Metadiskussion: Bessersprechen für Anfänger II

…und weiter geht’s.

er: „Die Retortenwörter (möchte er bekämpfen)! Sie nerven mich, weil sie hässlich klingen und Fremdkörper in unserer Sprache sind.“

Und noch irgendwas mit Gedichten. Das ist natürlich Blödsinn: „Studierende“ reimt sich auf „Redigierende“, „Menstruierende“, „Masturbierende“, „Koalierende“ und „Transformierende“. Und vielen, vielen anderen Wörtern. Und im Maskulinum Singular „Studierender“ auch auf „Vierender“, wenn auch etwas schief, und außerdem ist das sexuell konnotiert, weil Vierender nur die männlichen Hirsche sind. Außer beim Ren. Leider kann man heutzutage mit Dichtkunst kein Geld mehr verdienen, weil es mehr Dichtende gibt als Gedichte Lesende. Klingt komisch, ich weiß.

sie: „…wenn die sprachliche Brillanz und argumentative Kraft eines Zeitungsartikels am seidenen Faden des generischen Maskulinums hängt, dann taugt er nicht viel.“

Jein. Ich als Leser stoße mich nicht am gelegentlichen Gebrauch des Wortes „Studierende“, aber je mehr Silben ein Text hat, desto länger braucht man, um ihn zu lesen, desto eher verliert man die Konzentration, desto schneller verliert man die Aufmerksamkeit, desto weniger Lust hat man, wo war ich? Achja. Weiter:

„…Oder so lange an der Formulierung basteln, bis man auf ein geschlechtlich codiertes Wort verzichten kann. …“

Ja, das hättest Du mal machen sollen. Und:

„Die Neuerfindung „Profx“ ist auch eine tolle Idee!“

Naja; erstens, wenn das Wort „Profix“* ausgesprochen werden soll, wäre es vllt. hilfreich, es auch so zu schreiben, zweitens, wie schreibt man Menschen, die in der Küche arbeiten, aber sich in der Zwei-Geschlechter-Ordnung nicht wiederfinden? „Der Koch, die Köchin, dx Kx?“ Persönlich fände ich eine Sprache mit mehr als drei Genera toll, aber vllt. darf es etwas praktikabler sein? Ein schönes Beispiel ist Burushaski, in dem es neben Genera, die ungefähr dem dt. Maskulinum, Femininum und Neutrum entsprechen, noch ein viertes gibt für Abstrakta, Stoffe und andere nichtzählbare Sachen – endlich Schluss mit der Frage, ob es der, die oder das Nutella ist, es ist „d4“ Nutella!

„PS: Ich gehe nicht von nur zwei Geschlechtern aus!“

Und? Ist die Information, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, Gegenstand Deines Artikels? Wenn nicht, wieso sollte mich das als Leser eines Artikels, der nicht von der Anzahl menschlicher Geschlechter handelt, interessieren? Und wenn es mich nicht interessiert, wieso meinst Du, mir das erzählen zu müssen, bin ich ein kleiner Junge, der belehrt werden soll?

er: [Irgendwas mit „Comicsprache“ blahbla irgendwas mit „Flüchtlinge“ vs. „Flüchtende“ vs. „Geflüchtete“] „…viel Aufwand für wenig Effekt. Es gibt wirklich wichtigere Dinge.“

Da hast Du mal Recht – Ausländerfeinden ist es egal, wie Du die Leute nennst, die sie nicht leiden können, weil Du eh‘ der böse Redakteur bei der „Systempresse“ bist. Und die Leute, die Leuten auf der Flucht gerne helfen wollen, werden nicht damit aufhören, selbst, wenn Du die „Asylanten“ nennst. Und die paar Leute, die sich von Deiner Wortwahl manipulieren lassen, lassen sich von wemanders genauso leicht in die andere Richtung manipulieren, oder sind fest in ihrer Filterblase einbetoniert (Blasenfilter besteht nicht aus Seife, sondern aus Beton). Also mach Dir mal nicht allzu viele Gedanken.

sie: „Ach, und wer definiert bitte schön, was ‚wichtige Dinge‘ sind?“

Keine Ahnung? Vermutlich die Leute, für die Du arbeitest und entscheiden, welche Artikel nach vorne kommen und welche nach hinten? Ich hab’s nicht so mit rhetorischen Fragen.

Frauen mussten sich den Zugang zu Bildungsinstitutionen erkämpfen, das ist gerade mal hundert Jahre her.“

Okeeee, praktisch sämtliche Frauen, die damals da mitgekämpft haben, sind also tot. Wie vorher im Schriftverkehr erwähnt wurde, sind hier und heute die Hälfte aller Studierenden weiblich. Warum dieses hierzulande überwundene Problem wichtiger sein sollte als Behinderteninklusion, rassistische Ausgrenzung, Umweltzerstörung oder der Krieg in Syrien, ist mir jetzt nicht gerade evident, also sollte das eben wirklich eine rhetorische Frage sein?

