Metadiskussion: Bessersprechen für Anfänger I

In diesem Artikel wird sehr exemplarisch die Diskussion um geschlechtergerechte Sprache geführt; es ist der Mailverkehr zwischen einer Autorin und einem Redakteur der Zeit über die Frage, ob es in einem Artikel „Studenten“ oder „Studierende“ heißen sollte. Beide Parteien argumentieren so rein gar nicht mit dem Kontext an der Stelle, von daher kann man dazu auch nichts sagen. Aber es geht ja auch nicht um den Kontext, sondern ums Prinzip!

Aber gehen wir die Argumente mal im einzelnen durch.

sie: „Das generische Maskulinum verschluckt die Studentinnen, mit denen ich bei meiner Recherche gesprochen habe!“

Jein. Ist es für die Geschichte wichtig, welches Geschlecht die Befragten haben? Haben die weiblichen Studierenden vllt. andere Ansichten als die männlichen? Vermutlich eher nicht, weil sie sonst wohl direkt von Studentinnen und Studenten gesprochen hätte, und die ganze Diskussion gar nicht aufgekommen wäre.

er: „Ich aber mag das Wort ‚Studierende‘ nicht und werde weiter von ‚Studenten‘ schreiben, wenn ich junge Menschen beiderlei Geschlechts meine, die studieren. Das Wort ist kurz und hat sich bewährt.“

Und mich mag das Wort „Leberkäse“ nicht, weil das Zeug weder Käse ist noch aus Leber besteht, aber was will ich machen? Ich mag das Zeug. Aber auch hier wäre jetzt der Kontext wichtig, wenn es direkt um das Studium ginge, fände ich eine Formulierung wie: „Der Professor ist bei den Studierenden sehr beliebt.“ nicht verkehrt, bei Dingen außerhalb der Uni sollte es aber besser: „Die Kneipe war bei den Studenten sehr beliebt.“ heißen, man ist in der Kneipe ja eher selten am studieren. Und wenn jetzt die Frage kommt: „Auch bei den Studentinnen?“; wenn die Kneipe nur bei männlichen Studenten beliebt ist, sollte man „männliche Studenten“ schreiben, wenn sie bei beiden Geschlechtern beliebt ist und man das betonen will: „bei Studentinnen und Studenten“. Oder je nach Kontext kann man auch vllt. ganz was anderes schreiben. Leute, die mit Schreiben ihren Lebensunterhalt verdienen, könnten sich da mal was einfallen lassen. Oder sie führen einfach Diskussionen wie diese.

sie: „[Sprache] bildet die Welt nicht spiegelbildlich ab, sondern prägt und formt unsere Realität.“

Ok, aber Leberkäse besteht immer noch nicht aus Leber und/oder Milchprodukten, egal, wie oft man ihn Leberkäse nennt, also ist die Wirklichkeit im Zweifel immer einen Tacken stärker als die Sprache. Weiter:

„Übrigens haben sprachwissenschaftliche und psychologische Studien nachgewiesen, wie groß der Einfluss geschlechtergerechter Sprache ist: Wenn wir von Politikern, Lesern, Studenten sprechen, dann aktiviert das in unserem Gedächtnis nur männliche Personengruppen. Verwenden wir ein neutrales Wort oder die Paarform, stehen uns imaginär Männer und Frauen vor Augen.“

Erstens wie immer die Frage, wer ist „wir“? Bezieht sich das „wir“ auf dieselbe Gruppe wie das „uns“? Ich nehme mal an, sie meint „wir alle“, aber ich fühle mich da nicht so richtig mitgemeint. Aber gut, selbst, wenn die Mehrheit aller Deutschen bei „Studenten“ nur an männliche Studenten denkt, ist das deren Fehler, nicht der Fehler des Wortes. Zweitens, bei neutralen Wörtern denkt man an beide Geschlechter? Immer? Auch bei Bankkaufleuten, Abgeordneten, Reisenden, Obdachlosen, Zimmerleuten, Prostituierten, Zivildienstleistenden, Gleichstellungsbeauftragten und Deutschen? Dochdoch, die Prostituierte, der Prostituierte, viele Prostituierte – als substantiviertes Adjektiv ist „Prostituierte“ im Plural geschlechtsneutral, und im Unterschied zu anderen Wörtern aus der Liste gibt es kein Gesetz, dass diese Tätigkeit nur einem Geschlecht ermöglicht. Drittens, wie gesagt, käme es auf den Kontext an – bei einer generischen Gruppe „die Studenten an der Uni xy“ oder einem abstrakten Teil dieser Gruppe „jeder interessierte Student muss sich bis zum 1.10. anmelden“ gehe ich automatisch davon aus, dass das als generisches Maskulinum gemeint ist; oder soll das zweite Beispiel heißen, dass Studentinnen sich noch am 2.10. anmelden dürften? (Irgendwer ruft jetzt sicher wieder „ja“.) Bei einer konkreten Person oder Personengruppe würde ich so formulieren, dass grammatikalisches und biologisches Geschlecht übereinstimmen und das auch so erwarten; „der dreiundzwanzigjährige Student“ oder „die drei Studenten“ im Unterschied zu „die Studentin und die zwei Studenten“. Das Stichwort lautet pars pro toto (ja, sind eigentlich drei). Wenn jemand „in den eigenen vier Wänden“ wohnt, bzw. „unter dem eigenen Dach“ sind die jeweils nicht genannten Bauteile mitgemeint. Und die Bodenplatte. Eine Sprache mit solchen doofen Redensarten sollte ein generisches Maskulinum überdauern.

er: „[blabla …Sprache pflegen… bla …scharfes Schwert… Brei… bla.] Aus dem Lehrling wurde der Auszubildende, im Volksmund schnell zum Azubi verkürzt, sein weibliches Pendant zur Azubine verjuxt.“

Der Witz hier ist, dass „die Auszubildenden“ ja auch schön neutral sind. Das Argument hierbei wäre, dass kürzere Formulierungen leserfreundlicher sind. Aber jemand, der aus bildlichen Schwertern bildlichen Brei werden lässt, ist vllt. nicht so super stilsicher, um jetzt den Sprachmacker heraushängen zu lassen. (Ok, ich arbeite nicht für die Zeit, vllt. wird man da so.)

sie: (zu der Metapher) „… Meine Güte, wen möchtest Du damit bekämpfen??“ Und wenn soll sie mit dem Brei füttern? Hachja, die Metapher bildet Metastasen aus.

 

Im nächsten Teil geht es wieder mit richtigen Argumenten weiter.

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