Triggerwarnung

Es werden in vielen Blogs und anderen sozialen Medien Triggerwarnungen vorausgeschickt; im folgenden werde ich ungefähr ausführen, was das ist und warum ich das Problem etwas allgemeiner angehe.

Um etwas weiter auszuholen, ein psychisches Trauma nennt man es, wenn jemand zum Opfer oder Zeuge eines schweren Verbrechens, eines Krieges oder einer Naturkatastrophe wird und darunter psychisch leidet, im Gegensatz zu einem physischen Trauma, was eine körperliche Verletzung ist. Man kann natürlich auch beides haben, aber es ist unbedingt nicht so, dass jemand, den man ohne einen Kratzer nach dem Bombentreffer aus dem Bunker holt, weniger leicht ein psychisches Trauma erleidet als jemand, dem man hinterher auch noch ein Bein abnehmen muss.

Wenn man Pech hat, schließt sich an das psychische Trauma die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) an. Das ist, wenn man Wochen, Monate oder Jahre später das Erlebte nicht überwunden hat, und unter Angstzuständen, Schlaflosigkeit oder anderen Symptomen leidet. (Was nebenbei kein Zeichen von Schwäche ist; warum manche Menschen bei an sich gleichen Traumata PTBS entwickeln und andere nicht, scheint verschiedenen Faktoren zu unterliegen, die wenig bis gar nicht der Kontrolle des Individuums unterliegen). Und eines dieser Symptome sind plötzlich auftretende Erinnerungen (Flashbacks) an das traumatisierende Erlebnis, die durch verschiedene Reize ausgelöst werden, wie ein Anblick, ein Geräusch, ein Geruch oder ein Wort, der  mit dem Erlebnis irgendwie zu tun hat. Dieser Reiz muss weder das eigentlich Traumatisierende sein, und er kann in einem völlig anderen und deutlich harmloseren Zusammenhang auftreten, trotzdem löst er eine Retraumatisierung aus, und der Mensch mit PTBS durchlebt sein Trauma nochmal. Mit Schockstarre, Atemnot und dergleichen mehr.

Diese Reize nennt man Trigger, weil das nicht nur „Auslöser“ bedeutet, sondern auch „Abzug“ (an einer Waffe, nicht am Kamin). Ein Beispiel wäre z.B. das Opfer eines Raubüberfalles, dessen Trigger der Gruß „Mahlzeit“ ist, weil der Räuber das sagte, bevor er seine Knarre zog.

In einem eher übertragenden Sinne ist ein Trigger aber auch alles, was schlechte Gefühle, Gedanken oder Erinnerungen hervorruft, sagen wir bei einem Menschen mit frisch diagnostizierter Multipler Sklerose Autos mit münsteraner Nummernschild.

Und da beginnt das Problem mit Triggerwarnungen. Erstens ist es etwas fragwürdig, Metaphern aus der Medizin und Psychologie zu verwenden, weil irgendwann die eigentliche Bedeutung nicht mehr wahrgenommen wird. Wenn man sagt: „Etwas/jemanden hassen wie die Pest.“, ist dem Großteil des Publikums wohl klar, dass „etwas/jemand“ keine Epidemie sein soll, die ein Drittel der Bevölkerung tötet, aber die Redensart: „Das ist doch schizophren.“ soll bedeuten: „Dieses Verhalten ist widersprüchlich oder hochgradig inkonsequent, als ob da jemand eine gespaltene Persönlichkeit hat, deren eine Hälfte der anderen zuwiderläuft.“. Dies vereinigt mehrere Vorurteile und Halbwissen in einem, da einerseits „gespaltene Persönlichkeiten“ fachsprachlich nicht Schizophrenie heißen, sondern“multiple Persönlichkeiten“ bzw. „dissoziative Identitätsstörung“, zweitens Menschen mit multiplen Persönlichkeiten sich nicht notwendigerweise hochgradig inkonsequent verhalten, und drittens Schizophrenie ganz andere Symptome hat, wie z.B. Verfolgungswahn. Eine Person mit Verfolgungswahn kann sich extrem konsequent verhalten, weil sie alle ihre Entscheidungen unter der Prämisse trifft, verfolgt zu werden; die Prämisse ist zwar falsch, aber die Logik ist konsequent richtig. Ja, „schizophren“ heißt soviel wie „spaltgeistig“ und ist insofern eine eher schlechte Beschreibung des Leidens, aber trotzdem.

Der andere Grund, wieso Triggerwarnungen fragwürdig sind, ist, dass die nicht nur aus Rücksichtnahme für Menschen mit PTBS ausgesprochen werden, oder meinetwegen auch für Menschen mit MS und anderen ernsten Krankheiten, sondern vor allen möglichen Wörtern, die als beleidigend, anstößig oder unhöflich gelten, um die Leute nicht zu schockieren, die Anstoß nehmen könnten. Das ist so ähnlich, als würde man Behindertenparkplätze nicht nur für Gehbehinderte freigeben, sondern auch für Leute, die nur sehr sehr langsam sind. Oder wie Brillen für Normalsichtige, weil die gerade so hip sind. Die Brillen, nicht die Normalsichtigen.

Der Hauptgrund, warum ich in Zukunft keine Triggerwarnungen vor bestimmten Wörtern aussprechen werde, ist aber der, dass prinzipiell jedes Wort ein Trigger sein kann. Wenn ich nur vor bestimmten Wörtern warnte, würde ich Menschen mit PTBS in zwei Klassen einteilen.

  • PTBS 1. Klasse: kriegt eine Warnung
  • PTBS 2. Klasse: kriegt keine

Und ich käme mir etwas doof vor (und es sähe vllt. auch wie Spott über PTBS aus), wenn ich vor jedem Eintrag schriebe: „Dieser Text enthält Wörter und demnach kann Trigger enthalten.“ Leute mit PTBS wissen das.

Deshalb schreibe ich es hier:

 Liebe Menschen mit PTBS, und auch liebe Menschen mit schlimmen Krankheiten und Erlebnissen, die keine PTBS haben, und hier mitlesen:

Ich kenne Eure Geschichten nicht, aber wünsche Euch alles Gute. Was diesen Blog betrifft, so werde ich darauf achten, dass jeder Eintrag einen Titel und oft noch eine Einleitung hat, die ungefähr ankündigen, worum es darin geht; falls das Thema bzw. damit zusammenhängende Wörter für jemanden von Euch belastend sein könnten, sollten die Betreffenden also Gelegenheit haben, davon Abstand zu gewinnen. Das wird nicht garantieren, dass Ihr hier nie getriggert werdet, aber ich versichere, dass das ohne böse Absicht geschieht. Leute ohne vergleichbare Probleme, die bestimmte Themen oder Wörter einfach nicht mögen, dürfen die entsprechenden Texte natürlich ebenfalls ignorieren. Aber für Euch würde es von mir eh‘ nie Triggerwarnungen geben, also beschwert Euch nicht.

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