„Schreibweisen wie ‚Professor_innen‘ oder ‚Student*innen‘ aktivieren unser historisches Bewusstsein.“

Oh, wir teilen uns also „ein Bewusstsein, das jeden Raum erfüllt“? Nein. Schreibweisen wie „Professor_innen“ sind einfach Abkürzungen, weil jemand nicht „Professorinnen und Professoren“ schreiben will, die man aber ausspricht, wenn man es vorliest, und „Student*innen“ ist nicht aussprechbar. Wenn ich eine Sprache nicht aussprechen kann, kann ich sie nicht richtig nutzen, wenn ich etwas nicht richtig nutzen kann, schließt es mich aus. Ergo dient „Student*innen“ dazu, mich zu exkludieren.

er: [50 Prozent aller Studenten sind doch schon weiblich]

sie: [Uni Leipzig verwendet das generische Femininum]

er: „…unsere schöne Sprache leidet darunter.“

Ok, jetzt ist die Frage, was geschlechtergerechte Sprache erreichen soll? Da in D. ebenso viele Männer wie Frauen studieren, ist die geschlechtergerechte Verteilung von Bildung eher nicht das Ziel, weil es schon erreicht ist. Die gerechte Verteilung nach sozialer Herkunft bspw. wäre vllt. ein Ziel, dem man sich nunmehr widmen sollte, aber ich sehe ehrlich gesagt nicht, wie das mit geschlechtergerechter Sprache erreicht werden sollte. Und generisches Femininum erzeugt mehr Silben, was Texte verlängert, um eine Geschlechtergerechtigkeit zu erzeugen, die im Unibereich wie gesagt erreicht ist. Man könnte jetzt an ihrer Stelle einwenden, dass in den einzelnen Studiengängen die Geschlechterverteilung nicht gleichmäßig ist. Jetzt wäre die weiterführende Frage, ob die Geschlechterverteilung der Studiengänge an dern Uni Leipzig gleichmäßiger ist als an anderen, oder ob das eine reine Marketingaktion ist. Wenn die geschlechtergerechte Sprache nicht dazu dienen soll, eine gleichmäßige Verteilung von Männern und Frauen an der Uni zu erreichen, ist sie eher überflüssig. Nebenbei, wenn irgendeine Frau nur deshalb nicht studiert, weil sie in der Zeitung  „Studenten“ statt „Studierende“ liest, ist sie etwas leicht manipulierbar und sollte vllt. besser gar nicht studieren. Gilt sinngemäß für Männer, die „Studentinnen“ lesen.

sie: „‚Unsere‘ Sprache? Wer ist denn dieses Wir?“

Ja, in der Tat. Wer ist „wir“? Dieselben „wir“, die bei „Studenten“ nur an Männer denken? Aber weiter im Text:

„Weißt Du eigentlich, was Professorinnen, die so argumentieren wie ich, von rechtskonservativen Kräften für Hassbotschaften einstecken müssen?“

Hierbei bin ich etwas zwiegespalten. Klar sind Hassbotschaften von rechtskonservativen Kräften schlecht, aber andererseits argumentiert er jetzt nicht gerade mit „Frauen gehören an den Herd, nicht in die Uni“. Weiter ginge es ja demnach auch um die Frage:

„wer im öffentlichen Diskurs seine Stimme erheben darf. Vielleicht ja auch Menschen, die ‚unserer‘ Sprache noch gar nicht mächtig sind?!“

Dt. Professorinnen haben wohl kaum Probleme, im öffentlichen Diskurs ihre Stimme zu erheben, sonst würden die rechts-konservativen Kräfte in ihrer Konservendose ja gar nicht mitbekommen, was die so sagen. Bei Leuten, die seiner, ihrer oder vllt. auch meiner Sprache noch gar nicht mächtig sind, ist das natürlich schwieriger. Aber inwiefern lässt sich der Deutschunterricht durch geschlechtergerechte Sprache beschleunigen? „Wie spricht man das Sternchen aus?“ – „Das ist ein Schnalzlaut wie das ! in !Xóõ.“ – „Aaah, warum schreibt ihr das nicht gleich so?“

sie nochmal: „…die Umbenennung der ‚Studentenwerke‘ in ‚Studierendenwerke‘.“

Die nicht stattgefunden hat. Bei Elementen von Komposita außer dem letzten einfach immer die kürzere Variante wählen, Komposita werden auch so schon lang genug. Wenn jemand denkt, dass das dt. Studentenwerk nicht für weibliche und intersexuelle Studierende offen steht, hält dieses jemand „Brautleute“ auch für die Bezeichnung von zwei Frauen, die heiraten. Oder drei. Kein Mitleid!

Der Rest ist eigentlich nur Hick-Hack. Beide argumentieren weniger um der Sache und den konkreten Artikel willen; für beide finde ich, dass es bessere Argumente gäbe. In ihrem Falle finde ich es besonders traurig, dass sie keine Argumente findet als die „politischen“. Oder, dass ihre „politischen“ Ziele Probleme sind, die gelöst sind, so dass das „Studierende“ höchstens noch Kosmetik ist. Und vor allem, dass sie den Artikel nicht direkt geschlechtsneutral** formuliert hat.

Wäre was anderes, wenn sie über die Müllabfuhr berichtete, und „Müllmenschen“ statt „Müllmänner“ schriebe. Da ist noch viel Gleichstellungsbedarf.

 

* (1/8/16) Mittlerweile habe ich erfahren, dass Pr.ecs Hornscheid nunmehr „ecs“ (für „exit gender“) als Endung und Pronomen präferiert. Die Aussprachefrage ist damit geklärt, ich möchte aber darauf hinweisen, dass Wörter, die auf „s“ auslauten, im Deutschen eher schlecht zu deklinieren sind. Weiterhin braucht ecs für ecs‘ Titel noch einen geeigneten Artikel, damit man über ecs nicht nur (decs Professorecs?) sprechen, sondern auch als indirektes Objekt verwenden kann. Wie heißt das im Dativ?

 **(4/8/16) Mit „geschlechtsneutral“meine ich hier „so geschlechtsneutral, dass nur diese Formulierung funktioniert und nicht einfach umgeschrieben werden kann“; da sie mit Studentinnen gesprochen hat, z.B. einfach eine StudentIN zitieren, so dass er daraus kein „Student“ machen kann. Oder mal „die Studentenschaft“ schreiben. Oder – mal ganz tricksig – „der oder die Studierende“, dann müsste er daraus „der Student oder die Studentin“ machen, neun Silben statt acht, was ihre Formulierung knackiger macht.
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