckerinnen“ ist kürzer als „weibliche Dachdecker“, also ist das zu präferieren
  • bei der generischen Gruppe „Menschen, die den Dachdeckerberuf ausüben“ generisches Maskulinum „Dachdecker“ (Plural ohne Artikel); Beispiel: „Dachdecker müssen schwindelfrei sein“ – geht irgendwer jetzt davon aus, dass Frauen in dem Beruf nicht schwindelfrei zu sein brauchen? Oder Intersexuelle?
  • bei einem unspezifischen Individuum aus der Gruppe der Menschen, die den Dachdeckerberuf ausüben, ebenso generisches Maskulinum „ein Dachdecker“; bspw.: „Etwas halten wie ein Dachdecker“
  • bei Abstraktionen ebenso das generische Maskulinum „der Dachdecker“, damit meine ich z.B. Formulierungen wie: „Der Dachdecker schickt seine Schlussrechnung“, womit keine natürliche Person gemeint ist, sondern eine juristische, nämlich die Dachdeckerei.
  • in Fällen, wo man das biologische Geschlecht der gemeinten Personen nicht kennt, nicht für wichtig hält, nicht verraten will oder die sonstwie nicht unter den obigen Fällen erfasst sind, muss man sich halt was eigenes ausdenken

Womit ich sagen will, dass Beidnennung je nach Kontext genau das richtige oder ziemlich daneben sein kann. Ich bezweifle, dass es respektvoller gegenüber Dachdeckerinnen ist, sie „Dächer Deckende“ zu nennen, als sie in einigen Fällen unter „Dachdecker“ zusammenzufassen.

Das Argument jedoch, dass die Beidnennung Mädchen motivieren soll, eine Dachdeckerausbildung anzufangen, weil die ständige Erwähnung von „Dachdeckern“ Mädchen irgendwie davon abhält zu denken, dass das auch ein Beruf für Frauen sei, verdient eine eigene Betrachtung. Rein theoretisch klingt das einleuchtend, wenn ein Mädchen am Ende seiner Schulzeit noch nie das Wort „Dachdeckerin“ gehört hat, kommt es vllt. gar nicht auf die Idee, das werden zu wollen. Jetzt bin ich der Ansicht, dass Berufsentscheidungen eigentlich mehr durch Elternhaus, Schule oder sonstiges Umfeld geprägt werden, als durch den Sprachgebrauch, und weiterhin, dass eine reflektierte Betrachtung der eigenen Talente, Interessen, Vorlieben, Fähigkeiten und Schwächen für die Berufswahl entscheidender sein sollte als geschlechtergerechte Formulierungen, mit wie viel sprachwissenschaftlichen und pädagogischen guten Absichten diese auch verwendet werden, aber das ist nur meine Wunschvorstellung, eigentlich scheitert diese Motivation daran, dass das nur Theorie ist.

Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass man bei „Dachdeckerinnen und Dachdecker“ an beide Geschlechter denkt; na sowas aber auch. Gibt es auch Untersuchungen, die beweisen, dass geschlechtergerechte Sprache so wirkungsmächtig ist, dass es die Frauenquote in allen Berufen erhöht? Ich habe die hier gefunden; allerdings belegt sie nur, dass Grundschulkinder Berufe mit Beidnennung sich eher zutrauen als Berufe mit männlicher Bezeichnung (dafür halten sie Berufe mit rein männlicher Bezeichnung auch für prestigeträchtiger, weil schwieriger). Das ist kein Beweis, dass sie diese „leichteren“ Berufe später auch ergreifen werden; denn erstens sind das Grundschulkinder, wer von uns übt den Beruf aus, den sie oder er sich in der Grundschule vorgestellt hat (jaja, irgendwer schreit wieder „hier“!), zweitens sind das Grundschulkinder, was wissen Grundschulkinder von Berufstätigkeit, und wie leicht oder schwer welcher Job ist, und drittens sind das Grundschulkinder. Bei dieser Testreihe könnte man bestimmt auch ermitteln, dass Kinder Müllmänner für prestigereicher halten als Bankkaufmänner und -frauen aka Bankkaufleute. Grundschulkinder sind also leicht zu manipulieren, insbesondere von Psychologinnen und Psychologen. Gut, dass Grundschulkinder noch keine Ausbildungsverträge abschließen dürfen. Hoffentlich sind Jugendliche gefestigter.

Jedenfalls, solange es keine Untersuchungen gibt, die belegen, dass Beidnennung zu einer tatsächlichen Erhöhung des Frauenanteils in Berufen mit sehr hohen Männeranteil führen, ist dies noch kein Argument für die Beidnennung. Offenbar ist die Frauenquote nicht in allen Berufen gleich niedrig; wenn nur das generische Maskulinum Mädchen davon abhält, einen Beruf zu ergreifen, sollte es da viel weniger Unterschiede geben. Weiterhin müssten in Berufen mit geschlechtsneutraler Bezeichnung doch deutlich mehr Frauen arbeiten als in solchen mit männlicher, oder?

Stimmt auch. Frauenanteil bei Dachdeckern in D. – Link siehe oben – 5‰   Fünf. Promille. Ein halbes Prozent. Verdammtes generische Maskulinum. Und bei den Bergleuten? Letztens waren es 9‰ Also fast das Doppelte. Tendenz steigend! Und dabei kriegen Männer dort sogar i.M. 40% mehr Geld als Frauen, s. Spalte von 2010. Da steht zwar nicht „für dieselbe Arbeit“, weshalb darin möglicherweise sogar unterschiedliche Tätigkeiten erfasst sein könnten, aber hey! Ok, wir haben heute gelernt, dass geschlechtsneutrale Berufsbezeichnungen den Frauenanteil fast verdoppeln können, so dass Bergleute fast ein volles Prozent Frauenquote zusammenbekommen, wohingegen nicht einmal die Hälfte aller Tankwarte weiblich ist. Kein Wunder, wenn Tankwartin so ein seltenes Wort ist.

Oder geschlechtergerechte Sprache ist einfach nur eine neue Methode, die moralinsauren Spießerinnen und Spießer heraushängen zu lassen.

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